Putins Troll

Der Blogger Marat Burkhard arbeitete in Putins Propagandafabrik. Und verriet danach ihre Geheimnisse.

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Er tippte endlos. Die Vorgabe war mörderisch. 135 Postings pro Schicht, jedes mindestens 200 Zeichen lang. Also drei Seiten «Tages-Anzeiger» in 12 Stunden. Wenigstens musste er nicht viel dabei nachdenken. Denn was er zu schreiben hatte, wurde ihm gesagt: Propaganda.

Marat Burkhard war zwei Monate Angestellter in der berühmtesten Trollfabrik Russlands – der «Agentur zur Analyse des Internets» in Sankt Petersburg. Er machte den Job, wie er sagte, aus Abenteuerlust: «Weil diese Arbeit nirgendwo sonst auf der Welt existiert.» Danach gab er dem amerikanisch finanzierten Sender Radio Free Europe ein langes Interview.

Burkhards Pflicht war, die russischen Internetforen mit Propaganda zu bespielen. In seiner Abteilung arbeiten 20 Leute, in Tages- und Nachtschichten, streng kontrolliert und für Verfehlungen mit Busse bedroht: Schon eine Minute Verspätung kostete 500 Rubel. Gearbeitet wurde in Teams von drei Leuten: der Bildmann, der Böse und der Linkmann.

Das Dreierteam graste routinemässig Foren von Kaliningrad bis Wladi­wostok ab. Dabei hatte der Bildmann jeweils die Aufgabe, die zentrale Nachricht zu posten. Daraufhin äusserte der Böse Zweifel oder Kritik. Und wurde vom Linkmann fertiggemacht.

So etwa postete der Bildmann begeistert einen Artikel mit einem schönen Bild von einer dörflichen Weihnachtsfeier mit Putin. Oder empört das Foto von zwei amerikanischen Soldaten in der Ukraine. Worauf der Böse dann schrieb: «Putin macht das nur, um seine Popularität zu steigern.» Oder: «Die Russen werfen den Amerikanern nur vor, dasselbe wie sie zu tun.» Worauf der Linkmann dann schrieb: «Das ist idiotisch. Putin braucht doch nicht mehr Popularität! Es ist Weihnachten!» Oder: «Es gibt keinen Beweis für russische Soldaten in der Ukraine!! Aber für Amerikaner gibt es den – nun auch auf Fotos!» Und unten folgte ein Link auf einen be­stätigenden Artikel.

Das beste am Job, so Burkhard, war das Gehalt: 45'000 Rubel (rund 750 Franken), ein Drittel mehr, als jeder Profijournalist. Ansonsten war es eine freudlose Arbeit: Die Teams tippten bei ewig geschlossenen Vorhängen ihre Kommentare, fast ohne Worte und Pause. Und ohne Scherze: Lachen galt als Entlassungsgrund.

Burkhards Arbeitgeber, die «Agentur zur Analyse des Internets», wurde im Sommer 2014 berühmt, als Hacker Terabytes von Dokumenten ins Netz stellten. Sie zeigten eine erstaunliche Fabrik von etwa 600 Angestellten, die prorussische Kommentare, Karikaturen, Videos im Akkord verfassen: für Twitter, für Facebook, westliche Medien, russische Foren. Die Monatsrechnung von über einer Million Dollar ging an einen Freund Putins, den Inhaber einer Restaurantkette. Kopien gingen direkt an den Kreml.

Über Burkhard, 40 Jahre alt, ist wenig bekannt. Ein schmaler Blog in radebrechendem Deutsch zeigt, dass er 2006 in Bern Literatur studierte, 2007 Arbeit als Réceptionist in Davos fand und 2011 in einem Vorort von Sankt Petersburg strandete: «Ohne Geld, ohne Arbeit, ohne Liebe, in einer Stadt, wo ich nicht leben will, mit einem Leben, das ich nicht haben will.»

Damals in der Schweiz war sein Traum, Schriftsteller werden. Heute, nach der endlosen Schichtarbeit in der Agentur, schrieb er in seinem Blog, er habe nun Stoff für ein Buch.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.03.2015, 23:47 Uhr)

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