«Mein Werdegang war ein Abstieg»
Von Sascha Buchbinder, Berlin. Aktualisiert am 03.11.2009
Zusammen mit dem grossen Bruder: Lothar de Maizière und Helmut Kohl am ersten gesamtdeutschen CDU-Kongress 1990. (Bild: Keystone)
Bratschist und Ministerpräsident
Lothar de Maizière (69) stammt aus einer Hugenottenfamilie. Sein Onkel Ulrich de Maizière war Generalinspektor der Bundeswehr. Sein Cousin Thomas de Maizière ist der neue Innenminister. Er selbst studierte Musik und Jura. Wegen einer Nervenentzündung am linken Arm musste er die Arbeit als Bratschist beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin 1975 aufgeben. Fortan verteidigte er als Anwalt Christen und Pazifisten, die mit dem DDR-System in Konflikt geraten waren. Von April bis Oktober 1990 war er der erste und letzte demokratisch gewählte Ministerpräsident der DDR. (sbu)
Herr de Maizière, Sie haben eine aussergewöhnliche Karriere hinter sich: Zunächst waren Sie Bratschespieler, dann Dissidenten-Anwalt und schliesslich der erste und letzte frei gewählte Ministerpräsident der DDR ...
Mein beruflicher Werdegang war ein einziger Abstieg.
Wie ist das gemeint?
Natürlich ironisch, aber es ist insoweit ernst gemeint, als ich wieder Musiker würde, wenn ich noch einmal 18-jährig wäre. Das war die schönste Zeit in meinem Leben. Natürlich waren die politischen Jahre der spannendste Moment. Mir war aber immer klar, dass die Politik nicht meine Berufung ist. Ich bin kein öffentlicher Mensch.
Sie wurden Staatschef, ohne dass Sie an die Macht wollten?
Ich habe das wirklich nicht gesucht. Ich war seit 1985 Mitglied der Synode des Bundes der ostdeutschen Kirchen. Wir waren eine Art Ersatzöffentlichkeit und haben nach Möglichkeiten der Partizipation gesucht. Dann kam der Herbst 1989, und zu mir kamen junge Leute aus der CDU, die mich fragten, ob ich nicht Vorsitzender werden wollte. Meine Antwort war: «Ich als Parteivorsitzender? Und auch noch von der Partei? Nicht unbedingt.»
«Auch noch von der Partei?» Sie waren doch bereits CDU-Mitglied.
Aus rein opportunistischen Erwägungen! 1956 war ein Lehrer zu mir gekommen und hatte gedroht: «Wenn du nicht Mitglied der FDJ (die Jugendorganisation der DDR-Staatspartei, Anm. d. Red.) wirst, fliegst du von der Schule.» Ich erzählte das meiner Mutter. Sie antwortete: «Und wenn du da reingehst, fliegst du zu Hause raus!» Sie hätte das wirklich gemacht. Mein Vater wusste dann die Lösung: «Du trittst morgen in die CDU ein. Wollen mal sehen, ob sie ein Mitglied einer befreundeten Partei von der Schule weisen.» Damit war das Problem gegessen.
Und warum sollten 1989 ausgerechnet Sie Parteichef werden?
Das hab ich auch gefragt. Die CDU-Leute meinten, sie hätten eine Liste gemacht. Der Kandidat müsste intelligent, kirchennah und nicht mit der Politik der Vergangenheit belastet sein. Ausserdem müsse er organisatorische Fähigkeiten haben und auf Menschenmassen zugehen können. Zumindest der letzte Punkt traf bei mir nicht zu. Auf Marktplätzen Fünf-Wort-Sätze ohne konditionale Nebensätze rausbrüllen, das bin nicht ich. Aber die behaupteten: «Das kann man lernen.»
Also sagten Sie zu?
