Ausland
«Neapel ist im Krieg»
Von Oliver Meiler, Rom. Aktualisiert am 31.10.2009
«Die Camorra ist jene Organisation in Europa, die am meisten tötet»: Roberto Saviano, 30. (Bild: Keystone)
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Zur Person
Roberto Saviano: Der Buchautor, der seit seinem Welterfolg permanent sieben Leibwächter um sich hat
Sieben sehr ernste Leibwächter und ständig wechselnde Wohnorte: Der Neapolitaner Roberto Saviano bezahlt für den Welterfolg seines Erstlings «Gomorra»; das sprachgewaltige Buch über die Camorra, Neapels Mafia, wurde mittlerweile in 50 Ländern verlegt und mehr als drei Millionen Mal verkauft. Der gleichnamige Film von Matteo Garrone erhielt viele Auszeichnungen und war ein Publikumserfolg. Der studierte Philosoph Saviano erhielt Morddrohungen von der Camorra, die nichts mehr scheue als Licht auf ihre Geschäfte, wie der Autor in seinem neuen Werk «La bellezza e l'inferno» schreibt. Er sagt trotzdem, er habe keine Angst um sein Leben. Sorge bereite ihm hingegen, dass manche seiner Arbeit nicht trauten – wegen seines jugendlichen Alters.
«Gomorra» kam 2006 heraus, als Saviano 27 war. Er schreibt heute für die «Repubblica», «L'Espresso», «Die Zeit», «El PaÃs» und die «Washington Post». Bei seinen Auftritten wird er wie ein Held gefeiert, was ihm unangenehm ist. Dem Gespräch mit dem TA am Donnerstagabend im Büro eines Universitätsprofessors im Norden Roms ging viel Organisation voraus – und einige Programmänderungen in letzter Minute. (om)
Herr Saviano, ein Video erschüttert die Italiener. Es sind die soeben veröffentlichten Bilder einer Hinrichtung mitten in Neapel, vor einer Bar im Quartier Sanità . Und von Passanten, die über die Leiche steigen, scheinbar gleichgültig. Was sagen uns diese Bilder, die im Mai von der Sicherheitskamera eines Ladens aufgenommen wurden?
Sie sind eine Premiere. Zum ersten Mal in der Geschichte gibt es Aufnahmen, auf denen man eine Exekution der Camorra tatsächlich sieht. Von Schiessereien gab es schon Bilder, von Leichen natürlich auch – viele. Aber nie zuvor gab es Aufnahmen eines Killers, der zur Hinrichtung schreitet, dokumentiert von der ersten bis zur letzten Sekunde der Operation. Die Staatsanwaltschaft hat das Video lange für sich behalten. Doch da es nicht gelungen ist, den Mörder zu identifizieren, obwohl sein Gesicht gut erkennbar ist, haben sie sich nun eben entschieden, die Bilder zu veröffentlichen.
Mit der Hoffnung, dass sich jemand meldet und den Mörder anzeigt. Wie realistisch ist diese Hoffnung? Ist die Angst nicht grösser, die Mauer des Schweigens nicht stärker?
Ich träume davon, dass sich, sagen wir, 20 Bewohner eines Wohnblocks bei der Polizei melden, dass alle miteinander aufs Kommissariat gehen – toc, toc, toc! Im Grunde aber träume ich von der Rebellion eines ganzen Quartiers, von einer ganzen Gemeinde von Menschen, die gemeinsam reagieren. Nicht nur ein Einzelner, der sich mit seiner Courage exponiert und sich so tausend Gefahren aussetzt. Wenn es viele wären, ein Kollektiv, würde das die ganze Dynamik des Konflikts verändern. Das würde den Kampf gegen die Camorra neu beleben. Die könnten ja nicht mit ihrer alten Logik die Bewohner eines ganzen Quartiers umbringen, um sich zu rächen.
Sie glauben, dass die Videosequenz einen Bruch bewirken kann?
Die Bilder sind ein Schock für Italien und für Europa, weil man es gemeinhin nicht für möglich hält, dass sich eine solche Szene mitten in einer grossen Stadt Europas zutragen kann. Für die Neapolitaner selber aber ist der Schuss in den Kopf, dieser Abrechnungsmord zwischen zwei Clans, ein Klassiker. Wer den Gnadenstoss nicht selber gesehen hat, der hat ihn sich beschreiben lassen von Leuten, die dabei waren. Der Killer muss sicher sein, dass sein Opfer nicht überlebt, sonst ziehen sie ihm einige Monatslöhne ab oder geben ihn zur Verhaftung frei. Er muss gewissermassen die Haut der Beute nach Hause bringen, sonst bekommt er Ärger.
Brutale und krude Bilder gibt es doch mittlerweile auf allen Kanälen. Warum schockieren diese Bilder noch mehr als andere?
Da ist einmal die Tatszene an sich. Der Täter tritt ohne Maske auf, ohne Strumpf über dem Kopf, einfach so – die totale Normalität an einem Mainachmittag in Neapel. Er flieht nicht mit einem Motorrad, er rennt nicht davon, er erfüllt nur seine Mission. Wahrscheinlich tötet er nicht zum ersten Mal. Er beugt sich nach vorn, schiesst seinem Opfer in den Kopf, richtet sich auf und geht. Ganz ruhig, abgeklärt. Wie ein Soldat. Das ist ein Krieg. Neapel ist seit dreissig Jahren im Krieg. Die Clans haben ihre Heere, Soldat gegen Soldat.
Trainieren die Camorristi solche Aktionen, um kalt und ruhig zu bleiben?
