«Russische Truppen» erobern wichtige Grenzstadt

Neue Front im Südosten der Ukraine: Die ukrainische Armee wurde aus der Küstenstadt Nowoasowsk vertrieben. Mehrere tausend Russen kämpfen laut einem Separatistenführer im Nachbarland.

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Prorussische Rebellen haben die Kontrolle über die Stadt Nowoasowsk im Südosten der Ukraine erlangt, wie die britische Rundfunkanstalt BBC unter Berufung auf Angaben von Journalisten und Militärquellen berichtet. Laut Kiew soll es sich angeblich um «russische Truppen» handeln. «Gestern übernahmen russische Soldaten die Kontrolle über Nowoasowsk», erklärte der Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Das russische Militär habe mit einer Invasion des Landes begonnen, sagte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko. Poroschenko habe eine Krisensitzung des nationalen Sicherheitsrats einberufen, um über die nächsten Schritte zu beraten. Wegen der «russischen Invasion» habe der Präsident zudem einen Staatsbesuch in der Türkei abgesagt.

Stellungen der Armee beschossen

Nowoasowsk liegt an der Küste des Schwarzen Meeres, nur 14 Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt. Mit der Eroberung der Stadt steht den separatistischen Truppen der Weg in die nahe gelegene und strategisch wichtige Hafenstadt Mariupol offen.

Die Rebellen hätten die Stellungen der ukrainischen Armee beschossen, worauf diese Nowoasowsk verlassen habe, sagte der Journalist Petr Shelomovsky der BBC. «Seit dem Morgen verliessen Truppen die Stadt, wahrscheinlich haben wir bereits den letzten Schützenpanzer abziehen sehen.»

Ein Journalist der Nachrichtenagentur AP sah am Morgen Kontrollpunkte der Rebellen am Stadtrand. Ihm wurde gesagt, dass er nicht in die Stadt könne. Einer der Separatisten habe zudem berichtet, es gebe dort keine Kämpfe mehr. Der Angriff der Rebellen auf die Stadt nährte Spekulationen, dass die Aufständischen einen Korridor von Russland zu der von Moskau annektierten Halbinsel Krim schaffen wollen.

Dreitägiger Beschuss

Nowoasowsk wurde drei Tage lang beschossen. Die Rebellen waren am Mittwoch in die Kleinstadt eingedrungen. In der nur 30 Kilometer westlich gelegenen Grossstadt Mariupol mit 450'000 Einwohnern hatte die ukrainische Armee daraufhin ihre Verteidigungslinien verstärkt. Am Mittwoch traf am Flughafen eine Brigade ukrainischer Soldaten ein. Die Zufahrten zum östlichen Ende des Hafens wurden abgeriegelt.

In Donezk, der grössten von den Rebellen gehaltenen Stadt, starben in der Nacht zum Donnerstag durch Artilleriebeschuss elf Menschen, wie die Stadtverwaltung mitteilte. Insgesamt haben die Kämpfe in der Ostukraine nach Schätzungen der Vereinten Nationen seit April mindestens 2000 Zivilisten das Leben gekostet.

Separatistenführer bestätigt Beteiligung von Russen

Ebenfalls gegenüber der BBC hat ein Rebellenführer eingeräumt, dass Tausende russische Soldaten in der Ostukraine kämpften. Alexander Zakharchenko, der sich als Premierminister der von den Separatisten ausgerufenen «Volksrepublik Donezk» bezeichnet, stritt aber ab, dass sich die Soldaten in offizieller Mission befinden würden.

«Drei- bis viertausend» russische Staatsbürger kämpften in den Reihen der Rebellen, sagte Zakharchenko, darunter viele ehemalige und aktuelle russische Armeeangehörige. «Viele ehemalige hochrangige Offiziere haben sich freiwillig gemeldet.» Die Russen würden sich dem Kampf in der Ukraine anschliessen, weil sie es als ihre Pflicht erachteten, sagte Zakharchenko weiter. Es gibt auch viele aktive russische Armeeangehörige, die «ihren Urlaub lieber unter uns als am Strand verbringen» würden.

Russisches Luftabwehrsystem

Unklarheit herrscht weiterhin darüber, wie viele reguläre russische Einheiten in der Ukraine unterwegs sind. Die ukrainische Armee hatte am Mittwoch vermeldet, dass eine russische Militärkolonne mit hundert Panzern, Truppentransportern und Grad-Raketenwerfern auf ukrainischem Territorium unterwegs sei. Moskau streitet dies ab. Das US-Aussenministerium warf daraufhin Russland in der Nacht vor, die Gegenoffensive in der Ostukraine zu steuern und mit Truppen zu unterstützen.

Gesichert scheint allerdings, dass die Ukraine am Montag zehn russische Soldaten gefangen nehmen konnte. Sie seien Mitglieder einer Fallschirmjägereinheit und hätten gesagt, sie seien mobilisiert worden, um an einem Manöver teilzunehmen, hiess es in einem Facebook-Eintrag des Militärs. Russische Nachrichtenagenturen berichteten unter Berufung auf Kreise des Verteidigungsministeriums, die Soldaten hätten die Grenzregion kontrolliert und die Grenze wahrscheinlich «versehentlich» überschritten.

Russische Ausrüstung identifiziert

Nach Angaben eines Nato-Diplomaten wurde zudem ein russisches Luftabwehrsystem in dem von den Separatisten kontrollierten Gebiet im Osten der Ukraine entdeckt. Es handele sich um ein SA-22-System, mit dem unter anderem Raketen der Gegenseite auf eine Entfernung von 20 Kilometern abgeschossen werden könnten.

Britische Experten geben zudem an, auf einem Video einen Panzer identifiziert zu haben, welcher eindeutig aus Russland stammen müsse. Bei dem darauf sichtbaren T-72BM handle es sich um ein Modell, welches Russland bis anhin nie ins Ausland exportiert habe. Somit könne dieses auch nicht aus Beständen der ukrainischen Armee stammen, sagte Joseph Dempsey vom Londoner Institut für Strategische Studien (IISS) der BBC.

(Video: Youtube/1stVideoChannel)

Erkennbar ist das neuere russische Panzermodell an seiner charakteristischen Panzerung mit einzelnen kleinen Platten. (mw/sda/AP/AFP)

(Erstellt: 28.08.2014, 11:56 Uhr)

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