Ausland

Rasende Gegenwart

Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 26.05.2011 1 Kommentar

Heute beginnt der G-8-Gipfel. Die Agenda wurde durch eine Serie von Grossereignissen in den letzten sechs Monaten über den Haufen geworfen.

Absperrung in der Idylle: Französische Sicherheitskräfte bewachen den Strand von Deauville, dem Tagungsort der G-8.

Absperrung in der Idylle: Französische Sicherheitskräfte bewachen den Strand von Deauville, dem Tagungsort der G-8.
Bild: Reuters

Februar 2011: Ägyptens Flagge über dem Tahrir-Platz in Kairo. (Bild: Keystone )

März 2011: Ein Bewohner von Fukushima wird auf Strahlung getestet. (Bild: Keystone )

Mai 2011: Osama Bin Laden wird in Abbottabad aufgespürt.

Mai 2011: Dominique Strauss-Kahn vor Gericht in New York. (Bild: Keystone )

Deauveville

Die Franzosen hätten kaum einen glamouröseren Rahmen finden können für den G-8-Gipfel als Deauville im Calvados, Basse-Normandie, 4000 Einwohner. Vielleicht wäre Saint-Tropez am Mittelmeer, mit dem man den schicken Badeort am Atlantik gerne vergleicht, gar noch eine Nuance mehr «Bling-Bling» gewesen. Doch dort, im nahen Cannes, findet im November dann der G-20-Gipfel statt.

Nicolas Sarkozy ist sichtlich bemüht, seinen ausländischen Gästen jene Orte vorzuführen, denen man die Folgen der Wirtschaftskrise am wenigsten ansieht, wo nur der feinste Luxus gut genug ist, wo pensionierte Wohlhabende ihre Hündchen an der Promenade spazieren führen.

Im putzigen Deauville mit seinen Hotelpalästen und Villen, seinem Casino und seinen Pferderennbahnen werden die Blumenbeete noch mit einer Hingabe gepflegt, wie man das sonst nur in botanischen Gärten sieht. Es ist eine der liebsten Ausflugsdestinationen der Pariser Hautevolee, sozusagen ihre Badeanstalt für schöne Sommerwochenenden.

Ein Halbbruder von Napoleon III., Baron de Morny, stand am Ursprung der neueren Entwicklung Deauvilles. Unter seiner Regie rang das Dorf zwischen 1860 und 1864 Land ab von einem Sumpfgebiet, vergrösserte so seine Fläche, machte es fit für die zwischenzeitliche Übersiedlung der Aristokratie.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Deauville von deutschen Truppen besetzt, die aus den Palästen Soldatenheime machten und die Villen in Camouflagefarben tünchten.

Mit der Befreiung durch die Alliierten 1944 begann die neue Dorfmoderne. Ein guter Freund Sarkozys führt hier ein Nobelhotel. Dieser Umstand war wohl kein ganz unwesentlicher Faktor bei der Auswahl des Austragungsortes des Gipfels.

Eine rote Zone wurde eingerichtet, 12 000 Polizisten sind aufgeboten, wie das nunmehr ein Ritual ist bei G-8-Treffen. In dieses total abgeriegelte Dorf von Welt soll nur kommen dürfen, wer ein Badge auf sich trägt und nicht stört.

(Oliver Meiler)

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Alles in einem halben Jahr: Revolutionen in der arabischen Welt, eine Nuklearkatastrophe in Japan, der Tod des Terrorfürsten Osama Bin Laden und der Sturz des mächtigen Schuldenpolitikers Dominique Strauss-Kahn. Als die Franzosen, die in diesem Jahr den Vorsitz der G-8 und G-20 innehaben, im letzten Jahr die Agenden der Gipfeltreffen vorzeichneten, da war die Welt noch eine andere. An der Konferenz der sieben grössten Industrienationen plus Russland, die heute Donnerstag und morgen Freitag im noblen Küstenort Deauville in der Normandie stattfindet, hätte man vordringlich über Internet und Afrika reden wollen. Nun aber ist das Interesse der geladenen Staats- und Regierungschefs an diesen Themen merklich geschrumpft. Man wird sich den drängenden Aktualitäten hingeben – und dem Krisenmanagement.

Die Prioritätenliste wird angeführt vom arabischen Frühling, um dessen Früchte man im Westen bangt. Tunesien und Ägypten, die ihre Übergangspremiers nach Deauville entsenden, erwarten ein klares Hilfssignal, damit auf die Revolutionen auch nachhaltiger Wohlstand und Demokratie folgen (siehe auch Text unten rechts). Beide Völker schweben in einer Zwischenphase: noch immer getragen von revolutionärer Euphorie, aber mitunter auch frustriert über Rückschläge, Divisionen und die vermeintliche Zögerlichkeit ihrer Interimsregierungen. Tunesien kann seine Bedürfnisse quantifizieren: 5 Milliarden Dollar jährlich während 5 Jahren – also 25 Milliarden. So viel braucht Tunis, um seinen «Jasmin-Plan», ein Investitionsprogramm zur Ankurbelung der erlahmten Wirtschaft, zu finanzieren. Es soll vor allem dazu dienen, Jobs für Jugendliche zu schaffen. Europa und die USA sind bereit, Tunesien und Ägypten zu helfen, man spricht gar bereits von einem Marshallplan. Es gibt auch Stimmen, die vor einer ziellosen Entwicklungshilfe warnen.

