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Mit faschistischem Gruss

Von Von Bernhard Odehnal, Banska Bystrica. Aktualisiert am 22.10.2009

Er verkauft Nazi-Mode, organisiert Aufmärsche gegen Roma und schmiedet internationale Allianzen: Marian Kotleba, Führer der slowakischen Rechtsextremen, ist ein umtriebiger Mann.

Fast jedes Wochenende marschiert ein Stosstrupp der Slowakischen Gemeinschaft in irgendeinem Roma-Viertel auf.

Fast jedes Wochenende marschiert ein Stosstrupp der Slowakischen Gemeinschaft in irgendeinem Roma-Viertel auf.
Bild: Keystone

Der 32-Jährige war Lehrer, bevor er zum Führer der rechtsextremen Slowakischen Gemeinschaft aufstieg.

Der 32-Jährige war Lehrer, bevor er zum Führer der rechtsextremen Slowakischen Gemeinschaft aufstieg.

Der Laden trägt einen unauffälligen Namen: Rightwear – englische Mode. Er liegt im Zentrum der slowakischen Industriestadt Banska Bystrica, aber versteckt in einem Hinterhof, sodass nur Eingeweihte ihn finden. Die erhalten in dem düsteren Gewölbe das gesamte Programm für modebewusste Neonazis. Jacken von Thor Steinar, Sweater von 88 (die Codezahl steht für Heil Hitler!) und T-Shirts mit Aufschriften wie «Good night left side» («Gute Nacht Linke») oder «Odin statt Gott» für 15 Euro. Der Vorhang zur Umkleidekabine ist mit der «schwarzen Sonne» bedruckt, einem der SS entliehenen Symbol. Aus den Lautsprechern dröhnt Death-Metal.

Banska Bystrica liegt zweieinhalb Autostunden nordöstlich der Hauptstadt Bratislava. Für die Kommunisten hat der Ort besondere Bedeutung, denn hier erhoben sich im Sommer 1944 republikanische Truppen gegen das faschistische Regime der Slowakei. Die deutsche Wehrmacht schlug den Aufstand nieder, die Anführer starben im KZ. Banska Bystrica aber heisst noch heute «Stadt des slowakischen Volksaufstands»: Die Regierungsspitze reist aus Bratislava alle Jahre wieder zu den Gedenkfeierlichkeiten an.

Bürstenschnitt und Kakihose

In der Unteren Gasse Nummer 7 aber werden die ehemaligen deutschen Besatzer geehrt. An der Wand im Geschäft Rightwear hängt die deutsche Reichskriegsflagge, daneben das Bild eines Landsers mit der Unterschrift: «Sie waren die besten Soldaten der Welt.» An der Kasse sitzen drei junge Männer mit kahlen Köpfen. Sie mustern die Besucher skeptisch, hören, dass sie Deutsch sprechen, und reagieren beruhigt: «Lass sie ruhig schauen», sagt einer, «die gehören zu uns.» Zum Abschied gibt es ein lautes «Heil!».

Der Name des Geschäftsinhabers steht an der Eingangstüre: Marian Kotleba stammt aus Banska Bystrica, ist 32 Jahre alt und war Lehrer. Er trägt Schnurrbart, Bürstenschnitt und eine Hose in Tarnfarben. Statt «Heil!» bevorzugt er jedoch den alten Gruss der slowakischen Faschisten: «Auf Wache!» (Na straz). Wenn Kotleba über den Hauptplatz von Banska Bystrica spaziert, wird er von Jugendlichen und Kellnern gegrüsst. Sie kennen sein Gesicht aus den Tageszeitungen und den Fernsehnachrichten.

Kotleba führt einen Verein namens Slowakische Gemeinschaft (Slovenska pospolitost), der seit August beinahe jedes Wochenende in ostslowakischen Gemeinden mit grossen Roma-Ghettos aufmarschiert und unter Beifall der «weissen» Bürger den «Terror der Zigeuner» anprangert. Die Slowakische Gemeinschaft wolle «auf natürlichem Weg den Stolz der Slowaken auf ihre Nation wecken», erklärt Kotleba. Die Rhetorik erinnert eher an die kurze Periode des slowakischen Faschismus in den 30er- und 40er-Jahren, den die katholischen Priester Andrej Hlinka und Jozef Tiso anführten. Der «nationale Widerstand» wird von Kotlebas Gemeinschaft zum Überlebenskampf erklärt: «Entweder wir siegen, oder wir gehen unter.»

