Ausland

«Sarkozys Japan-Besuch soll die Franzosen beruhigen»

Interview: Matthias Chapman. Aktualisiert am 30.03.2011 7 Kommentare

Nach Libyen gibt Frankreichs Präsident auch im zweiten Krisengebiet das Tempo vor. Korrespondent Oliver Meiler über Sarkozys Japan-Besuch, die Rivalität Paris-Berlin und die Häme über den Kampfjet Rafale.

Der französische Präsident macht sich für die Atomindustrie stark: Sarkozy beim Besuch einer Feuerwehreinheit in Aix-en-Provence, die im Ernstfall zum Einsatz käme.

Der französische Präsident macht sich für die Atomindustrie stark: Sarkozy beim Besuch einer Feuerwehreinheit in Aix-en-Provence, die im Ernstfall zum Einsatz käme.
Bild: AFP

Rafale-Kampfjets, welche auch die Schweiz evaluierte

Paris setzt in Libyen den Rafale-Kampfjet, den auch die Schweiz evaluierte, ein. Werbung für die eigene Maschine?
Das würde hier niemand offen so sagen. Es würde wohl als Pietätlosigkeit empfunden.

«Spiegel Online» hat darüber geschrieben.
Es ist eine Tatsache, dass die Franzosen mit allen Mitteln versuchen, ihren Rafale-Kampfjet im Ausland zu verkaufen. Bis jetzt immer ohne Erfolg. Das wird in den französischen Medien auch immer wieder mit hämischen Kommentaren begleitet.

Wie steht Sarkozy dazu?
Der Präsident wurde schon als Aussendienstmitarbeiter des Dassault-Konzerns, des Rafale-Bauers, bezeichnet. Firmen-Boss Serge Dassault ist ein enger politischer Freund Sarkozys.

Wird der Libyen-Einsatz für Rafale später eine Rolle spielen?
Ich kann mir vorstellen, dass dies in Rüstungskreisen so ist. Es waren Rafale-Jets, die als erste über Libyen Angriffe flogen. Und ich würde mich nicht wundern, wenn das in künftigen Verhandlungsgesprächen als Trumpf eingesetzt wird.

Der Rafale-Kampfjet der Franzosen im Libyen-Einsatz. (Bild: Reuters )

Sarkozy reist als erster Staatschef nach Atomunglück nach Japan

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy besucht am Donnerstag als erster ausländischer Staatschef nach der Atomkatastrophe Japan. Er werde dort mit Regierungschef Naoto Kan sprechen, teilte das Präsidialamt in Paris am Dienstag mit. Als Vorsitzender der Gruppe der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G-20) nimmt Sarkozy an einem Seminar zu Währungsfragen in China teil und macht von dort aus einen Abstecher nach Japan. Frankreich schickt auch Atomexperten nach Japan, die dem Betreiber des Unglückskraftwerkes helfen sollen, die Radioaktivität im Wasser rund um das AKW Fukushima in den Griff zu bekommen. Der Atomkonzern Areva werde zwei Fachleute nach Japan schicken, kündigte Industrieminister Eric Besson im Radiosender RTL an. Tepco hatte in Frankreich, dem Land mit den weltweit zweitmeisten Atomreaktoren, um Hilfe nachgefragt.

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Die atomare Katastrophe in Japan

Die atomare Katastrophe in Japan
Nach dem verheerenden Erdbeben und dem anschliessenden Tsunami kämpfte Japan gegen den Super-GAU.

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Nach dem Libyen-Vorpreschen reist Nicolas Sarkozy als erster westlicher Staatschef seit der Katastrophe nach Japan. Zieht der französische Präsident alle Register der internationalen Politik?
Sarkozy fährt tatsächlich eine massive internationale Offensive. Das hat innen- und aussenpolitische Gründe. Im eigenen Land steht er zunehmend unter Druck. Seine Umfragewerte sind miserabel. Aussenpolitisch steht er in diesem Jahr der G-20 vor. Das allein strukturiert schon seine Agenda im Ausland.

Was will Sarkozy in Japan?
Er hat schon ganz zu Beginn des Atomunfalls gesagt, er werde nach Japan reisen. Der Besuch lässt sich ausserdem perfekt mit einer Reise nach China kombinieren. Frankreich ist nun mal ein grosser Atom-Staat. Man definiert sich quasi über die Atomkraft. Die Franzosen haben alles Interesse daran, dass die Atomkrise möglichst eingedämmt werden kann. Schliesslich hat das Land unter Führung des Areva-Konzerns und von Eléctricité de France eine äusserst starke AKW-Industrie.

