«Meine ersten fünf Jahre Nicht-Leben»
Aktualisiert am 08.03.2011 6 Kommentare
Der politische Roberto Saviano
Ein Anti-Berlusconi
Roberto Saviano gehört zu den prominentesten Kritikern des italienischen Regierungschefs Silvio Berlusconi. Letzten Monat trat er mit dem Schriftsteller Umberto Eco an einem Anti-Berlusconi-Anlass in Florenz auf. «Unsere Demokratie ist in Geiselhaft», sagte Saviano in einer Rede. Das Volk müsse «gegen das Bild eines korrupten Landes rebellieren» und auf seinem Recht beharren, «von einem saubereren Italien zu träumen». Im Klartext: Berlusconi muss weg.
In der jüngsten Sex-Affäre um Berlusconi hat Saviano mehrmals öffentlich Position zugunsten der Mailänder Justiz bezogen. Den Ermittlungsrichtern «schenkte» Saviano seinen Ehrendoktortitel der Universität Genua. Mehrmals lieferte sich Saviano über die Medien Wortgefechte mit Marina Berlusconi. Die Tochter des Ministerpräsidenten ist unter anderem Chefin des Mondadori-Verlags, der zum Fininvest-Imperium der Familie Berlusconi gehört. Marina Berlusconi, die Vorsitzende von Fininvest ist, hatte Saviano kritisiert, weil dieser mit seinen Publikationen ein schlechtes Bild über Italien verbreite.
Ein sehr interessantes Detail ist, dass Savianos erste Bücher im Mondadori-Verlag erschienen waren. Künftig gibt der Feltrinelli-Verlag die Bücher von Saviano heraus. (vin)
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In einem Interview mit dem TV-Kanal des «Corriere della Sera» spricht Roberto Saviano über Rubygate und die Tragik von Silvio Berlusconi, weil dieser «ein alter, einsamer Mann ist». Er redet über die Verbindungen zwischen der Lega Nord und der kalabresischen 'Ndrangheta. Er erzählt aber auch über sich selbst. Vor allem berichtet der 31-jährige Journalist aus Neapel über sein Leben, das sich seit dem Erscheinen von «Gomorrha» im Jahr 2006 schlagartig verändert hat – und dies nicht nur zum Guten, im Gegenteil. Saviano spricht über seine «ersten fünf Jahre Nicht-Leben».
Nach dem anfänglichen Rummel um seinen Enthüllungsroman über die Camorra und ersten Morddrohungen sei er davon ausgegangen, dass dies nach ein paar Wochen oder Monaten schon wieder vorbeigehen werde. Er habe zunächst die Unannehmlichkeiten als landesweit bekannter Mafia-Kritiker mit einer gewissen Lockerheit hingenommen. Saviano dachte sich: «Ich ertrage dies im Namen der Wahrheit, der Gerechtigkeit.» Nach drei Monaten habe er jedoch feststellen müssen, dass sich sein Leben für immer verändert habe, sagt Saviano. «Und dann habe ich nur noch eine grosse Last verspürt.»
Fünf Jahre Leben wie 25 Jahre – manchmal wie 50 Jahre
Der «Gomorrha»-Autor schildert, dass er von «zwei Kräften» zermürbt werde. Einerseits stehe er in ständiger, realer Lebensgefahr. Andererseits müsse er mit dem Verdacht leben, dass alles nur ein «grosses Theater und Marketing in eigener Sache» sei. Saviano spricht von einem Kampf mit diesen beiden Kräften. Einen solchen Kampf zu gewinnen, habe noch niemand geschafft. Er werde diese Herausforderung aber annehmen.
Der 31-Jährige macht keinen Hehl daraus, dass er sein Leben der letzten Jahre gar nicht mag. «Ich lebe seit fünf Jahren unter Polizeischutz», sagt der Autor im Gespräch mit «Corriere TV». «Mir kommt das vor wie 25 Jahre. Manchmal wie 50 Jahre.»
«Ein normales Leben mit gewissen Freiheiten»
Saviano hat weltweit Millionen Bücher verkauft, alleine in Italien waren es vier Millionen Exemplare von «Gomorrha». Dazu kamen weitere Publikationen. Ausserdem feierte er grosse Erfolge in Theater, Kino und Fernsehen. Eigentlich könnte er sagen: Genug, jetzt gehe ich! Er habe es bereits versucht, erklärt Saviano. Und er werde es wieder versuchen. «Aber es ist auch im Ausland zum Verrücktwerden.» Die Angst bleibe – paradoxerweise auch weil man ständig in Begleitung von Sicherheitsdiensten unterwegs sei. Als er sich in Spanien aufgehalten habe, habe er jeden Tag zweimal den Wohnort wechseln müssen.
Von einem schriftstellerischen Meisterwerk träumt Saviano nicht mehr. Er will sein Leben zu einem Meisterwerk machen, wie er «Corriere TV» erzählt. Damit meint er aber ein bescheidenes Ziel: «Ein normales Leben mit gewissen Freiheiten.» (vin)
Erstellt: 08.03.2011, 15:56 Uhr
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