Massimo Rocchi erklärt uns Berlusconi
Interview: Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 27.06.2009
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Zur Person
Massimo Rocchi
Der 52-jährige Komiker Massimo Rocchi ist in Italien aufgewachsen, lebt aber schon seit vielen Jahren in der Schweiz. Bekanntheit erlangte er mit dem Programm «äuä» (1994). Vor sechs Jahren war Rocchi mit dem Zirkus Knie auf Tournee. Der vielfach ausgezeichnete Künstler ist Schweizer Bürger. Rocchi karikiert gerne Nationalitätenklischees, zudem springt er in seinen Shows zwischen verschiedenen Sprachen und spielt mit sprachlichen Besonderheiten. Bald ist er wieder auf der Bühne zu sehen - mit dem Programm «Schweizer Geschichte». Start ist am 7. Juli in Lugano, bis Ende Jahr wird er in den grossen Städten der Deutschschweiz auftreten.
Nach den vielen täglichen Schlagzeilen um seine Partygirls und sein Privatleben hat sich Silvio Berlusconi mit folgendem Satz verteidigt: «Die Italiener wollen mich so». Was wollte er damit sagen?
Massimo Rocchi: Berlusconi weiss genau, was das Publikum hören möchte. Ich betone: Publikum. Italien hat keinen Souverän wie die Schweiz; die Wähler sind ein Publikum, für das die Politik wie Unterhaltung inszeniert werden muss. «Die Italiener wollen mich so»: Dies kann Berlusconi sagen, weil er sich vom Publikum getragen fühlt. Er hat immerhin dreimal demokratische Wahlen gewonnen.
Ausserhalb von Italien ist es kaum nachvollziehbar, weshalb die Italiener einen Mann wie Berlusconi als Regierungschef akzeptieren. Klären Sie uns auf!
Die Erklärung ist einfach: Berlusconi ist nicht wie die Italiener, die Italiener sind Berlusconi. Berlusconi ist ein italienisches Produkt. Er verkörpert eine bestimmte Lebenshaltung der Italiener: Das Glas ist nicht halb leer, sondern halb voll. Berlusconi ist das, was die Italiener sein wollen. Er ist eine wunderbare Projektionsfläche.
Was ist die Geheimformel für den Erfolg von Berlusconi?
Erstens: Viel Geld. Zweitens: Er beherrscht die Regeln der massenmedialen Kommunikation. Drittens: Er kennt den Alltag der einfachen Italiener und weiss, wie diese sprechen.
Was heisst das?
Berlusconi spricht nicht die Sprache eines Politikers. Er spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Man kann folgenden Vergleich anstellen: Andere italienische Politiker sprechen Latein, Berlusconi spricht Italienisch. Vor allem versteht es Berlusconi, das Gefühl zu erwecken, dass er für die Leute da ist. Das hat er nach dem Erdbeben in L'Aquila bewiesen: Berlusconi war rasch vor Ort - das hat auch meiner Mutter Eindruck gemacht. Berlusconis Botschaft ist: Ich bin der beste Mann, der das Beste für Italien will und macht. Berlusconi inszeniert sich als Retter Italiens.
Warum brauchen die Italiener einen Retter?
Die Italiener kümmern sich nicht gerne um alltägliche politische Probleme. Sie brauchen einen Onkel Tom. Die Schweiz ist das Gegenteil von Italien: Hier beteiligen sich die Menschen mit Leidenschaft am politischen Leben. Die Italiener delegieren lieber das politische Engagement - am besten an einen starken Mann. Mit Berlusconi haben sie eine sanfte Form der Diktatur.
Wie bitte, Diktatur?
Man muss es klar sagen: Italien hat seine Geschichte nicht aufgearbeitet. Es hat sich nicht kritisch mit dem Faschismus auseinandergesetzt. Italien hat nicht begriffen, wie gefährlich es ist, wenn ein Politiker zu viel Macht hat. Punkto politischer Kultur und Bildung hätte Italien einen riesigen Nachholbedarf.
Sind Sie trotz Berlusconi noch stolz, ein Italiener zu sein?
Moment mal: Ich bin nicht mehr Italiener, sondern Schweizer. Ich bin dankbar für meine italienischen Wurzeln. Aber mit dem Italien der Gegenwart kann ich nicht viel anfangen. Das Italien, in dem ich aufgewachsen bin und das mir auch gefällt, gibt es nicht mehr. Wenn an der Fussball-WM die Squadra Azzurra spielt, hoffe ich trotzdem auf einen Sieg Italiens. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.06.2009, 09:10 Uhr
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