Militärisch ausgebildet sind sie nicht, die gehen nicht aufs Feld und lernen dort das Schiessen. Sie lernen auch nicht, kalt zu sein. So ist nun einmal ihr Leben. Man sagt ihnen nur: «Geh hin und schiess ihm in den Kopf!» Und sie gehen hin und schiessen in den Kopf. Kürzlich hat man mir ein abgehörtes Telefongespräch vorgespielt, auf dem man einen Killer des Clans Licciardi aus Scampia (einem berüchtigten Vorort Neapels, d. Red.) hört. Der Mann beklagt sich nach einem Mord darüber, dass seine neuen, eben erst erstandenen Schuhe voller Blut seien. Er müsse sie wegwerfen, wegen der Spuren, jammert er. Die Camorristi finden nichts am Töten – null Emotion.
Und sie töten viel.
Ja, die Camorra ist jene Organisation in Europa, die am meisten tötet – mehr als die IRA, die ETA oder seinerzeit die RAF und die Roten Brigaden. Weltweit töten nur die mexikanischen und kolumbianischen Narcos, die Drogenbanden, noch häufiger.
Im zweiten Teil der fünfminütigen Sequenz sieht man Passanten, die scheinbar gleichgültig an der Leiche vorbeigehen. Ein Vater mit seiner Tochter auf dem Arm, der dem Kind nicht einmal die Augen verdeckt. Andere steigen mit einem Ausfallschritt über das Opfer, dessen Kopf im Blut liegt, und gehen weiter.
Das ist vielleicht noch denkwürdiger, schockierender als die Hinrichtung selber. Ich würde es eine tragische Gelassenheit nennen. Die Hölle ist banal geworden, der Tod auch. Das Leben hat keinen Wert. Die Passanten kümmert das Unrecht nicht. Was sie kümmert, ist hingegen die Angst, eine falsche Bewegung zu machen, eine falsche Geste, mit der sie sich einem Risiko aussetzen würden und Position beziehen. Wenn einer wegrennt, identifiziert er sich selber als Zeugen. Die Gelassenheit ist also reiner Selbstschutz. Darum tun alle so, als wäre nichts passiert, als wäre alles normal.
Unterdrückte Fassungslosigkeit.
Ja, instinktiv würde man doch der Polizei telefonieren, schreien, rennen. Hier nicht. Hier hat man Angst, sich zu exponieren. Die Syntax der Angst in Neapel ist eine andere als in Grossstädten wie etwa Madrid oder London. Das ist keine normale Kriminalität. Der Krieg hat einen anderen Mechanismus, eine andere Dialektik und Dynamik. Wenn es denselben Mord im Zentrum Londons gegeben hätte, da bin ich mir ganz sicher, da hätten die Leute rundherum geschrieen, einige hätten die Szene vielleicht mit dem Handy aufgenommen, die meisten wären weggerannt. In Neapel ist jede aufgeregte Geste ein Signal. Wenn zufällige Zeugen befragt werden zu einem Abrechnungsmord, flüchten sie sich immer in Ausreden. Kürzlich sagte ein Passant nach einem Mordfall, er habe das Gedächtnis verloren, ein anderer, er habe gedankenverloren nach der Strasse zur Kirche gesucht und gar nichts gesehen und gehört.
Alle italienischen Fernsehsender haben die Aufnahmen gezeigt. Und zwar zur Hauptsendezeit. Ändert das etwas?
Ja, das verändert die allgemeine Wahrnehmung der Camorra. Die Staatsanwaltschaft hat richtig gehandelt, wie ich finde. Viele haben sie kritisiert und gesagt, die Bilder seien zu brutal, gerade für Kinder, die ja auch die Nachrichten schauten. Ich bin vom Gegenteil überzeugt. Die Bilder sind wichtig. Und sie sind nicht im klassischen Sinn brutal, man sieht kaum Blut. Wichtig ist, dass die Italiener zum ersten Mal gesehen haben, wie die Mafia tötet, wie alltäglich das ist in Neapel, einer Stadt in diesem Land, wie ungemein banal. Als wäre es ein kleiner Autounfall, ein Blechschaden.
Hatte der Mord im Mai eigentlich Schlagzeilen gemacht?
Nein, die meisten italienischen Zeitungen haben überhaupt nicht darüber berichtet. Und die Regionalzeitungen «Il Mattino» und «Corriere del Mezzogiorno» vermeldeten den Mord an Mariano Bacio Terracino nur sehr kurz, auf ein paar Zeilen. Ist ja auch kein Wunder, es gibt so viele Morde. Nun aber hat die halbe Welt die Bilder der Hinrichtung gesehen. Diese Bilder sind stärker als jede Realityshow.
Was bringt das Ihrer Arbeit?
Das hilft mir sehr. Man wird mir wohl für eine Weile nicht mehr sagen: «Du übertreibst.»
Ist das oft passiert?
Dauernd. Das höre ich am meisten. Das Argument geht so: «Wenn alles so schlimm ist, wie du es beschreibst, warum war denn vor dir keiner auf die Idee gekommen, darüber zu schreiben?» Ich war ja nicht der Erste. Doch die meisten Werke wurden von Spezialisten für andere Experten, für Richter und Soziologen geschrieben. Mein Buch hat sehr viele Menschen erreicht, das ist der einzige Unterschied. Und das passt vielen nicht.
Wie wurde Ihr Buch «Gomorra» in Neapel aufgenommen?
Aus Neapel bekomme ich vor allem Schelte. Man beschimpft mich als Nestbeschmutzer. Man wirft mir vor, ich mache Geld auf dem Rücken der Camorra. Zuerst hat mich das getroffen. Nun lache ich darüber. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.10.2009, 16:59 Uhr