Ich hab lange überlegt und mich mit Freunden beraten. Unter anderem mit Gottfried Forck, dem Bischof der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. Er meinte: «Sie fragen mich, weil Sie im Hinterkopf haben, dass Sie das wollen. Warum würden Sie es wollen?» Meine Antwort war: «Weil wir vielleicht eine Gesellschaft erreichen können, in der unsere Kinder zu Hause und in der Schule die gleiche Meinung haben dürfen.» Dieses Janusköpfige, zu dem wir unsere Kinder erziehen mussten, hat mich gequält. Aber es ging auch um all die anderen grundlegenden Forderungen: freie Presse, Reisefreiheit, freie Wahlen und vieles mehr. Die DDR-Führung hatte das Fehlen der Freiheit gegen die soziale Sicherheit aufgerechnet und mit der Vollbeschäftigung entschuldigt. Aber ich war immer der Meinung, dass die Grundrechte unteilbar sind.
So wurden Sie CDU-Vorsitzender. War Ihnen klar, worauf Sie sich einliessen?
Dass ich Ministerpräsident würde? Das war undenkbar. Noch bis zum Fall der Mauer hielten wir eine Systemüberwindung für unmöglich. Wir waren geprägt durch die Erfahrungen von 1953 in Berlin, 1956 Ungarn, 1968 Prag und dem Kriegsrecht in Polen – dass also ein Systemwechsel mit Gewalt verhindert würde. Dann kam der 9. November und eine neue Weltordnung. Am 10. November wurde ich zum CDU-Vorsitzenden gewählt und musste zuerst die CDU aus der babylonischen Gefangenschaft des SED-Blocks befreien. Im November war eine Sitzung des sogenannten demokratischen Blocks. Ich kündigte an, dass wir aus dem Block ausscheren werden. Noch heute sehe ich das entsetzte Gesicht von Egon Krenz vor mir. Es war eine schwindelerregende Zeit.
Umso erstaunlicher ist es, dass der Stolz auf diese friedliche Revolution heute in Deutschland nicht präsenter ist, dass sie nicht identitätsstiftend wirkt. Wie erklären Sie das?
Das ist wirklich erstaunlich. Mitte der 90er-Jahre wurde in Deutschland die Pflegeversicherung eingeführt, und plötzlich sagte eine Mehrheit: «Um das zu finanzieren, schaffen wir den Tag der deutschen Einheit ab.» Ich verstand mein Volk nicht mehr. Undenkbar, dass die Franzosen den 14. Juli, die Amerikaner den Unabhängigkeitstag abschaffen würden.
Liegt es daran, dass die Leistung vor allem eine der Ostdeutschen war?
Ich gehöre zu den Initiatoren, die sagen, wir brauchen in Berlins Mitte ein Denkmal für Freiheit und Einheit. In der Kommission wollen sie jetzt ein Denkmal der Freiheitsgeschichte überhaupt. Da muss das Wartburgfest von 1817 und das Hambacher Fest von 1823, die Paulskirchenversammlung von 1848 und sonst was mit rein. Egon Bahr, der auch in der Kommission ist, meinte: «Weisst du, die Wessis gönnen euch eure Revolution nicht, die können das nicht ertragen.» Für die meisten Westdeutschen ist die Wiedervereinigung ein schwerer Fall.
Ging es zu schnell?
Wie hätten wir langsamer vorgehen sollen? Im Mai 1990 sagte mir Eduard Schewardnadse: «Macht schnell! Ich weiss nicht, wie lange wir das, was wir verabreden, innenpolitisch noch durchsetzen können.» Die deutsche Einigung ist ein Abfallprodukt des Zerfalls der Sowjetunion. Wenn die noch im Vollbesitz ihrer Kräfte gewesen wären, hätten sie ihren Herrschaftsanspruch nicht fallen gelassen.
Das erklärt aber nicht das Unbehagen der Westdeutschen.
Die Bundesrepublik war ein sich selbst genügender Staat geworden. Das sieht man noch heute, wenn 60 Jahre Bundesrepublik gefeiert werden und kein Wort darüber verloren wird, dass es nur 40 Jahre BRD waren. Wir Ostdeutschen dagegen waren immer auf den Westen angewiesen, wirtschaftlich, aber auch gedanklich: Wir begingen jeden Abend Republikflucht vor dem Fernseher. Natürlich gab es im Westen Politiker wie Willy Brandt, denen die Teilung ein wichtiges Thema war. Ich sage immer: Wir verdanken die Einheit auch der Tatsache, dass im Westen noch jene Generation am Wirken war, die die Trennung als schmerzhaft empfand. Der nächsten Generation, jener von Gerhard Schröder oder Oskar Lafontaine, war die Toscana näher als Dresden, die haben sich eingerichtet in einem franko-iberischen Kulturraum ohne slawischen Kulturkreis.