In den Nachbarländern Ungarn und Tschechien bildeten solche Aufmärsche in den letzten Monaten den Auftakt zu gewalttätigen Übergriffen. In Ungarn brachten Neonazis neun Roma um, in Tschechien wurden drei Roma bei einem Brandanschlag schwer verletzt. Und in der Slowakei ist die Stimmung vor den Kundgebungen der rechtsextremen Gemeinschaft mittlerweile so angespannt, dass Frauen und Kinder aus Roma-Siedlungen in die Wälder flüchten. Beim ersten Marsch in Sarisske Mihalany versuchte die Polizei, die vermummten Extremisten mit Schlagstöcken und Wasserwerfern zu vertreiben. Bei der zweiten Demonstration wurde Kotleba in Gewahrsam genommen. Beide Massnahmen steigerten nur seine Popularität. Kotleba sei jetzt «der Superstar», spottete die Tageszeitung «Sme».

Antisemitische Hetzschriften

Kotleba spricht Probleme an, die von der Regierung ignoriert werden. Die Ostslowakei hinkt weit hinter der Entwicklung der Ballungsräume hinterher. Arbeitslosigkeit und Kleinkriminalität sind weit verbreitet. Die häufigen Gewalttaten jugendlicher Roma werden von Kotlebas Gemeinschaft penibel aufgelistet – und der Minderheit angelastet: «Unterstützen Sie den Protest gegen die unaufhörliche Bevorzugung von Verbrechern und Parasiten.» Dass Kotlebas Mannen (Frauen sind selten dabei) oft vermummt auftreten, faschistische Symbole tragen und Steine schmeissen, schreckt die Zuschauer nicht.

Zumindest kümmern sie sich um uns, erklärten die Dorfbewohner, die «lieber mit Neonazis als mit Zigeunern» leben wollen. Die Slovenska pospolitost veröffentlicht auf ihrer Homepage Übersetzungen der Hetzschriften «Die Protokolle der Weisen von Zion» und «Der Internationale Jude». Jeder solle sich dazu die eigene Meinung bilden, sagt Kotleba. Er selbst meint, dass sich die Prophezeiung einer jüdischen Weltverschwörung «langsam erfüllt: Das sollte uns eine Warnung sein».

Rabiater Nationalismus

Der rabiate Nationalismus ist in der Mitte der slowakischen Gesellschaft angekommen. In der Regierungskoalition hetzt nicht nur Jan Slotas Slowakische Nationalpartei gegen Roma und Ungarn. Selbst der sozialdemokratische Regierungschef Robert Fico sieht den Kleinstaat Slowakei von übermächtigen Feinden umzingelt. Ficos Regierung hätte den bürgerlichen, demokratischen Patriotismus stärken müssen, sagt der slowakische Soziologe Juraj Buzalka: «Stattdessen predigt sie nationalen Hass.» Die Rechtsextremen knüpfen derweil internationale Beziehungen, die im politischen Mainstream undenkbar sind. Der slowakische Nationalist Marian Kotleba schliesst eine Kooperation mit der rechtsextremen Partei Jobbik in Ungarn nicht aus. «Unsere Leute», sagt er, «werden nicht von Ungarn, sondern von Zigeunern getötet.» Die ungarischen Nationalisten, sagt er, seien sein Vorbild: «Wenn die rufen, gehen Zehntausende auf die Strasse. Sie können die Politik diktieren.»

Während die slowakisch-ungarischen Beziehungen erst geknüpft werden, gibt es zwischen Slowaken und Tschechen bereits eine enge Zusammenarbeit. Tschechische Neonazis treten bei Kundgebungen in der Slowakei auf – und umgekehrt. Der Brünner Extremismusforscher Miroslav Mares zählt die rechtsextremistischen Gruppen in Tschechien und der Slowakei «zu den aktivsten in Europa: Gemessen an der Gesamtbevölkerung hat Tschechien einen höheren Anteil an Neonazis als Deutschland». Noch würden potente Geldgeber und charismatische Führer fehlen, sagt Ivan Vesely von der tschechischen Roma-Organisation Dzeno: «Wenn die auftauchen, müssen wir uns wirklich Sorgen machen.»

NPD als Vorbild

Marian Kotleba will eine nationale Partei gründen, «nach dem Vorbild der deutschen NPD». Sie könnte eine ernsthafte Konkurrenz zu Slotas Nationalpartei werden, die sich in Korruptionsaffären verstrickt hat. Der Soziologe Juraj Buzalka traut den Rechtsextremen zu, sich auf kommunaler Ebene zu etablieren. Tatsächlich haben Kotlebas Aufmärsche Spuren hinterlassen. Nach einer Kundgebung der slowakischen Gemeinschaft wurde im ostslowakischen Dorf Ostrovany zwischen der Roma-Siedlung und den anderen Häusern eine 2 Meter hohe, 150 Meter lange Mauer errichtet. «Ich bin kein Rassist», sagt der Bürgermeister, «aber ich möchte niemanden die Hölle zumuten, die wir hier jeden Tag erleben.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.10.2009, 09:50 Uhr

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