Marty am Kosovo-TV: Geschichte holte auch die Schweiz ein

Mit dem Bericht zum angeblichen Organhandel in Kosovo wirbelte Dick Marty viel Staub auf. Nun erklärt er sich in einem TV-Interview. Ein bewegender Mix aus Hartbleiben und Sympathiebekundungen.

Ankündigung auf Television Kosova (RTK) für die Ausstrahlung des Marty-Interviews. (Quelle: Youtube / albaninfo.ch)


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«Ich habe überhaupt nichts ausser Sympathie und Mitgefühl für die Kosovaren. 1999 war ich extra in Albanien, um die Flüchtlingslager zu besuchen, und ich war tief betroffen und hatte Tränen in den Augen. Als ich zurückgekehrt war, schrieb ich einen Artikel über das, was ich gesehen hatte. Was mich betroffen gemacht hatte, war die ausserordentliche Aufnahme durch die arme albanische Bevölkerung, die in ihren Häusern ihre kosovarischen Cousins aufgenommen hatte, weil es in den Lagern zu wenig Platz hatte.» Mit diesen Sätzen schliesst heute Abend um zirka 21.30 Uhr das Interview mit Dick Marty, welches vom kosovarischen Staatssender Radio Television Kosova (RTK) ausgestrahlt wird. In einer Textfassung wurde es von den Initianten bereits im Internet publiziert.

Während rund 60 Minuten stellt sich der Tessiner Europaratsabgeordnete den Fragen der Kosovaren. Genauer gesagt von Baskim Iseni. Iseni ist albanischstämmig und lebt in Lausanne. Er ist Mitinitiator und heute Chef des albanischen Mediendienstes in der Schweiz, Albaninfo.ch. Seine Idee war es, Dick Marty mit einem Gespräch ans kosovarische TV zu bringen, wie er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet erklärt.

«Ich möchte, dass Kosovo wirklich unabhängig ist»

Obwohl halb Schweizer stellt Iseni die Fragen vom kosovarischen Standpunkt aus. Jenes Standpunkts, der moniert, dass Marty keine Beweise liefert, sein Bericht nichts Neues zu Tage fördere und überhaupt der Tessiner schon immer gegen die Unabhängigkeit Kosovos war.

Das Missverständnis, dass er gegen die Unabhängigkeit Kosovos war, schafft Marty gleich zu Beginn aus dem Weg. «Hören Sie, ich stelle sie (die Unabhängigkeit, Anm. der Redaktion) nicht mehr zur Diskussion. Für mich ist sie kein Thema mehr. Ich möchte, dass Kosovo wirklich unabhängig ist.»

Ermordete Zeugen

Erst nach dieser Klärung richtet sich das Gespräch auf den Kernpunkt, den angeblichen Organhandel zu Ende des Krieges 1999 und die mutmasslichen Verwicklungen gewisser UCK-Mitglieder. Marty bleibt hier klar: «Es gab Missbräuche und Verbrechen, die durch gewisse Gruppen begangen worden sind, die meiner Ansicht nach auch untersucht werden müssen.»

Besonders hartnäckig legt Marty den Finger auf die Zeugen und deren Schutz: «Sie wissen sehr gut, dass es Zeugen gibt, die ermordet worden sind. Sie wissen sehr gut, dass es Zeugen gibt, die während der Untersuchung belastende Aussagen gemacht haben und die am Prozess selbst nicht mehr gesprochen haben (...). Ich stelle fest, dass die zuständigen Justizbehörden der Region leider nicht einmal in der Lage sind, die Zeugen zu schützen.»

Die nachrichtenlosen Vermögen in der Schweiz

Wohl wissend um die Verletztheit der kosovarischen Seele beteuert Marty immer wieder seine Sympathie zum albanischen Volk und zur albanischen Kultur: «Ich habe keinerlei persönliches Motiv gegen Kosovo, Albanien und die Albaner. Ganz im Gegenteil, ich gehöre zu denjenigen, die viele Bücher von Herrn Kadaré (bekannter albanischer Schriftsteller, Anm. der Redaktion) gelesen haben.»

Marty legt den Kosovaren nahe, dass sie sich der Aufarbeitung der Vergangenheit stellen müssen, ansonsten deren Zukunft auf Lügen gebaut sei. «Es stimmt, dass die Suche nach der Wahrheit wehtut.» Und hier führt der Tessiner als Beispiel die Schweiz an: «Es gibt nur zu viele Beispiele dafür, und sogar in der Schweiz mit den berühmten nachrichtenlosen jüdischen Vermögen, die Vermögen der Juden, die auf unseren Banken geblieben waren. Während Jahren taten wir so, als sähen wir dieses Problem nicht, und die Geschichte holte uns lange nach dem Krieg ein. Und das war enorm schlimm für unser Land.»

Halb Kosovo vor dem Fernseher

Absicht von Albaninfo.ch und von Initiator Iseni war es, «die Debatte auf eine sachliche Ebene zu bringen». Ob Marty das mit seinen Ausführungen schafft, wird sich in den kommenden Tagen zeigen. «Ich bin sehr gespannt auf die Reaktionen, insbesondere in Kosovo, aber auch im Rest der Welt», erklärt Iseni. Eins aber sei klar: «Heute Abend sitzt ein grosser Teil der Kosovaren vor dem Fernseher und wird sich anhören, was Marty zu sagen hat.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 18.01.2011, 17:05 Uhr)

Ab 20.30 Uhr auf RTK

Das Interview mit Dick Marty wurde am letzten Mittwoch in Bern aufgenommen. Die Fragen gestellt hat Bashkim Iseni von Albaninfo.ch. Originalton ist französisch. In dieser Sprache wird es heute Abend 20.30 Uhr auf Radio Television Kosova (RTK) ausgestrahlt. Dort allerdings albanisch untertitelt. Weil Iseni den Inhalt auch für die Deutschschweiz und den deutschsprachigen Raum zugänglich machen wollte, liess er es bereits vor der Ausstrahlung übersetzen.

Von ihm kam die Idee eines Marty-Interviews am kosovarischen TV: Bashkim Iseni.

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