Ist es eine Frage der Bequemlichkeit?
Natürlich! Die Umstellung war lästig. Dem Menschen ist nichts so widerlich wie Veränderung. Für viele Westdeutsche zählt Russland heute nicht mehr zu Europa. Aber was wäre unsere Literatur ohne Dostojewski und Tolstoi, unsere Musik ohne Tschaikowsky oder Schostakowitsch? Wäre unsere Malerei ohne Kandinsky denkbar?
Immerhin wird Deutschland heute von einer Ostdeutschen regiert. Stimmt es, dass Angela Merkel Ihre Entdeckung ist?
Sie war 1989 Pressesprecherin des Demokratischen Aufbruchs geworden, und die erlitten einen Reinfall mit ihrem Spitzenkandidaten Wolfgang Schnur. Unmittelbar vor der Wahl wurde er als Mitarbeiter der Staatssicherheit enttarnt. Das Wahlresultat lag bei 0,9 Prozent. Das reichte für vier Sitze. Merkel hatte Listenplatz sechs oder sieben. Zugleich suchte ich Regierungssprecher. Bei Merkel fiel mir sofort auf, dass sie enorme analytische Fähigkeiten hatte und formallogisch nicht zu schlagen war. Es gibt Leute, die können Ursache und Wirkung nicht unterscheiden. So etwas passiert Merkel nie.
Sie wurde also Ihre Regierungssprecherin. Und dann?
Nach der Wiedervereinigung kam Helmut Kohl zu mir. Er habe die Absicht, ein weiches Ressort mit einer ostdeutsche Frau zu besetzen. Anders gesagt: Er plante eine dreifache Quotenklappe. Ich riet ihm: Dann nehmen Sie Frau Dr. Merkel, die ist wirklich top. Er meinte nur: «Dann nehm ich die.» Danach ging ich durch den Garten des Palais Schaumburg und traf Merkel. Ich sagte ihr: «Geh schnell zurück in dein Zimmer! Du bekommst einen Anruf vom Dicken, der macht dich zur Ministerin.» – «Bist du verrückt geworden? Das kannst du nicht machen», protestierte sie. Aber dann wurde sie Ministerin. Später habe ich sie noch als Generalsekretärin empfohlen.
Hätten Sie ihr das Kanzleramt zugetraut?
Ich habe ihr viel zugetraut. Was ich ihr nicht zugetraut habe, waren die Ellbogen. Lange dachte ich, dass die West-Ministerpräsidenten – die Wulffs, Rüttgers und Kochs – cleverer und härter seien. Aber die Fähigkeit zum Aussitzen hat sie von Kohl offensichtlich gut gelernt. Selbst international: Ich hab mal erlebt, wie sie Putin auf Russisch angeschnauzt hat, weil er eine Stunde zu spät eintraf: «Das machst du mir nicht ein zweites Mal!» Putin hat richtig die Hacken zusammengeknallt.
Das geht aber über die Fähigkeit zum Aussitzen hinaus.
Christen in der DDR mussten eine besondere Kraft, Zähigkeit und Energie entwickeln, um ihre Identität zu wahren. Sie mussten sich immer fragen, wie sie dem Totalanspruch des Staates den Anspruch Gottes auf das eigene Leben entgegenhalten konnten. Der Glaube war es aber auch, der sie befähigte, im Herbst 1989 den Kairos, den Schicksalsmoment zu erkennen. Von diesen Tugenden hat die Pastoren-Tochter Merkel viele mitgenommen.
* Mit diesem Interview verabschiedet sich Sascha Buchbinder (sbu) von den Leserinnen und Lesern des «Tages-Anzeigers». Er war von 2003 bis zu den deutschen Wahlen Ende September 2009 Korrespondent in Berlin. Sein Nachfolger ist David Nauer (dn). (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.11.2009, 06:51 Uhr
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