«Russland braucht Führung – egal ob Zar oder Präsident»

Hans Georg Yourievsky sagt, die Russische Revolution hätte nicht stattgefunden, wenn die Reformen seines Urgrossvaters Alexander II. durchgezogen worden wären.

«Das ideale Staatssystem für Russland wäre eine moderne konstitutionelle Monarchie», sagt Hans Georg Yourievsky. Foto: Urs Jaudas

«Das ideale Staatssystem für Russland wäre eine moderne konstitutionelle Monarchie», sagt Hans Georg Yourievsky. Foto: Urs Jaudas

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Vor hundert Jahren hat der letzte russische Zar abgedankt. Sie sind ein Prinz der Romanow-Dynastie. Was geht Ihnen durch den Kopf?
Viel. Die Familien sterben langsam aus. Viele Romanow-Zweige haben keine oder weibliche Nachkommen. Das wäre alles ganz anders, wenn der Krieg, die Revolution nicht gewesen wäre. Dann gäbe es heute einen russischen Hof, vielleicht ähnlich wie in England.

Ihr Urgrossvater, Alexander II., gilt als der Befreierzar. Hätte er das Zarentum retten können?
Alexander II. hat nach der Niederlage im Krimkrieg realisiert, dass Russland reformiert werden muss. Die wichtigste Reform war die Befreiung der Leibeigenen, deshalb wird er auch der Befreierzar genannt. Mein Urgrossvater wollte eine konstitutionelle Monarchie einführen, angelehnt an das britische Beispiel. Doch dazu kam es nicht mehr, weil er 1881 ermordet wurde. Das war der Anfang vom Ende des russischen Zarismus.

Danach war es mit dem Reformwillen vorbei?
Das Attentat war ein Schock für seinen Sohn Alexander III. Dieser zog sich zurück, führte eigentlich ein ängstliches Leben. Statt Herausforderungen der Zeit wie die Industrialisierung konsequent anzugehen, hat er viele Reformen seines Vaters zurückgenommen. Der letzte Zar, Nikolaus II., gab sich hier etwas offener. Doch die soziale Entwicklung hinkte der Industrialisierung hinterher. Und dort hat dann die Revolution eingehängt.

Welchen Anteil hat dieser Unwille zu Reformen an der Revolution? Hätte man sie verhindern können?
Ja, die Revolution hätte verhindert werden können. Selbst Nikolaus II. hätte das Ruder noch herumreissen können, wenn er die aufgeschobenen Reformen entschieden angegangen wäre. Doch er war überzeugt, dass alles so sein musste, wie es war. Er war ein zutiefst gläubiger Mensch, er glaubte an das alte klassische Zarentum, an dem man nichts ändern sollte. Das hat ihn zusätzlich blockiert.

1991 sind Sie erstmals nach Russland gereist. War das vorher verboten, oder wollten Sie nicht?
Man hat es gar nicht versucht. Mein Vater hat zwei Attentate im Exil überlebt. Er ist 1900 geboren. Er hatte alle diese Katastrophen miterlebt, die Weltkriege, die Revolution. Er hat nicht mehr daran geglaubt, dass er einmal nach Russland zurückkehren könnte. Er starb 1988 und hat die Wende nicht mehr erlebt. Ich war der Erste der Familie, der nach Russland zurückkehrte.

Sie haben das Land vorher nie gesehen, wie war diese «Rückkehr»?
Es ist eines der grossen Highlights meines Lebens. Als ich auf dem Grund und Boden dieses Landes stand, habe ich realisiert, dass es mein Vaterland ist. Ich hätte nie gedacht, dass man sich einem Land so verbunden und so nahe fühlen kann, obwohl man nie dort war. Das war herzergreifend. Die Leute waren sehr herzlich, sehr offen und interessiert.

In Ihnen schlagen gleich zwei adlige Herzen. Die Familie Ihrer Urgrossmutter stammt eigentlich aus Kiew. Wie sehen Sie den Streit zwischen Ukrainern und Russen?
Diese Trennung ist ganz schlimm für mich. Das Geschlecht meiner Urgrossmutter, Dolgoruki, geht zurück in die Kiewer Rus, in das eigentliche Ur-Russland, und auf das ursprüngliche Zarengeschlecht der Rurikiden. Deshalb habe ich Mühe damit, Russland und die Ukraine voneinander zu trennen. Für mich ist das eine Einheit.

