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Mit Gel jeden Widerspruch überkleistert

Von David Nauer. Aktualisiert am 25.02.2011 45 Kommentare

Welche Plagiatsaffäre? Guttenberg hat die Gesetze der Politik mit alten Rezepten ausgehebelt.

Inszeniert sich als Antipolitiker: Der 39-jährige Verteidigungsminister von Deutschland.

Inszeniert sich als Antipolitiker: Der 39-jährige Verteidigungsminister von Deutschland.
Bild: Keystone

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Jeder andere hätte gehen müssen. Der deutsche Verteidigungsminister hat grosse Teile seiner Dissertation abgeschrieben – und behauptet auch noch, er habe dies nicht bewusst getan. Dreister geht es nicht mehr. Doch statt aus dem Kabinett zu fliegen, statt mit Schimpf und Schande im politischen Orkus entsorgt zu werden, erhält der Baron mit Gelfrisur brandenden Applaus. Parteifreunde reissen sich um das Wahlkampf-Zugpferd, die Fans aus dem Volk applaudieren.

Ist Deutschland von Sinnen? Nicht mehr als andere Länder. Das System Guttenberg funktioniert nach einfachen Mechanismen, deren sich vor ihm schon Jörg Haider, Silvio Berlusconi und – gleichsam in einer Bergler-Variante – auch Christoph Blocher bedient haben.

Guttenberg hat die Politik nicht nötig

Erstens: Karl-Theodor zu Guttenberg verkörpert den Erfolgsmenschen, eine Art Märchenprinz. Er hat alles, was sich Otto Normalwähler wünscht. Viel Geld, eine hübsche Frau, ein Schloss. Zudem sieht er, quasi als Dreingabe, auch noch gut aus. Daraus ergibt sich zweitens der Eindruck, dass Guttenberg die Politik nicht nötig hat. Nicht für sich, nicht für einen Dienstwagen oder andere Pfründen mühe sich der Baron im Berliner Regierungsviertel ab, sondern einzig und allein für die Bundeswehr, für das Land. So lautet die Legende. Das ist drittens die Grundlage für Guttenbergs letzten, aber wichtigsten Kniff: Er nimmt sich selber aus dem Politbetrieb heraus, er stellt sich als Ausnahme dar, quasi als Antipolitiker.

Das ist nicht neu, auch Blocher hat regelmässig gegen die «Classe politique» gestänkert – obwohl er selber dazugehört. Bei Guttenberg geht es so weit, dass er seine Verachtung für die Säulen der deutschen Demokratie offen zugibt. Er nehme doch zu den Vorwürfen gegen ihn nicht vor der Hauptstadtpresse Stellung, erklärte er Anfang Woche in der hessischen Provinz. Nein, viel lieber redet er direkt mit dem Volk. Die Parteifreunde waren begeistert. Als er dann auch noch scherzte, auf der Bühne stehe «das Original, nicht das Plagiat», kochte die Stimmung erst recht über. So einfach ist das: Der Baron hat sich nicht nur einen Doktortitel erschlichen, er macht sich, nachdem man ihn erwischt hat, auch noch über die Philister lustig, die ihm eine solche Schelmerei nicht durchgehen lassen.

Kolossaler Widerspruch

Er bedient – wie andere Populisten vor ihm – die Sehnsucht der Menschen nach (vermeintlicher) Authentizität, er gibt sich antielitär, obwohl er selber zur Elite gehört; er gibt sich selbstlos, obwohl er nicht weniger selbstsüchtig ist als andere.

Zuweilen wird das kurios: Am letzten CSU-Parteitag etwa stellte er sich hin und erklärte, er rede jetzt nicht als Vertreter der Parteispitze, sondern gleichsam als einfaches Mitglied. Eine mirakulöse Zweiteilung, die Gleiche übrigens, mit der er seinen Kopf aus der Plagiat-Schlinge zieht. Motto dort: Als Wissenschaftler habe er zwar Fehler begangen, aber als Minister sei er die Ehrlichkeit in Person.

Natürlich ist das ein kolossaler Widerspruch. Aber Gel und Glanz des Guttenberg überkleistern diesen, sie sind der Stoff, aus dem die Träume sind. Die Story des rechtschaffenen Adeligen, der sich so wohltuend abhebt von den grauen Parteimäusen, ist zu gut, als dass man sie sich kaputtmachen lässt. Selbst wenn Guttenberg behaupten würde, die Erde sei eine Scheibe – seine Fans würden nicken.

Hand in Hand mit «Bild»

Dabei hat er willige Helfer aus dem Establishment. Dazu gehören seine Partei, ja die Regierung überhaupt. Trotz seiner Verfehlungen halten die Unionsgranden, hält Kanzlerin Merkel an ihm fest: weil er im Superwahljahr Stimmen bringt. Zu seinen Unterstützern gehört auch die «Bild»-Zeitung. Boulevardjournalismus braucht Figuren wie Guttenberg, um die Zeitung zu verkaufen. Alles andere ist egal. Oder wie es «Bild»-Kolumnist Franz Josef Wagner formulierte: «Macht keinen guten Mann kaputt. Scheiss auf den Doktor.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2011, 09:03 Uhr

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45 Kommentare

Hanspeter Moesch

25.02.2011, 11:12 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Hervorragend durchleuchtet, verständlich formuliert, der letzte Satz der treffend-guten Analyse von David Nauer: "Macht keinen guten Mann kaputt" bringt's partei-politisch auf den Punkt. Antworten


Hans Peter

25.02.2011, 11:20 Uhr
Melden

Da frag ich mich, wo sehe ich einen guten Mann. Es gibt sicherlich hundert Andere die mindestens das gleiche Profil erfüllen, ohne dem Vorwurf der Fälschung ausgesetzt zu sein. Immerhin ist er smart, aber das reicht doch nicht, oder?
Die richtigen Banden musst du haben in der Medienlandschaft, abartig insziniert, dann bist du der Mann, die "Führer"-Figur. Die brauchen's wohl wieder!
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