Hintergrund

Mit Philosophie gegen Prostitution

Ist Prohibition der richtige Weg? Halb Europa diskutiert über den Umgang mit dem Sexgewerbe. Die Franzosen streiten mit besonderer Verve.

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Die Feuilletons sind voll, dazu die Meinungsseiten der Zeitungen, die Diskussionsforen im Internet. Wenn Frankreich über gesellschaftspolitische Fragen debattiert wie jetzt wieder, da sich das Parlament dem «System der Prostitution» annimmt, melden sich immer viele mitteilsame Soziologen, Psychologen, Anthropologen, Politologen. Oft schliessen sie sich in wissenschaftlichen Ad-hoc-Kollektiven zusammen, deren Namenslisten länger sind als ihre Manifeste. Natürlich mag auch kein Schriftsteller, kein Philosoph, kein Prominenter fehlen im Konzert der Debattierer. Ihre Beiträge sind nicht immer gleich inspiriert. Doch wie herrlich sie doch blüht, diese Lust an der kontroversen Debatte!

Die Prostitution ist ein Paradethema, ein altes und immer wiederkehrendes. Es treibt gerade halb Europa um. Es werden da viele interessante Kategorien angetippt: Sex, Moral, Recht, Freiheit. Und natürlich auch Doppelmoral, Bigotterie, Hysterie. Hier einige der grossen Fragen: Soll sich der Staat in private Angelegenheiten einmischen? Ist Prostitution nicht wichtig für die Gesellschaft, vor allem für die männliche, und war sie das nicht immer schon? Wie einvernehmlich ist ausgehandelter Sex, wenn die Anbieterinnen der Dienstleistung in ihrer grossen Mehrheit ihren Beruf nicht frei gewählt haben und auch nicht frei über ihren Körper verfügen?

Die grosse Umkehrung

Kein europäischer Staat hat die Probleme je in den Griff bekommen: vor allem die Ausbeutung und den Menschenhandel. Weder die Prohibition, wie sie Schweden seit 1999 betreibt, noch die Legalisierung der Prostitution, wie sie Deutschland 2001 beschloss, half bei der Bekämpfung der Sklaverei. Das schwedische Modell aber gilt gemeinhin als wirksamer und hat mehr Nachahmer. In Deutschland ist das Gewerbe regelrecht explodiert, ohne dass sich die soziale und rechtliche Lage der Prostituierten verbessert hätte. Am schwedischen Modell lehnt sich denn auch die französische Gesetzesvorlage an. Es operiert mit einer Umkehrung der strafrechtlichen Verantwortung: Kriminell ist der Kunde. In Frankreich reden sie von einem philosophischen Paradigmenwechsel.

Das Ziel der Verfechter dieses Modells ist es, mit Abschreckung die Nachfrage für Kaufsex zu mindern. In Frankreich soll künftig ein Freier 1500 Euro Busse bezahlen müssen (3000 Euro im Wiederholungsfall), wenn er in flagranti erwischt wird. Gleichzeitig soll die Angebotsseite strafrechtlich entlastet werden. Seit 2003 steht der Kundenfang, das Anmachen auf der Strasse, unter Strafe. Dieses Verbot soll nun wieder aufgehoben werden, weil es die Lage der 20'000 bis 40'000 zumeist ausländischen und papierlosen Prostituierten zusätzlich verschärft hat – im Freien. «Maisons closes», Freudenhäuser also, darf es nämlich in Frankreich seit 1946 keine mehr geben. Und so käme es, sollte die Gesetzesvorlage in ihrer jetzigen Form verabschiedet werden, zu einer paradoxen Situation: Prostituierte dürften wieder straffrei Kunden anwerben, doch diese Kunden würden gebüsst, wenn sie darauf eingingen.

Die staatliche Ohnmacht

In Schweden war die Bevölkerung zunächst skeptisch: Nur 30 Prozent begrüssten die Bestrafung der Freier. 13 Jahre später sind es 70 Prozent. Die schwedischen Behörden behaupten, die Prostitution sei in der Zwischenzeit um 50 Prozent zurückgegangen – zumindest die sichtbare.

