«Marine Le Pen spricht auch die Linke an»

Der Historiker Thomas Maissen analysiert, warum der rechtsextreme Front National die französische Präsidentschaft gewinnen könnte.

Sie erschliesst der Rechten neue Wähler: Anhänger Marine Le Pens an einem Wahlkampfanlass. Foto: Thibault Camus (AP, Keystone)

Sie erschliesst der Rechten neue Wähler: Anhänger Marine Le Pens an einem Wahlkampfanlass. Foto: Thibault Camus (AP, Keystone)

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Seit Donald Trumps Sieg scheint alles ­möglich. Auch eine Wahl Marine Le Pens, die in Umfragen knapp führt?
Angesichts der Zersplitterung in der Parteienlandschaft war es bereits vor Trumps Wahl eigentlich klar, dass Marine Le Pen zumindest in die zweite Runde der französischen Präsidentschaftswahlen kommen wird. Aber die US-Wahlen – wie auch der Brexit – haben nochmals mit Nachdruck deutlich gemacht, dass bei Umfragen nicht unbedingt angegeben wird, für wen oder was man tatsächlich stimmt. Insbesondere wenn es um rechtsextremistische Positionen geht wie im Fall des Front National. Die grosse Frage ist zurzeit, wer in der zweiten Runde gegen Marine Le Pen zur Wahl stehen wird. Falls François Fillon oder Emmanuel Macron das Rennen machen, kann es sein, dass viele Linke nicht zur Wahl gehen werden, wir also nochmals eine ähnliche Situation erleben wie bei den US-Wahlen.

Als viele ihre Stimme nicht abgaben, weil Hillary Clinton für sie keine echte Alternative war.
Genau. Zurzeit deutet ja nichts darauf hin, dass die Linke mit Jean-Luc Mélenchon oder Benoît Hamon eine Chance hat, in die zweite Runde zu kommen. Es könnte daher viele Leute geben, die sich sagen, ich sehe keinen Unterschied zwischen einem Bankier wie Emmanuel ­Macron und einer Rechtsextremen wie Marine Le Pen. Wie auch nicht zwischen einer Politikerin wie Le Pen, die EU-Gelder missbraucht, und einem Rechtsliberalen wie François Fillon, der seine Familie beschäftigt. Deshalb bleiben viele Linke vielleicht lieber zu Hause und behalten so ihr reines Gewissen. Das erhöht die Wahlchancen von Le Pen.

Die Linke ist in Frankreich erfahrungsgemäss sehr stark.
Ja, man muss von einem Wähleranteil von rund vierzig Prozent ausgehen. Bleibt die Hälfte davon zu Hause, dann wird einiges möglich. Für Anhänger der extremen Linken ist aber auch eine Stimme für Le Pen eine Möglichkeit. Ordnungspolitisch steht der Front National ja sehr weit links, etwa mit dem Schutz des weissen, katholischen Arbeitnehmers. Der Antikapitalismus und die Gewährleistung von starken Sozialrechten unterscheidet den Front National auch von der SVP, die durchaus die Bereitschaft hat, sich dem internationalen Markt zu stellen, vielleicht mit Ausnahme der Bauern. Das Ziel des Front National hingegen ist ganz klar: Er will Frankreich konkurrenzfähig machen, indem er die Zollgrenzen wieder aufbaut und aus der EU austritt, also mit einer sehr stark national geprägten Wirtschaftspolitik. Das erinnert sehr viel stärker an Trump als an die SVP. Ich bin mir sicher, dass der Front National im zweiten Wahlgang tüchtig Stimmen bei den Linken abgraben kann.

Wer ist Marie Le Pen? Sie setzt auf das Motto «Frankreich zuerst» und holt sowohl rechte, wie auch linke Wähler ab. Warum die Rechtpopulistin so gut ankommt erklärt Auslandchef Sandro Benini.

