Schlag gegen islamistische Hetzer

In Kosovo hat die Polizei mehrere Imame verhaftet, die verdächtigt werden, IS-Jihadisten zu unterstützen. Einige von ihnen waren auch in der Schweiz aktiv.

Kosovarische Polizisten sichern bei einer Razzia eine Strasse. Foto: Hazir Reka (Keystone)

Kosovarische Polizisten sichern bei einer Razzia eine Strasse. Foto: Hazir Reka (Keystone)

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Die Behörden in Kosovo verschärfen den Kampf gegen muslimische Prediger, die religiösen Hass geschürt haben sollen. Maskierte und schwer bewaffnete Polizisten haben bei einer gross angelegten Durchsuchungsaktion die Imame der wichtigsten Moscheen in mehreren Städten des Landes verhaftet. Auch der Chef einer ausserparlamentarischen Partei, die sich «Islamische Bewegung Einheit» nennt, und der Betreiber eines dogmatischen Webportals befinden sich seit Mittwoch hinter Gittern.

Die Staatsanwaltschaft wirft den 15 Fanatikern vor, sie hätten die Verfassungsordnung gefährdet und zu religiö­sem Hass aufgewiegelt. Es war bereits die zweite Verhaftungswelle gegen Islamisten in Kosovo in diesem Sommer: Mitte August wurden 40 Scharfmacher festgenommen, die entweder am syrischen Bürgerkrieg beteiligt waren oder Propaganda für Terrororganisationen wie Al-Nusra-Front oder Islamischer Staat (IS) machten. Ermittler vermuten, dass viele Syrienkämpfer von den Predigten der Imame beeinflusst seien.

8-jähriger Sohn musste mit

Seit dem Ausbruch des Syrienkonflikts 2011 haben sich Hunderte radikale Muslime aus Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo und Mazedonien den extremistischen Aufständischen angeschlossen, die gegen das Regime von Bashar al-Assad kämpfen. Inzwischen reisen Balkan-Jihadisten auch in den Irak, um die Herrschaft des IS-Kalifats auszudehnen. Bis zu 200 junge Kosovo-Albaner sollen in Syrien und im Irak kämpfen, etwa 20 wurden erschossen.

In den lokalen Medien vergeht kein Tag ohne Horrormeldungen aus der nahöstlichen Front. Für Empörung haben vor allem zwei Fälle gesorgt: Kürzlich wurde bekannt, dass ein religiöser Eiferer aus der Hauptstadt Pristina seinen 8-jährigen Sohn in den syrischen Krieg mitgeschleppt hat. Ende Juli veröffentlichte der mutmassliche Terrorist Lavdrim Muhaxheri Bilder auf Facebook, auf denen zu sehen ist, wie er einen Mann enthauptet. Muhaxheri gilt als Befehlshaber einer IS-Albaner-Einheit. Bis 2012 arbeitete der Hardliner für die US-Armee im Camp Bondsteel in Kosovo und in Afghanistan.

Unter den diese Woche Verhafteten befinden sich auch fanatische Geistliche, die seit Jahren in Moscheen der etwa 200 000 Menschen zählenden albanischen Diaspora in der Schweiz auftreten. Der prominenteste von ihnen ist der Imam der Grossen Moschee in Pristina, Shefqet Krasniqi. Er gilt als Strippenzieher der Radikalen und provoziert mit seinen Hasspredigten immer wieder die traditionell toleranten kosovo-albanischen Muslime. Krasniqi behauptet zum Beispiel, Mutter Teresa gehöre in die Hölle, weil sie Christin sei. Die albanischstämmige Nonne wird von ihren muslimischen und christlichen Landsleuten fast mythisch verehrt.

Der bärtige Imam verdammt die westliche Lebensweise und kämpft dafür, dass Mädchen mit dem Kopftuch in die Schule gehen dürfen. Zu seinen Anhängern zählen überwiegend Menschen mit einfachem Weltbild, die arm sind. Die Auftritte zelebriert Krasniqi wie öffentliche Sprechstunden. Für jedes Problem gibt er «islamische Ratschläge», die häufig irrational, banal oder lächerlich klingen. Seine Ideologie will Krasniqi auch unter seinen Landsleuten in der Schweiz verbreiten. 2011 und 2013 nahm er an der Jahreskonferenz des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS) teil. Das Treffen wurde vom Schweizer Konvertiten Nicolas Blancho organisiert. Krasniqi reiste bisher regelmässig mit einem Schengen-Visum in die Schweiz ein.

Predigt in Liestal

Weniger tolerant als die Bundesbehörden ist die mazedonische Regierung: Sie hat gegen den Imam ein Einreiseverbot verhängt. Bei der Durchsuchung seiner Villa am Mittwoch beschlagnahmte die Polizei laut kosovarischen Medien neben Geldbeträgen aus arabischen Staaten 7000 Franken. Zudem hatte Krasniqi noch eine gültige serbische Identitätskarte, obwohl Kosovo seit Kriegsende 1999 eigene Ausweise ausstellt.

In der Schweiz predigen Krasniqi und seine Jünger in Albaner-Moscheen, die sich meist in Industriezonen befinden – weit weg vom Schweizer Alltag. So konnte letztes Jahr in einer Moschee in Liestal der Imam Mazllam Mazllami auftreten, der ebenfalls jetzt in Kosovo verhaftet wurde. In einer flammenden Rede, die auf Youtube zu sehen ist, appelliert Mazllami an die Gläubigen, nicht zuzulassen, dass ihre Töchter Ungläubige («Kafir») heiraten. Auch wettert er gegen die angebliche Assimilierung der Albaner in der Schweiz und ruft auf zur ­Solidarität «mit unseren syrischen Brüdern und Schwestern». Am Ende seiner Rede gibt er bekannt, dass die Anwesenden knapp 11 000 Franken gespendet hätten – «für arme Leute», wie der Imam augenzwinkernd hinzufügt. Wie das Geld verwendet wird, bleibt unklar. Von Transparenz in finanziellen Angelegenheiten wollen auch die Islamisten in ­Kosovo nichts wissen.

Radikale Muslime wurden nach dem Kosovokonflikt von den internationalen Sicherheitskräften vor Ort wie auch von den einheimischen Behörden als Randphänomen betrachtet. Sie sind auch heute eine kleine, aber zunehmend aggressive Minderheit, die in vielen Moscheen schleichend die Macht übernimmt und die hanafitische Rechtsschule des Islam ablehnt, die als liberal gilt und auf dem Balkan von den Osmanen übernommen wurde. Moderate Islam-Theologen beklagen sich über die wahhabitischen Missionare aus den Golfstaaten und die undurchsichtige Finanzierung der Moscheen. In ländlichen Gebieten übernehmen dubiose religiöse Stiftungen soziale Funktionen, weil die als korrupt geltende Regierung von Ministerpräsident Hashim Thaci keine Zukunftsperspektive anbietet. Mit einem Durchschnittsalter von 25 Jahren hat Kosovo die jüngste Bevölkerung in Europa.

Der Philosoph Blerim Latifi, ein ehemaliger Berater von Thaci, geht mit der herrschenden Clique hart ins Gericht: Das politische System Kosovos, sagt er, sei durch und durch bestechlich und habe Bildungswesen und Wirtschaft ruiniert. In diesem pessimistischen Umfeld hätten populistische Seelenfänger und Gehirnwäscher ein leichtes Spiel.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.09.2014, 22:59 Uhr)

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Shefqet Krasniqi.

Mazllam Mazllami.

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