Merkels Geständnisse in Westerwelles Tipi
Aktualisiert am 19.01.2012 2 Kommentare
Aussenminister Guido Westerwelle wird 50 Jahre alt: Bundeskanzlerin Angela Merkel erzählt Geschichten von früher. (Video: Reuters)
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Es ist der Abend von Guido Westerwelle. Mehrere hundert Gäste drängen sich gestern Abend im Veranstaltungszelt Tipi am Kanzleramt in Berlin. Der Aussenminister ist kurz nach Weihnachten 50 geworden - und die FDP schenkt ihrem geschassten Chef dazu eine grosse Feier. Das Kabinett ist fast vollständig da, die Fraktionen sind vertreten, Massen an FDPlern und dazu ein paar Stars und Sternchen. Und: Der Festabend befördert Erstaunliches zutage.
Vor dem Geburtstagskind bilden sich endlose Schlangen. Westerwelle und sein Partner Michael Mronz begrüssen alle Gäste mit Handschlag - wahlweise gibt es dazu ein Küsschen oder ein Schulterklopfen. Die Kabinettskollegen laufen ein, die Spitzen der Opposition, Chefredakteure, Unternehmer, auch ein, zwei Schlagersänger, Künstler, Schauspieler und Showmaster tummeln sich. Eigens angereist ist EU-Chefdiplomatin Catherine Ashton.
Unermüdliches Lächeln
Irgendwann kommt Kanzlerin Angela Merkel gemeinsam mit FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle. Später reiht sich Westerwelles Nachfolger an der Parteispitze, Philipp Rösler, in das Geburtstagsdefilee ein.
Der Abend böte viel Raum für Deuteleien. Wer steckt die Köpfe zusammen? Wer bekommt nur die Hand, wer die Umarmung? Wer schmuggelt sich gleich ganz an der Begrüssung vorbei? Doch Parteiquerelen, Personalkämpfe und andere FDP-Ärgerlichkeiten haben bei der Feier der grossen «liberalen Familie» nichts zu suchen. Westerwelle lächelt unermüdlich, schüttelt eifrig Hände und nimmt Geburtstagsgrüsse entgegen. Das Zelt wird immer voller, die Luft weniger. Das Tipi platzt aus allen Nähten.
Best-of Westerwelle
Drinnen im Hauptzelt haben nur wenige Gäste einen Sitzplatz ergattert. Die grosse Masse steht. Für die Kellner ist kaum ein Durchkommen. Während Rösler vorne am Redepult von seiner ersten Begegnung mit Westerwelle erzählt (90er Jahre, Bundeskongress der Jungen Liberalen), macht sich Merkel noch eifrig Notizen. Rösler trägt das Best-of von Westerwelle-Zitaten vor und lobt seinen Vorgänger als Vordenker der Partei.
Es folgt Brüderle, wie üblich gut gelaunt. Der Rheinländer Westerwelle habe die richtige, eine positive Lebenseinstellung, befindet er. Überhaupt sei die Arbeit nicht alles, auch das Feiern müsse sein. Merkel ist noch am Kritzeln.
«Der Typ kann was»
Irgendwann ist die Kanzlerin dann an der Reihe - und gibt auch ihre erste Erinnerung an Westerwelle preis. Damals sei ihr der FDP-Mann dadurch aufgefallen, dass er aus der Koalitionsrunde geflogen sei - in der schwarz-gelben Regierung unter Helmut Kohl. Westerwelle habe damals «eiskalt alles durchgestochen», was beredet wurde.
Ihr, die in der Schule schon beim Spicken immer erwischt worden sei, habe das imponiert: «Super, der Typ kann was», habe sie gedacht. Aber zugleich habe ihr gedämmert, dass Kohl - als Hüter des koalitionären Gleichgewichts - auch jemanden aus der Union vor die Tür setzen würde. Das Ergebnis: eine Mischung aus «Bewunderung und Ängstlichkeit» gegenüber dem Neuen in der Runde.
Gerührtes Geburtstagskind
Dann erinnert sich die CDU-Chefin noch an ihren 50. Geburtstag. Sie habe sich damals «etwas Wissenschaftliches ausgedacht», zu einer Vorlesung über die moderne Hirnforschung eingeladen und den anschliessenden Empfang nur im Kleingedruckten erwähnt. Der Geburtstag sei «interessant» geworden, sagt sie an die Adresse von Westerwelle - wegen der Vorlesung, aber auch «weil du zum ersten Mal Michael mitgebracht hast - und das war schön». Westerwelle hatte sich bei Merkels Feier zum 50. geoutet.
Das Geburtstagskind reagiert gerührt: Dass die Kanzlerin seinen Mann in ihre guten Wünsche einschliesse, bedeute ihm unglaublich viel, antwortet Westerwelle. Früher wäre es für ihn nicht so ohne weiteres möglich gewesen, derart in der Öffentlichkeit zu stehen – «als Mann mit meiner Veranlagung».
Reutmütig und altersmilde
Und auch zu Merkels Gefühlskarussell nach dem Rausschmiss aus der Koalitionsrunde hat Westerwelle etwas zu sagen: Dass Merkel für ihn eine Mischung aus Ängstlichkeit und Bewunderung empfunden habe, höre er zum ersten Mal: «Hätte ich das mal zu Stunden der Koalitionsverhandlungen gewusst...»
Ein bisschen reumütig und altersmilde gibt sich der 50-Jährige ebenfalls und bittet jene um Vergebung, die er etwas zu forsch angegangen ist. Einige Äusserungen aus den vergangenen Jahren hätte er besser runtergeschluckt, sagt Westerwelle. Ihm sei auch klar, dass an solchen Abenden gerne mal übertrieben werde mit den Lobeshymnen. «Gerne gehört habe ich es trotzdem.» (wid/dapd)
Erstellt: 19.01.2012, 09:59 Uhr
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2 Kommentare
Rösler trägt das Best-of-von Westerwelle vor und lobt seinen Vorgänger als Vordenker der Partei! Darüber habe ich doch lachen müssen, irgendwie kam mir da Nordkorea und andere ehemalige Diktaturen und Diktatoren in den Sinn. Wäre es oftmals nicht besser gewesen, er hätte erst gedacht, dann überlegt geredet? Antworten
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