Auch in Frankreich gibt es eine Art Rostgürtel. Wählt der Le Pen?
Es gibt tatsächlich Regionen etwa im Norden Frankreichs, die man mit Pennsylvania und anderen Orten im Rust Belt vergleichen kann. Was in Frankreich nicht nur mit der Deindustrialisierung zusammenhängt, sondern damit, ob man am Schnellzugnetz des TGV dran ist oder nicht. Die TGV-Linien bilden ein Netzwerk von Städten, die pulsieren können. Mittlere Städte haben grosse Probleme, attraktiv zu sein, ganz zu schweigen von kleineren Dörfern. Das ist ein sehr französisches Phänomen: Man ist entweder dabei oder nicht, und das hängt vom Zugang nach Paris ab.

Und wenn man nicht dabei ist, wählt man Le Pen?
Darauf deutet vieles hin. Eine traditionelle Arbeiterschaft, die früher ganz klar kommunistisch gewählt hat und nun unter Perspektivlosigkeit leidet, bildet sicher einen sehr grossen Pool an Wählern, die in Marine Le Pen ihre letzte Hoffnung sehen. Die Übereinstimmung von Arbeitslosigkeit und Zustimmung für Le Pen ist frappant. Deshalb liegt der Front National in Paris beim Wähleranteil noch immer im einstelligen Bereich. Denn hier sind die Arbeitslosen ja grösstenteils Immigranten, die den Rassismus des FN spüren und ablehnen.

Zurzeit scheint Macron der stärkste Gegner von Le Pen zu sein. Was macht ihn so attraktiv?
Eigentlich ist Macron ja ein Produkt von François Hollande, dessen Wirtschaftsminister er war; auch wenn er jeden expliziten Bezug tunlichst vermeidet, damit er nicht ins Kielwasser von Hollandes nicht sehr erfolgreicher Präsidentschaft gerät. Wie viele andere Politiker ist Macron als Absolvent der Ecole Nationale d’Administration zudem ein typisches französisches Eliteprodukt. Das merkt man auch: Macrons Programm ist geprägt von einer technokratischen Herangehensweise, wobei er als früherer Banker auf seine Erfahrungen in der Privatwirtschaft verweisen kann. Das ist eine Kombination, die ihn attraktiv macht und die Hoffnung nährt, dass mit ihm jemand an die Macht kommt, der die richtigen Lösungen hat. Macron ist zudem jung und unverbraucht. Das alles ist bei ihm verbunden mit persönlicher Glaubwürdigkeit – auch in der privaten Biografie.

Macron lebt mit einer wesentlich älteren Frau zusammen.
Wenn man Macron mit Nicolas Sarkozy oder François Hollande vergleicht, die mit dem Glamour von jüngeren Frauen Staat machen wollten, dann geniesst Macron sicher eine grössere Glaubwürdigkeit und Seriosität, die noch nicht mal langweilig ist: Er führt zwar eine unkonventionelle Beziehung, steht aber zu dieser. Nach Hollande und Sarkozy gibt es einen grossen Überdruss an Selbstdarstellern, die wenig leisten.

Macron ist also gesetzt für den zweiten Wahlgang?
Sicher ist das nicht. Ich schliesse nicht aus, dass Fillon in die zweite Runde kommt. Er hat ein mutiges Reformprojekt verkündet und die Partei im Rücken, die wahrscheinlich die Parlamentswahlen gewinnen würde. Zudem strahlt er in den TV-Diskussionen als erfahrener Politiker eine gewisse staatsmännische Ruhe aus, während Macron oft als übereifriger Student erscheint.

Ist Marine Le Pen wählbarer geworden, weil sie, anders als ihr Vater, nicht antisemitisch auftritt?
Das ist ein Element. Jean-Marie Le Pen ist nicht nur ein Antisemit, sondern ein Rassist mit einschlägiger Vergangenheit im Algerienkrieg, wo er die Folter praktizierte. Seine Wähler bekannten sich klar zu einer Tradition: zum Vichy-­Regime, zu Pétain, auch zu einer ultra-katholischen Tradition der Republikfeinde. Das alles hat Marine Le Pen sehr geschickt über Bord geworfen. Mutmasslich auch ohne Bedauern. Es gibt sicher noch einige, die ihrem Vater nachtrauern. Aber ein pragmatischer Rechtsradikaler kann sich problemlos zu ihr bekennen, weil sie für ein ethnisches Volksverständnis und die Idee eines autoritären Staates einsteht.

