«Man sollte alle Parlamentarier einmal nach Tschernobyl schicken»
Von Vincenzo Capodici, Kiew. Aktualisiert am 30.04.2011 79 Kommentare
«Das lässt niemanden kalt»: Urs Hany, CVP-Nationalrat aus dem Kanton Zürich, kurz vor der Rückreise. (Bild: Vincenzo Capodici)
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Für Tagesanzeiger.ch/Newsnet im Norden der Ukraine unterwegs: Reporter Vincenzo Capodici beim Höhlenkloster in Kiew.
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Zwischen 10'000 und mehr als 100'000 Todesopfer, viele Millionen gesundheitlich Betroffene in Europa, weil sie erhöhter radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren oder sind, grosse kontaminierte Gebiete, die Hunderte Jahre nicht bewohnbar sein werden, Verschärfung der sozialen und wirtschaftlichen Probleme: Diese Zahlen und Fakten illustrieren die schlimmen Folgen der nuklearen Katastrophe von Tschernobyl, die sich vor 25 Jahren ereignete.
Eine ergänzende, aber sehr wichtige Sicht auf die Atomenergie - respektive auf die Gefahren, die bei einem GAU von ihr ausgehen - ergibt sich bei einem persönlichen Augenschein vor Ort. Eine 30-köpfige Gruppe aus der Schweiz, darunter mehr als ein halbes Dutzend Mitglieder des Nationalrats, nahm sich dies vor. Sie bereiste diese Woche mit Green Cross die Tschernobyl-Region.
Die Gruppe besuchte Pakul, ein sehr armes Dorf, das 60 Kilometer von Tschernobyl entfernt ist und wo die Böden teilweise radioaktiv verseucht sind. Auf dem Programm standen auch die Besichtigung des AKW-Geländes in Tschernobyl mit nahem Blick auf den Unglücksreaktor, zwei Gedenkfeiern zu Ehren der Opfer von Tschernobyl, Treffen mit Betroffenen, Behördenvertretern und Politikern sowie der Besuch der Geisterstadt Pripjat und der Stadt Slawutitsch, die nach dem GAU als Ersatzsiedlung gebaut worden war.
«Das war mir nicht so deutlich bewusst»
Die Nationalräte von SP und Grünen sahen sich nach der Tschernobyl-Reise in ihrer Meinung bestätigt, dass die Schweiz so rasch wie möglich aus der Atomenergie aussteigen muss. Anders präsentierte sich die Situation für Urs Hany. Der Nationalrat aus dem Kanton Zürich gehört der CVP an, die - ähnlich wie die FDP - eine neue Position in der AKW-Frage sucht. Fukushima hat dies notwendig gemacht. Hany betont jedoch, dass er sich bereits vor der japanischen AKW-Katastrophe für die Reise nach Tschernobyl angemeldet habe. Er habe sich vor Ort über die Folgen des GAU informieren wollen. Was er gesehen habe, «lässt einen nicht kalt.»
Hany ist bislang nicht als Skeptiker der Atomenergie aufgefallen. Der Besuch der Tschernobyl-Region hat ihn allerdings sehr nachdenklich gestimmt. «Vor Ort sieht man, wie ‹nachhaltig› die Auswirkungen eines AKW-Unfalls sind», sagt der 55-jährige Nationalrat und Ex-Präsident der Zürcher CVP im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Das wir mir vorher nicht so deutlich bewusst.»
«Auswirkungen in der Schweiz wären schlimmer als in Tschernobyl»
Hany macht sich Gedanken über die Frage, welche Folgen ein GAU in der Schweiz hätte. «Weil unsere Atomkraftwerke in sehr dicht besiedelten Regionen liegen, wären die Auswirkungen viel schlimmer als in Tschernobyl», sagt Hany, «ein Drittel des Mittellands wäre auf einen Schlag zerstört.»