Ein gewichtiges Gesprächsthema werden auch die Länder sein, in denen die Revolutionen stocken und blutig sind: allen voran Libyen und Syrien. Die internationale Intervention gegen das Regime von Muammar al-Ghadhafi zieht sich gefährlich in die Länge und bedarf einer Schärfung der Einsatzregeln; im geostrategisch so heiklen Umgang mit Syriens Präsident Bashar al-Assad zögert der Westen, im Bewusstsein um die Risiken einer Eskalation für die ganze Region.

Sarkozy weibelt für Atomkraft

Weiter sollen die Folgen von Fukushima debattiert werden. Die Gipfelteilnehmer haben unterschiedlich auf die Katastrophe im von Erdbeben und Tsunami getroffenen Atomkraftwerk reagiert. Die Franzosen etwa, ein Global Player unter den Produzenten von Atomstrom und unter den Entwicklern der Nuklearindustrie, wollen wegen wirtschaftlicher Interessen möglichst verhindern, dass die Welt aus dieser Energiequelle aussteigt, wie das einige Länder – vor allem Deutschland – unter dem Druck der verängstigten Öffentlichkeit bereits signalisiert haben. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy wird darum für eine Verbesserung der Sicherheitsstandards in den Zentralen plädieren. Die Meldung von zwei weiteren Kernschmelzen in Fukushima dürfte seine Position aber schwächen.

Die Liquidierung Bin Ladens scheint zwar unmittelbar keine Linderung an der Terrorfront zu verheissen – kurzfristig rechnen die Experten gar mit einem Anstieg der Attentate. Auch in Afghanistan verändert der Tod des Al-Qaida-Chefs die Lage auf dem Feld kaum: Die internationale Militärkoalition schafft es nicht, den aus Pakistan genährten Widerstand der Taliban zu brechen. Und trotzdem: Bin Ladens Ausscheiden liefert etlichen beteiligten Staaten einen Grund oder opportunen Vorwand, um ihre Truppen endlich aus Afghanistan abziehen zu können. Das hofft auch US-Präsident Barack Obama, der diesen Krieg gewissermassen geerbt hat. Er ist bereits dabei, seine Nahostpolitik neu zu justieren. Auch das wird zu reden geben.

Kaum vermeidbar – zumal hinter den Kulissen – wird auch ein Austausch über das jüngste Grossereignis sein, jenes nämlich, das sich unlängst um die Mittagszeit in einer New Yorker Hotelsuite abgespielt hat und nun in einem Strafprozess verhandelt werden soll. Die Sexaffäre um Strauss-Kahn stellt aber nicht nur die Frage nach der angeblich fatalen Verbindung von Macht und Sex, sondern ganz prosaisch auch jene nach der Zukunft des Internationalen Währungsfonds (IWF) und dessen Spitze. Diese Frage hätte sich ohnehin bald gestellt, da DSK sich gerade angeschickt hatte, seine Ambitionen auf das französische Präsidentenamt kundzutun. Er wäre wohl bereits Ende Juni als IWF-Direktor zurückgetreten. Und so wirkt die plötzliche Alarmiertheit über die künftige Ausrichtung des IWF und die zentrale Rolle Strauss-Kahns bei der Rettung der angeschlagenen Eurozone überdreht.

Anachronistisches Forum

Die Europäer bestehen darauf, auch in Zukunft diesen Posten besetzen zu können, während sich viele aufstrebende Schwellenländer über diese Dominanz ärgern (siehe Artikel Seite 39). China, Indien und Brasilien gehören dazu – alles rasende Weltakteure des 21. Jahrhunderts und grosse Abwesende in Deauville. Das Gremium der G-8 mutet denn auch immer mehr als anachronistisches Forum an, als zweitrangiger Talkshop. Die G-20 läuft ihm den Rang ab, stellt ihn in den Schatten. Im November steigt dann der Gipfel der G-20 in Cannes. Auf Sarkozys Agenda stehen neue Regeln für die Rohstoffmärkte und eine Reform des internationalen Währungssystems. Doch beim angeschlagenen Tempo in diesem ereignisreichen 2011 dürfte diese Agenda in den nächsten Monaten noch einige dringliche Änderungen erfahren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.05.2011, 08:54 Uhr

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1 Kommentar

Jean Roth

26.05.2011, 09:38 Uhr
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Sarkozy will hier wieder eine grandiose Nummer abziehen im Stil "Grande Nation". Div. Herrschaften könnten sich heute mal erklären zu den unsinnigen Massnahmen bezügl. Tunesien u. Ägypten. Warum sollte der Westen Geld bereitstellen? Die arab. Brudernationen sind ohne Probleme in der Lage "den Wiederaufbau" zu finanzieren.Dazu die Frage was es bringt liby. Städte zu zerstören ? Antworten



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