Die Franzosen schicken Atomexperten nach Japan.
Sowohl der Besuch Sarkozys, als auch das Entsenden von Spezialisten nach Japan soll der Beruhigung der Franzosen dienen. Zuerst hatten die Japaner das Angebot der Franzosen abgelehnt. Jetzt, da man Spezialisten entsenden kann, lässt sich damit in Frankreich auch punkten – frei nach dem Motto: «Seht her, wenn es Probleme gibt, wir wissen, wie man das löst.» Die Botschaft gilt vor allem den Franzosen selbst, die sich nach Fukushima einige Fragen stellen zu ihren eigenen 58 Reaktoren.

Dieser Schuss könnte auch nach hinten los gehen. Etwa, wenn die mediale Begleitung schreckliche Bilder aus Japan liefert.
Es ist ja nicht so, dass die französischen Medien das Thema Atomkatastrophe in Japan kleinreden. Es wird jetzt schon ausführlich über die Probleme berichtet. Die Politik hingegen versucht tatsächlich, die Atomdebatte unter dem Deckel zu halten. Auch bei der Atomindustrie gibt es diese Bestrebungen. Der Chef von Eléctricité de France hat seinen Mitarbeitern geraten, sie sollten nur positiv über die Atomenergie reden.

Will der französische Präsident mit der internationalen Offensive sein Land innerhalb Europas neu positionieren?
Sarkozy will sicherlich auch im Prestige-Duell mit Deutschland punkten. Deutschland hat in den letzten Jahren vor allem wirtschaftlich, aber auch politisch an Stärke gewonnen. Die Entente zwischen Deutschland und Frankreich ist ambivalent, funktioniert nicht immer gleich gut. Die Franzosen distanzieren sich auch immer mal wieder bewusst davon. Sarkozy hat auch klargemacht, dass er sich von Berlin nicht als Juniorpartner behandeln lässt.

Ist die Nichtbeteiligung Deutschlands an der Anti-Ghadhafi-Allianz in Paris noch ein Thema?
Nein. Viel wichtiger ist hier, dass man in dieser Angelegenheit eine Taktgeberrolle eingenommen hat. Das stärkt das Selbstverständnis der Franzosen in der internationalen Politik.

Wie nötig hat denn Sarkozy dieses internationale Agieren?
Innenpolitisch steht der Präsident extrem unter Druck. Seine Partei ist innerlich zerrissen. Inzwischen wird in seinem Umfeld offen darüber gesprochen, ob er für die Wahlen vom nächsten Jahr tatsächlich der richtige Kandidat ist. Noch vor einem halben Jahr wäre das einer Majestätsbeleidigung gleichgekommen.

Kann er den Kopf mit dieser Strategie aus der Schlinge ziehen?
Schaden wird es ihm innenpolitisch kaum. Er wird vielleicht Stimmen dazugewinnen. Sollte es beim Präsidentschaftswahlkampf zum Duell mit IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn kommen, kann Sarkozy von sich behaupten, er habe schon mal Krieg geführt. Insgesamt glaube ich aber nicht, dass diese Rolle Sarkozys Wiederwahl garantieren kann. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.03.2011, 14:57 Uhr

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7 Kommentare

Werner Hebeisen

30.03.2011, 19:54 Uhr
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Sarkozy will weiter Profilierung als aussenpolitisches Schwergewicht demonstrieren. Kein Mensch hat ihn in Japan gefragt. Gefragt waren die F-Nuklearspezialisten.Sarkozy hat sich einfach auch eingereiht. In China ebenfalls. Im Moment häufen sich seine Pannen am Laufmeter in F, aber hier will er nicht Geradestehen für den gelieferten Unsinn. Antworten


marie huysman

29.03.2011, 16:51 Uhr
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Solch ein Vorpreschen hat nur derjenige nötig, der in der Defensive ist und eben NICHT den weltpolitischen Stellenwert innehat, den er gerne haben möchte. Insofern entspringt Sarkozys Aktionismus einem Minderwertigkeitskomplex, speziell gegenüber den Deutschen. Die haben so etwas nicht nötig, weil eh jeder weiß, was sie können und in der Lage wären zu tun. Antworten



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