In Frankreich scheint das Lager der Gegner und jenes der Befürworter des neuen Gesetzes ungefähr gleich gross zu sein. Zu den Gegnern zählen liberale Geister, linke wie rechte, wie es sie in Frankreich in sexualmoralischen Belangen aus Reflex gegen klerikale Sittenvorstellungen immer schon viele gab: Sie wehren sich gegen die staatliche Intervention. Gegen eine Bestrafung der Freier stemmt sich auch die Gewerkschaft der Sexarbeiterinnen, die bei jeder neuen Vorschrift vor einer weiteren Verschlechterung der Sicherheit und der Hygiene im Milieu warnt, weil das Geschäft dann noch mehr abtauche. Zu den Befürwortern der Prohibition zählen feministische Gruppen und religiöse Kreise, die eine Lösung allein in einer – freilich illusorischen – Abschaffung der Prostitution sehen. Für sie ist käuflicher Sex archaisch und das Argument der «Einigung unter Erwachsenen» bestenfalls ein männlicher, machohafter Mythos.

Ganz falsch liegt wohl keines der ­beiden Lager. Die Zeitung «Le Monde» kommentierte dieser Tage so: «Es ist nicht Sache des Staates, sich in die Privatsphäre einzumischen. Das Gesetz muss aber dafür sorgen, dass die Zuhälterei verfolgt und den Opfern des Menschenhandels dabei geholfen wird, die Prostitution verlassen zu können.» Einen Passus in diese Richtung gibt es in der Gesetzesvorlage. Den ausstiegsbereiten Frauen soll aktiv geholfen werden – mit Steuererleichterungen, Sozialzuschüssen, Aufenthaltsbewilligungen. Es soll dafür ein Fonds eingerichtet werden mit «10 bis 20 Millionen Euro». Das ist ein bescheidener Betrag für ein so grosses Problem. Er spiegelt die Ohnmacht des Staates.

Erstellt: 29.11.2013, 21:56 Uhr

Parlament stimmt für Bestrafung

Die französische Nationalversammlung hat am Freitagabend für die Bestrafung von Freiern gestimmt. Die Abgeordneten votierten per Handzeichen für die zentrale Bestimmung des umstrittenen neuen Gesetzes zur Prostitution, die für den Kauf sexueller Dienstleistungen Geldstrafen von 1500 Euro vorsieht. Das gesamte Gesetz, das von Abgeordneten von Regierung und Opposition gemeinsam eingebracht worden war, wird am kommenden Mittwoch zur Abstimmung gestellt.

Anschliessend muss noch der Senat dem Text zustimmen. Im Wiederholungsfall sieht das Gesetz für Freier eine Strafe von 3750 Euro vor. Als Alternative oder Ergänzung zu einer Geldstrafe können auch Kurse zur «Sensibilisierung» der Männer angeordnet werden. Zugleich stimmten die Abgeordneten am Freitagabend dafür, den auf die Prostituierten zielenden Straftatbestand des «Kundenfangs» abzuschaffen, der die Frauen mit zwei Monaten Gefängnis bedroht, wenn sie öffentlich um Freier werben.

Die Abgeordneten stimmten ausserdem für Unterstützungsmassnahmen für Frauen, die die Prostitution verlassen wollen. Dafür sollen jährlich 20 Millionen Euro bereit gestellt werden. Ausländische Prostituierte, die die Unterstützung in Anspruch nehmen, erhalten gemäss dem neuen Gesetz eine sechsmonatige Aufenthaltserlaubnis, die erneuert werden kann. Durch das Gesetz soll Prostitution, die derzeit in Frankreich legal ist, eingedämmt werden.

Der Text hatte in den vergangenen Wochen eine heftige öffentliche Debatte in Frankreich ausgelöst, auch weil sich zahlreiche Prominente wie die Schauspielerin Catherine Deneuve gegen eine Bestrafung der Freier wandten. In Frankreich wird die Zahl der Prostituierten auf mindestens 20'000 geschätzt. Davon kommen 80 bis 90 Prozent aus dem Ausland, vor allem aus Osteuropa, Afrika, China oder Lateinamerika. Viele Frauen sind Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution. (AFP)

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