Ausland
Papst-Attentäter will Geheimnisse um Anschlag auf Johannes Paul II. lüften
Viele Angebote für Filme und Bücher: Mehmet Ali Agca. (Bild: Keystone)
Das Opfer besucht den Täter: Papst Johannes Paul II. und Mehmet Ali Agca bei einem Gespräch zwei Jahre nach dem Attentat. (Bild: Keystone)
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Als Mehmet Ali Agca vor vier Jahren auf Grund einer Fehlberechnung seiner Haftzeit in der Türkei für einige Tage auf freien Fuss kam, fragte er seinen Anwalt, ob er einmal ein Handy sehen könne. Der Papst-Attentäter wusste einfach nicht, was ein Mobiltelefon ist. Schliesslich sass er seit seinen Schüssen auf Johannes Paul II. Anfang der 80er Jahre im Gefängnis. Am Montag kommt Agca endgültig frei, nachdem er mehr als die Hälfte seines Lebens hinter Gittern verbracht hat. Doch auch wenn er technologisch nicht ganz auf der Höhe der Zeit sein mag - Agcas Geschäftssinn hat in der Haft nicht gelitten.
Zuerst einmal möchte Mehmet Ali Agca nach seiner Haftentlassung in die Ferien fahren. Dann schaut er sich die mehr als 50 Angebote für Filme und Bücher an, die ihn aus aller Welt erreicht haben. Angeblich verlangt Agca mehrere Millionen Dollar pro Buchvertrag.
Im Auftrag seines Mandanten bemüht sich Anwalt Özhan seit fast einem Jahr zudem um einen Termin für Agca an der Stätte seines Attentates - im Vatikan. Agca wolle das Grab von Johannes Paul II. besuchen, der ihm nach den Schüssen vergeben hatte, und auch mit Benedikt sprechen, erklärte Özhan. Aus dem Vatikan sei bisher aber noch keine definitive Antwort gekommen. Auf Agcas Reiseliste steht offenbar nicht nur die Ewige Stadt. Auslandsreisen würden für den Papstattentäter unumgänglich werden, erklärte Agcas Anwalt: zur Unterzeichnung lukrativer Medienverträge.
Ali Agca will alle Fragen beantworten
Der Papst-Attentäter will nach seiner Freilassung das Motiv seines Mordanschlags auf Johannes Paul II. erläutern. 29 Jahre nach dem Attentat wolle er alle Fragen beantworten, kündigte der 52-Jährige in einem von seinen Anwälten in Ankara veröffentlichten Brief an. Bis heute ist unklar, warum der Türke im Mai 1981 auf dem Petersplatz in Rom mehrere Schüsse auf den Papst abgab. Um das Attentat, bei dem Johannes Paul schwer verletzt wurde, ranken sich zahlreiche Spekulationen.
Agca selbst hat sich in der Vergangenheit widersprüchlich zu den Hintergründen geäussert. Zunächst erklärte er, er habe aus eigenem Antrieb gehandelt. Später deutete er an, die bulgarische Regierung und der sowjetische Geheimdienst KGB hätten den Anschlag in Auftrag gegeben. Der aus Polen stammende Papst war in Osteuropa überaus beliebt und trug zur Destabilisierung der kommunistischen Herrschaft bei. Für die so genannte Bulgarien-Connection fand sich in mehreren Gerichtsverfahren aber kein eindeutiger Beweis, zumal Agca selbst seine Äusserungen zurückzog.
Papst Johannes Paul II., der Agca 1983 im Gefängnis besuchte und dem Attentäter verzieh, glaubte nach eigenen Angaben nicht an die Bulgarien-Theorie. In seinem kurz vor seinem Tod im Frühjahr 2005 erschienenen Buch «Erinnerung und Identität» schrieb Johannes Paul indes, Agca habe nicht aus eigenem Antrieb gehandelt. Das Attentat sei von anderen geplant und in Auftrag gegeben worden.
Angeblicher Mordbeschluss des Kremls
Die Spekulationen über eine mögliche Verbindung zum KGB wurden auch durch ein dem Kreml zugeschriebenes Dokument aus dem Jahr 1979 genährt. Darin heisst es, die sowjetische Führung habe die Ermordung des Papstes beschlossen. Das Dokument ist auf den 25. November 1979 datiert - denselben Tag, an dem der damals wegen Mordes an einem türkischen Journalisten inhaftierte Agca aus dem Gefängnis ausbrach. In seiner am Mittwoch veröffentlichten Erklärung kündigte der Papst-Attentäter jetzt an, er werde beantworten, ob es hier eine Verbindung gegeben habe.
Auch zum rätselhaften Verschwinden der Tochter eines Vatikan-Angestellten im Jahr 1983 will sich Agca äussern. Unbekannte erklärten damals, sie hätten die 15-Jährige in ihrer Gewalt und würden sie im Austausch gegen eine Freilassung Agcas zu ihrer Familie zurückbringen. Die italienischen Behörden fanden aber keine Beweise für eine Verbindung zwischen dem Papst-Attentäter und dem Verschwinden des Mädchens.
Agca sass nach dem Attentat 19 Jahre lang in einem italienischen Gefängnis. Im Jahr 2000 wurde er begnadigt und in die Türkei gebracht, wo er seither die Reststrafe für den 1979 verübten Mord an einem türkischen Journalisten verbüsst. Im Januar 2006 war Agca kurzzeitig freigelassen worden, wurde aber nach nur acht Tagen wieder ins Gefängnis gebracht. Die türkische Regierung erklärte damals, Agca sei nur wegen eines Fehlers bei der Berechnung der Reststrafe freigekommen. (vin/ddp/sda)
Erstellt: 17.01.2010, 19:37 Uhr
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