Wladimir Putin beschwört mitunter alte zaristische Grösse. Er hat die Krim wie einst Katharina die Grosse ins russische Reich geholt. Ist die Krim den Russen wirklich «heilig»?
Für viele ist sie das, und sie ist sicher für viele sehr, sehr wichtig. Das hat emotionale, religiöse und strategische Gründe. Auf der Krim ist die Schwarzmeerflotte stationiert, und auch mein Urgrossvater hat dort schon im Krimkrieg gekämpft. Man hat das Terrain mit Blut verteidigt. Das vergisst man gerne im Westen.

Die Annexion hat Russland grossen Ärger eingebracht . . .
Amerika kann auf der Welt machen, was es will, und schert sich um nichts. Es ist scheinheilig, wenn die USA von Völkerrechtsverletzungen reden. Ihre eigenen Übertretungen sind so gravierend, dass das mit der Krim geradezu lächerlich wirkt. Nach dem Putsch in der Ukraine 2014 wusste man nicht, was die neue Führung auf der Krim vorhat. Russland musste entschlossen reagieren, um Tote zu verhindern. Und Putin hat das schnell und elegant über die Bühne gebracht.

Sind die Sanktionen ein taugliches Mittel, mit Russland umzugehen?
Überhaupt nicht. Sanktionen sind grundsätzlich ein Schwachsinn. Sie bringen nichts und richten grossen wirtschaftlichen Schaden an, auf beiden Seiten. Sanktionen erzeugen Gegendruck. Man befindet sich schnell auf Sandkastenniveau. Und wer Russland kennt, der weiss, dass Sanktionen hier völlig kontraproduktiv sind. Sie haben das Land zusammengeschweisst. Und wem schaden sie? Milliardäre, die Firmen über die ganze Welt haben, kann man mit Sanktionen nicht treffen. Die Leidtragenden sind kleine und mittlere Unternehmen, die nicht auf der Sanktionsliste stehen.

Hätte man denn einfach sagen sollen, das ist okay?
Nein, aber man hätte auf diplomatischem Weg und auf politischer Ebene Lösungen suchen müssen. Ein Machtwechsel hätte politisch korrekt ablaufen müssen. Mit Neuwahlen etwa. Stattdessen haben westliche Staaten die Putschisten in Kiew noch unterstützt.

Wie sollte man denn mit Russland umgehen?
Akzeptieren, dass es andere Ideen, andere Wertvorstellungen hat, andere Meinungen, einen anderen Lifestyle, einen anderen religiösen und kulturellen Hintergrund. Man muss die andere Seite verstehen, nicht immer alles durch die westliche Brille sehen und sich nicht als Besserwisser aufführen. Ohne Aufhebung der Sanktionen wird sich nichts verändern. Wenn die Schweiz hier etwas Positives machen möchte, könnte sie die Massnahmen aufheben und die Parteien damit wieder an einen Tisch bringen.

Zarismus, Kommunismus, Sozialismus, Demokratie und nun Autokratie. Welches Modell passt?
Eine Kombination. Russland braucht ohne Zweifel eine starke Führung, egal in welchem System, egal ob Zar oder Präsident. Ein so komplexes, heterogenes und grosses Land kann man nicht führen ohne eine Position der Machtfülle und eine starke Persönlichkeit. Wir reden von unzähligen Sprachen und Ethnien, sämtliche Weltreligionen sind vertreten, es gibt elf Zeitzonen – da kann man keine gemütliche Plauderdemokratie haben.

Sondern?
Das ideale Staatssystem für Russland wäre eine moderne konstitutionelle ­Monarchie, in der der Zar ein Stabilitäts- und Sicherheitsfaktor darstellt. Das würde zur Geschichte Russlands passen. Kurzfristig mag das nicht realistisch sein. Doch langfristig wird es dazu ­Gedanken und Ideen geben, davon bin ich als Monarchist überzeugt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2017, 20:51 Uhr

Hans Georg Yourievsky

Schweizer Zaren-Urenkel

Hans Georg Yourievsky ist der letzte Urenkel eines russischen Zaren. Seine Familie lebt seit 1957 in der Schweiz, wo der heute 55-Jährige geboren und aufgewachsen ist. Er studierte unter anderem in Zürich, arbeitete lange in der IT-Branche und jetzt im Kunst- und Immobilienbereich. Nach dem Untergang der Sowjetunion reiste der direkte Nachkomme der Romanow-Dynastie 1991 erstmals nach Russland. Seither besucht er das Land regelmässig. Das Fürstenhaus Yourievsky geht auf die zweite Ehe des russischen Zaren Alexander II. (1818–1881) mit Prinzessin Jekaterina Dolgoruki zurück, deren Familie direkt vom alten Zarengeschlecht der Rurikiden abstammt. (za)

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