«Martys Vorgehen erinnert mich an Goebbels»

Kosovos Premier Hashim Thaci vergleicht den Bericht von Dick Marty über kriminelle Machenschaften der UCK mit der Nazipropaganda. Trotzdem zeigt er sich offen für neue Ermittlungen.

«Ich werde mit allen Mitteln gegen den Bericht kämpfen – aber ich bin offen für weitere Ermittlungen»: Hashim Thaci in seinem Büro in Pristina.

«Ich werde mit allen Mitteln gegen den Bericht kämpfen – aber ich bin offen für weitere Ermittlungen»: Hashim Thaci in seinem Büro in Pristina.

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Herr Ministerpräsident, besitzen Sie ein Bankkonto in der Schweiz?
Nein.

Haben Sie jemals ein Konto bei einer Schweizer Bank besessen?
Ja. Ende der Neunzigerjahre, als ich in Zürich studiert habe.

Der Europarat-Abgeordnete Dick Marty bezeichnet Sie als Boss einer mafiaähnlichen Organisation, die in kriminelle Geschäfte verwickelt sein soll. Parlamentarier in Bern wollen nun Klarheit, ob das Geld aus diesen angeblichen Geschäften auf Bankkonten in der Schweiz gelagert worden sei.
Ich bin in keine einzige kriminelle Aktivität verwickelt. Weder ich noch jemand aus meiner Familie hat Geld in der Schweiz deponiert. Übrigens: Die Vorwürfe über sogenannte Bankkonten in der Schweiz stammen aus serbischen Krawallblättern, die in diesen Tagen eine Schmutzkampagne gegen Kosovo führen. Schade, dass die Medien in der Schweiz auf diese Propaganda hereinfallen.

In der Schweiz gibt es sogar Forderungen, die Anerkennung der Unabhängigkeit Kosovos zu annullieren. Fühlen Sie sich dafür verantwortlich, dass das Image Ihres Landes so schlecht ist?
Die Anerkennung Kosovos durch die Schweiz war eine kluge Entscheidung. Dafür sind wir dem Bundesrat und dem Schweizervolk dankbar. Mit diesem Schritt hat die Schweiz die Realität in Kosovo anerkannt und zur Stabilität des Balkans beigetragen. Kosovo wurde bisher von den wichtigsten demokratischen Staaten der Welt anerkannt. Die Schweiz befindet sich also in exzellenter Gesellschaft. Erst seit der Unabhängigkeit haben wir die Möglichkeit, mit der Schweiz eng zusammenzuarbeiten und Probleme zu lösen. Die Schweiz ist für viele meiner Landsleute seit fast einem halben Jahrhundert eine zweite Heimat. Wir sind entschlossen, die Integration der Kosovaren zu unterstützen und damit auch das Image zu verbessern.

Das klingt wunderbar, aber die Realität ist anders. Dick Marty sagt, Ihnen sei im Jahr 2002 sogar die Einreise in die Schweiz verboten worden. Stimmt das?
Keineswegs. Die Schweiz hat nie eine Einreisesperre gegen mich verhängt. Nie wurde mir eine solche Massnahme kommuniziert. Es gibt einen serbischen Haftbefehl, der aber von den westlichen Staaten ignoriert wird, weil die Vorwürfe Belgrads aus der Luft gegriffen sind. Ich habe in den letzten Jahren mehrere europäische Staaten besucht, auch die Schweiz.

Die Vorwürfe, die Marty in seinem Bericht erhebt, wiegen schwer. Sie werden beschuldigt, zusammen mit mehreren Vertrauten in Organhandel, in Drogengeschäfte und andere Verbrechen verwickelt gewesen zu sein. Alles erfunden und erlogen?
Der Bericht von Dick Marty ist das Dokument einer politischen Racheaktion. Er liefert weder Fakten noch Beweise. Ich habe nichts zu verbergen. Diese haltlosen Vorwürfe wurden von der UNO, von der UNO-Verwaltung in Kosovo und von der EU-Rechtsstaatsmission Eulex untersucht. Es hat sich herausgestellt, dass die Anschuldigungen falsch sind. Dennoch: Ich bin offen für weitere Ermittlungen. Martys Bericht enthält viele Lügenmärchen und stützt sich auf Gerüchte vom Hörensagen. Die Art und Weise, wie Marty seinen Bericht geschrieben hat, erinnert mich an die Propaganda von Joseph Goebbels. Der Unterton dieses Pamphlets ist rassistisch. Herr Marty beleidigt das ganze albanische Volk und versucht, unseren Freiheitskampf gegen die serbische Unterdrückungspolitik zu kriminalisieren. Unser Widerstand war legitim. Sonst hätten uns die wichtigsten westlichen Demokratien, die USA, die Nato und die EU nicht unterstützt.

Sie drohen fast täglich mit einer Klage gegen Dick Marty. Wie ernst meinen Sie das?
Ich werde mit allen juristischen und politischen Mitteln gegen den Bericht kämpfen. Martys Ansichten sind böswillig, und er will unser Image beschädigen, um weitere Anerkennungen unserer Unabhängigkeit zu blockieren. Dick Marty ist immer ein Feind unserer Freiheit gewesen. Er lehnte die Nato-Luftangriffe und die Unabhängigkeit Kosovos ab. So stellte er sich in den Dienst des grossserbischen Nationalismus.

Wussten Sie, dass die kosovarische Befreiungsarmee UCK Ende der Neunzigerjahre Folterkammern in Nordalbanien hatte?
Es gab keine solchen UCK-Gefängnisse.

Die EU-Polizei hat mehrere mutmassliche Leiter dieser UCK-Kerker verhaftet. Bald soll der Gerichtsprozess gegen diese Männer beginnen.
Ich habe weder Fakten noch Informationen über die Existenz solcher Gefängnisse. Auch das sogenannte gelbe Haus bei Burrel in Albanien, wo angeblich den gefangenen Serben die Organe entnommen wurden, ist eine Erfindung der Sensationspresse in Serbien. Nicht ein Staatsanwalt, sondern tausend Staatsanwälte werden kein einziges Beweisstück für diese Vorwürfe finden.

Die ehemalige UNO-Chefanklägerin Carla Del Ponte sagt, sie habe Hinweise auf ein Massengrab in Albanien gehabt. Zudem soll ein Fahrer bestätigt haben, dass er die Organe zum Flughafen von Tirana brachte.
Frau Del Ponte ist einfach frustriert, dass sie als Chefanklägerin nichts erreicht hat. Selbst der Schlächter Slobodan Milosevic ist ohne Verurteilung gestorben, weil sie den Prozess gegen ihn schlecht vorbereitet hatte. Also beschimpft sie jetzt alle – das Volk Kosovos, die EU, die USA.

Sie selbst stehen nicht nur als mutmasslicher Mafiachef am Pranger. Diplomaten beschuldigen Sie, die Parlamentswahlen massiv gefälscht zu haben.
Der Urnengang ist ordnungsgemäss verlaufen. Es gab einige wenige Unregelmässigkeiten, die bei den Nachwahlen am 9. Januar korrigiert werden. Danach werden wir mit Belgrad über die Lösung gemeinsamer Probleme verhandeln. Dabei dürfen die Unabhängigkeit und die territoriale Unversehrtheit Kosovos nicht infrage gestellt werden. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.12.2010, 22:45 Uhr)

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