Der CVP-Nationalrat will sich für Alternativen einsetzen, «wenn es tatsächlich so ist, dass der Strombedarf von Wirtschaft und Bevölkerung auch ohne Atomenergie gewährleistet werden kann». Er geht davon aus, dass im politischen Prozess noch viele Abklärungen und lange Diskussionen notwendig seien. Die Erfahrungen von Tschernobyl müssten allerdings zentral sein für die Festsetzung der künftigen Energiepolitik in der Schweiz. Dazu äussert Hany eine Idee: «Man sollte alle Parlamentarier einmal nach Tschernobyl schicken.»
Ukrainische Politiker sehen keine Alternative zur Atomkraft
Im Gegensatz zur Schweiz, wo der Atomausstieg ernsthaft diskutiert wird, ist die AKW-Frage in der Ukraine kaum ein Thema in der öffentlichen Diskussion - trotz Tschernobyl und trotz Fukushima. Bei einem kurzen Treffen mit nationalen und regionalen Parlamentariern in Kiew bestätigt sich rasch, dass es «im Moment keine Alternative zur Atomenergie gibt». Diese Meinung herrsche in fast allen Ländern rund um den Globus vor, sagt ein Politiker, fast entschuldigend, im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet.
In der Ukraine haben die Menschen andere Sorgen als in der Schweiz. Das zweitgrösste Land Europas hat mit argen wirtschaftlichen und sozialen Problemen zu kämpfen. Ein grosser Teil der Bevölkerung kämpft ums Überleben. Viele Arbeitsplätze hängen von der Atomwirtschaft ab. Ein Beispiel dafür ist Slawutitsch, die Ersatzsiedlung für die radioaktiv verseuchte Stadt Pripjat. Mehrere tausend Einwohner von Slawutitsch arbeiten im stillgelegten AKW Tschernobyl. Und in Slawutitsch gibt es einen so genannten Atomreparaturservice, der vor allem von den Aufträgen der ukrainischen AKW lebt. Mit diesem Unternehmen verbindet die Stadt Slawutitsch grosse Hoffnungen für die Zukunft.
Rund die Hälfte des Stroms kommt aus Atomkraftwerken
Die vier Atomkraftwerke, die derzeit in der Ukraine in Betrieb sind, sind in ihren Regionen wichtige Arbeitgeber. Die Bedeutung der Atomkraft zeigt sich auch an der Tatsache, dass rund 50 Prozent der Stromproduktion des Landes aus der Kernenergie stammen.
Die Ukraine ist auch ein Land, wo die Interessen der Atomwirtschaft ein deutlich stärkeres Gewicht in der Politik haben als die Anliegen von Bürgergruppierungen und Umweltorganisationen. Nicht zuletzt als Erbe der kommunistischen Tyrannei existiert immer noch eine Arroganz der Behörden, die die Risiken der Nukleartechnologie verharmlost und kritische Stimmen ignoriert. Schliesslich hat Präsident Viktor Janukowitsch in den letzten Wochen immer wieder klar gemacht, dass die Ukraine mangels wirtschaftlich haltbarer Alternativen an der Atomkraft festhält.
Mit diesem Artikel endet die Berichterstattung von Tagesanzeiger.ch/Newsnet aus der Tschernobyl-Region aus Anlass des 25. Jahrestags der atomaren Katastrophe im damaligen Lenin-Kernkraftwerk. Die Reise, an der mehr als ein halbes Dutzend Eidgenössische Parlamentarier teilnahmen, wurde von Green Cross Schweiz organisiert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.04.2011, 17:21 Uhr
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79 Kommentare
Wer von den Parlamentariern immer noch Geld von der Atomlobby oder den Wirtschaftsverbänden bezieht (Economiesuisse) soll so gut sein und sich im Falle eines AKW Gau's in der Schweiz als Liquidator zur Verfügung zu stellen.
Niemand könnte die Frechheit und Arroganz verstehen, wenn sie für diese Arbeiten schon Andere vorgesehen hätten.
Antworten
Ein Besuch im havarierten AKW würde sicher manchem die Augen öffnen. Im gleichen Rahmen schlage ich vor, dass Parlamentarier eine Reise in die Vororte von Berlin, Paris und London machen, damit ihnen die Vorzüge der ungebremsten Immigration klar wird. Und nicht vergessen: beim Besuch nicht mit den Integrationspolitikern schwatzen, sondern mit den wirklich Betroffenen! Antworten
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