Russland, unser liebster Feind

Der Westen begegnet Moskau seit Jahrhunderten mit Misstrauen. ­Dabei war und ist dieses Land ein wichtiger Player, und es ist fahrlässig, seine aussenpolitischen Interessen ausser Acht zu lassen.

Schwieriger Partner: Russlands Präsident Wladimir Putin beim ASEM-Gipfel am 17. Oktober 2014 in Mailand. Foto: Reuters

Schwieriger Partner: Russlands Präsident Wladimir Putin beim ASEM-Gipfel am 17. Oktober 2014 in Mailand. Foto: Reuters

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«Der Gegner heisst Moskau» titelte eine Schweizer Zeitung unlängst auf der Front. «Wendet euch von Russland ab», konnte man in einer anderen lesen. Erklärten Gegnern Russlands – aus Georgien, der Ukraine, dem Baltikum – wurde in letzter Zeit viel Platz eingeräumt. In einem Interview wurde gar im Ernst gefragt: «Warum ist das russische Volk so kriegsdurstig?»

Kehrt die Rhetorik des Kalten Kriegs zurück? Nein, die Gegnerschaft wurzelt tiefer. In historischer Perspektive war der Kalte Krieg nichts anderes als die besonders ausgeprägte Form eines älteren Phänomens: des Gegensatzes zwischen dem Westen und Russland. Im kurzen 20. Jahrhundert schien die Feindschaft ideologisch begründet zu sein. Hier Kapitalismus, da Kommunismus. Der Zusammenbruch des Ostblocks hat gezeigt, dass dem nicht so ist. Während die kleinen ehemaligen Sowjetrepubliken sehr schnell Freunde des Westens wurden, fiel Russland genauso schnell in den Status eines Feindes zurück.

Vom Westen abgeschnitten

Das Verhältnis zu Russland ist seit Jahrhunderten von Antagonismus und Misstrauen geprägt. Den Anfang bildete der religiöse Gegensatz zwischen der Ost- und der Westkirche, der im Mittelalter für tiefgreifende kulturelle Unterschiede und gegen­seitige Feindseligkeiten sorgte. Infolge der Tatarenherrschaft seit 1240 blieb Russland aber lange Zeit vom Westen abgeschnitten. Erst nach Abschütteln dieser Herrschaft im 15. Jahrhundert tauchte das Moskauer Reich am östlichen Horizont auf. Territorial schnell wachsend, wurde es im Westen schon bald als Konkurrent und Feind wahrgenommen. In der Propaganda der Deutschritter und der Polen wurde es zum tyrannischen Feind der Christenheit stilisiert. Die Moskowiter selbst wurden im 16. Jahrhundert als barbarisch und brutal dargestellt.

Die grundsätzlich negative Haltung änderte sich in den folgenden Jahrhunderten nicht. Das wachsende und erstarkende Russland wurde im Gegenteil als Feind betrachtet und des Imperialismus bezichtigt, da es auf dem Balkan wie in Asien den Interessen der westlichen Mächte in die Quere kam.

Nebst dem Expansionismus wurde Russland die innere Verfassung zur Last gelegt. Während im 19. Jahr­hundert in Europa immer weitere Kreise an der politischen Macht partizipieren konnten, blieb Russland eine Autokratie, in der nominell alle Macht beim Herrscher lag. Die politische Erstarrung vertrug sich schlecht mit der gesellschaftlichen, geistigen und ökonomischen Dynamik, die das Land im ausgehenden 19. Jahrhundert erfasste, und führte 1917 zur Revolution – mit der Folge, dass Russland erneut einen anderen politischen Weg einschlug als der Westen. Die Entfremdung war stärker denn je.

Fahrlässiger Umgang

Mit dem Zerfall der Supermacht UdSSR und dem Ende des ideologischen Gegensatzes änderte sich das kurz­zeitig. Das Russland der 90er-Jahre war in seiner Schwäche kein potenter Feind mehr und genoss vorübergehend Sympathie. Das wurde schlag­artig anders, als Putin an die Macht kam und für sein Land den traditionellen Grossmachtstatus beanspruchte. Seitdem heisst der Gegner wieder Moskau, und die alten Feindbilder werden hüben wie drüben gepflegt.

Was kann daraus gefolgert werden? So wenig es den übrigen Europäern behagt und so kritikwürdig die Politik Russlands in vielerlei Hinsicht ist – ­dieses Land war und bleibt ein wichtiger Player, und es ist fahrlässig, seine aussenpolitischen Interessen ausser Acht zu lassen. Alle Staaten wollen in erster Linie ihre eigenen Interessen durchsetzen, auch wenn sie das in schöne und erhabene Worte kleiden. Russland und das übrige Europa sitzen, ob sie wollen oder nicht, im selben Boot und müssen sich arrangieren. Die Politiker beider Seiten sind gefordert, die gegenwärtige Eskalation zu beenden und zu einem von Pragmatismus geprägten «courant normal» zu finden. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.10.2014, 22:34 Uhr)

Nada Boskovska ist Professorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich.

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