Sarkozy gegen Sarközi

Der österreichische Rom Rudolf Sarközi ist nicht nur von seinem französischen Namensvetter Sarkozy enttäuscht. Bei der Integration der Roma versage die ganze EU.

Gleichklingende Namen: Rudolf Sarközi, der Obama des Kulturvereins österreichischer Roma und Nicolas Sarkozy, der französische Präsident.

Gleichklingende Namen: Rudolf Sarközi, der Obama des Kulturvereins österreichischer Roma und Nicolas Sarkozy, der französische Präsident. Bild: DPA/Reuters

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Verständnis? Natürlich nicht, sagt Rudolf Sarközi: Für unmenschliche Massnahmen wie die Ausweisung rumänischer und bulgarischer Roma aus Frankreich könne er kein Verständnis haben. Kurze Zeit später sagt der Österreicher aber auch, dass er den Konflikt seines französischen Beinahe-Namensvetters verstehe: Als Präsident müsse der die Ängste seiner Landsleute ernst nehmen: «Er hat es sicher nicht leicht.» Rudolf Sarközi ist 65 Jahre alt und lebt in Wien. Mit dem zehn Jahre jüngeren Nicolas Sarkozy könnte ihn sogar eine weit entfernte Verwandtschaft verbinden. Zumindest schliesst das Sarközi nicht aus.

Von der EU enttäuscht

In Frankreich kennt man den Namen Sarközi – mit ö und i –, seit «Le Monde» über den Österreicher berichtete und andere Medien den Vergleich begierig aufgriffen: auf der einen Seite der französische Präsident, ein konservativer Grossbürger, der 300 illegale Roma-Lager schleifen lässt und die Bewohner in Sonderflügen zurück in die Heimatländer Rumänien und Bulgarien schickt.

Auf der anderen Seite der österreichische Sohn einer alleinerziehenden Hilfsarbeiterin, der sich durch eigenen Fleiss emporarbeitete, ein Rom, der den Kulturverein österreichischer Roma in Wien leitet und der nicht nur von Frankreich, sondern auch von der EU tief enttäuscht ist: Sie finde keine Mittel und Wege, die Lage der Roma in Europa zu verbessern. Vielmehr lasse sie zu, «dass unsere Leute zur Schlachtbank geführt werden».

Geboren im Roma-KZ

Rudolf Sarközi wurde 1944 im NS-Konzentrationslager Lackenbach geboren, in dem die Nationalsozialisten Sinti und Roma internierten und von dort in die Vernichtungslager schickten. Im April 1945 wurde das Lager von der Roten Armee befreit, Sarközi zog mit seiner Mutter in ihr Heimatdorf im Südburgenland. Für Roma gab es damals in der österreichischen Provinz keine Arbeit und keine Chance auf Ausbildung.

Erst seine Übersiedlung nach Wien habe ihm Integration und Aufstieg ermöglicht, erzählt Sarközi. Er könne deshalb gut verstehen, dass die Roma aus den Elendsquartieren in Sofia oder Bukarest in den Westen ziehen: «Was haben sie schon zu verlieren? Schlechter kann es für sie nicht werden.» Westliche Staaten wie Frankreich oder Italien hätten diese Wanderbewegung unterschätzt, sagt Sarközi: «Wenn Sarkozy die illegalen Lager abreissen lässt, muss er für andere Unterkünfte sorgen. Aber er will die Menschen wie Dreck aus dem Land fegen.»

Nicolas Sarkozy stammt aus einer alten ungarischen Adelsfamilie mit Schloss und Ländereien südöstlich von Budapest. Der Vater, Pál Sárközy, floh 1944 vor der Roten Armee erst nach Deutschland und später nach Frankreich. Der Familienname kommt aus der südungarischen Region Sarköz, und er werde vor allem von Roma getragen, sagt Rudolf Sarközi. Ob auch unter Sarkozys Vorfahren Roma waren, ist nicht bekannt.

Sein Buch geschickt

Rudolf Sarközi kann seine Familiengeschichte bis 1674 zurückverfolgen. Damals gehörte das Burgenland zu Ungarn, und in der Gemeinde Rechnitz hatte sich der Roma-Anführer Martin Sárközi dem Grafen Bátthyany unterstellt. Im Gegenzug für eine jährliche Steuerleistung stellte der Graf den Roma einen Schutzbrief aus, der unlängst in der Wiener Tageszeitung «Standard» zitiert wurde. Darin ermahnt Bátthyany seine Untertanen, «dass sie den Woiwoden Sárközi und die dazu gehörenden zeltbewohnenden Zigeuner weder in ihrem Besitz noch in ihrer Person kränken noch ihnen durch andere Leid zufügen lassen und sie in keiner Weise zu Diensten anhalten. Sie sollen vielmehr überall, wo sie umherziehen, ihren Beruf frei ausüben können.» Über dreihundert Jahre später können die Roma unter Nicolas Sarkozy davon nur träumen.

Sarközi hat Sarkozy noch nie getroffen, aber er hat dem Präsidenten sein Buch über die Geschichte der österreichischen Roma «von der Verfolgung zur Anerkennung» geschickt und dafür ein Dankesschreiben aus der Präsidentschaftskanzlei erhalten. In Österreich leben etwa 10 000 autochthone Roma und 30 000 Zuwanderer. Die Bedingungen für die Minderheit seien nicht schlecht, sagt Sarközi, «die Anerkennung als Volksgruppe hat viel geholfen».

Doch auch in Österreich werden Roma ausgewiesen und rückgeführt, zum Beispiel nach Kosovo. Die grössten Städte des Landes haben ein Bettelverbot beschlossen, das sich gezielt gegen Roma aus Rumänien und der Slowakei richtet. Rudolf Sarközi ist in der Wiener SPÖ aktiv. Dass seine sozialdemokratische Partei dieses Bettelverbot erliess, schmerzt ihn sehr. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.08.2010, 07:33 Uhr)

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