Wenn nicht an Vichy – an welche Traditionen knüpft Marine Le Pen dann an?
Marine Le Pen orientiert sich historisch an einem «ewigen Frankreich». Also an einer Grunderzählung, die auch an den Schulen sehr stark ist. Und in der die Bedeutung der Könige, der französischen Nation oder von Jeanne d’Arc hervorgehoben wird, wobei Letztere schon immer eine wichtige Figur für den Front National war. Auf die kann sich Marine Le Pen als Frau aber noch viel stärker beziehen als ihr Vater.

Sie enthistorisiert also ihre Partei und verlängert sie zugleich in ein zeitloses Franzosentum?
Genau. Ich finde es auch interessant, dass Marine Le Pen den Laizismus, also die Trennung zwischen Staat und Religion, in ihr Programm integriert hat. Denn eigentlich ist diese Partei ja auch aus dem kirchlich-katholischen Milieu heraus entstanden, das den laizistisch-säkularen Staat ein Jahrhundert lang abgelehnt hat. Hier hat Marine Le Pen eine Kehrtwende vollzogen, indem sie den Laizismus zu einem antimuslimischen Programm umgeformt hat, weshalb sie auch keinen Verlust bei den Stammwählern des Front National riskieren musste. Denn das ist ja etwas, was viele Leute sehr stark umtreibt, wenn man an die Burka- und Burkini-Diskussionen denkt.

Marine Le Pen fordert ein Verbot von muslimischen Symbolen in der Öffentlichkeit.
Was mit dem Laizismus gar nichts zu tun hat, sondern einfach nur die Diskriminierung einer Religion ist. Aber genau das macht sie ja so attraktiv: Das ­Gesetz zum Verbot von sichtbaren religiösen Symbolen in der Schule, das unter Chirac entstand, ist ja auch kein Gesetz des Front National. Im laizistischen Frankreich wird Religion für viele als eine Bedrohung, Einschränkung und Gegengewalt empfunden, während in anderen Ländern vielmehr partnerschaftliche Verhältnisse zwischen Staat und Religionen praktiziert werden. Ich habe schon ein wenig gestaunt, wie sehr sich sogar Macron gewunden hat, als es in der TV-Diskussion um die Burkini-Frage ging. Zumindest einer der fünf Kandidaten hätte ja sagen können, dass es uns egal ist, wie die Leute am Strand sich kleiden. Denn letztlich ist das ja ­Privatsache.

Wenn Marine Le Pen die Muslime ausgrenzen will und mehr ­Sicherheit gegenüber terroristischen Bedrohungen verlangt, bedient sie sich also des in Frankreich gut verankerten Laizismus?
Ja, die liberale Gelassenheit gegenüber religiösen Symbolen, wie wir sie in der Schweiz und Deutschland kennen, ist in Frankreich nicht sehr verbreitet. Wenn Marine Le Pen den Laizismus als Waffe gegen den Islam nutzt, regen sich denn auch wenige liberale Reflexe. Sie spricht damit sogar einen Teil der antireligiösen-atheistischen Linken an wie auch die konservativ-katholische Fraktion, die überhaupt nicht atheistisch, aber sehr wohl antiislamisch ist. Das ist eine Gemengelage, in der sich Marine Le Pen sehr wohl fühlt. Und da sieht man, wie der Front National mit seiner Forderung nach Ausgrenzung und mehr Sicherheit den Takt in der politischen Diskussion vorgibt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.04.2017, 23:26 Uhr

Thomas Maissen Mit seinem Buch zu den «Schweizer Heldengeschichten» (2015) forderte er die SVP heraus. Der 54-Jährige ist Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Paris.

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