Sein Tod hat München verändert
Hat Brunner die Täter mit einem ersten Schlag provoziert?
Die Anklage lautet auf «Mord aus niedrigen Beweggründen». Sebastian L. und Markus S. müssen sich ab heute Dienstag vor dem Landgericht München verantworten. Die beiden 18-Jährigen bedrohten im vergangenen Herbst eine Gruppe von vier Kindern, verlangten 15 Euro für Alkohol und Drogen. Als die Opfer in eine S-Bahn flüchteten, stellte sich Dominik Brunner schützend vor sie. Der 50-jährige Geschäftsmann rief die Polizei und stieg zusammen mit den Kindern an der Station Solln aus. Dort kam es zum Angriff. Sebastian L. und Markus S. schlugen auf Brunner ein, «um sich an ihm für seine Einmischung zu rächen», wie die Anklage überzeugt ist. Selbst als Brunner am Boden lag, traten die Täter gegen seinen Kopf und Oberkörper. Er starb kurz darauf.
Mehrere Zeugen haben die Tat beobachtet, widersprechen sich jedoch teilweise. Umstritten ist, wie und warum es zur Gewaltexplosion kam. Offenbar war es Brunner gewesen, der als Erster zuschlug. Die Staatsanwaltschaft wertet dies als Notwehr, so haben es auch einige Passanten in Erinnerung. Das spätere Opfer habe einem Angriff der Jugendlichen zuvorkommen wollen.
Andere Zeugen sagen dagegen, Brunner habe auf dem Perron zunächst seine Jacke ausgezogen und gesagt: «Jetzt gibts hier Ärger.» Danach habe er zugeschlagen und möglicherweise die Täter so erst gereizt. Medienberichte, wonach Brunner Kickbox-Fan gewesen sei und zeitweise ein Boxtraining besuchte, geben dieser These zusätzlich Nahrung. Der Anwalt von Markus S., der renommierte Münchner Strafverteidiger Maximilian Pauls, hält die Frage des ersten Schlages denn auch für einen der zentralen Punkte. «Möglicherweise stellt sich das Geschehen nicht als Mord, sondern als affektgeladene Spontantat dar», sagt er. Freunde von Dominik Brunner weisen diese Vermutung zurück. Brunner sei nie aggressiv gewesen. Das Strafmass für die beiden Angeklagten dürfte im Wesentlichen davon abhängen, wie das Gericht dies sieht. Ein Urteil wird nicht vor Ende Juli erwartet. (dn)
Diese Tat traf München schwer, wie ein harter Schlag ins Gesicht. Zwar hatte es auch früher sinnlose Gewaltexzesse gegeben. Im vergangenen Sommer etwa, als Schweizer Schüler in der Münchner Innenstadt fünf Passanten überfielen und unter anderem einen Geschäftsmann schwer verletzten. Doch der Fall Brunner ist etwas anderes, mit ihm ist der letzte Damm gebrochen. Ein mutiger Mann musste sein Leben lassen, weil er sich schützend vor vier Kinder gestellt hatte.
Tagelang trauerten die Münchner damals, im September 2009, brachten Blumen und Briefe an den Tatort. Auch die Politik reagierte. Bundeskanzlerin Angela Merkel zollte dem Verstorbenen Respekt, der damalige Bundespräsident Horst Köhler verlieh ihm posthum das «Bundesverdienstkreuz 1. Klasse».
Widersprüchliche Aussagen
Später mischte sich Wut in die Trauer – und Fragen. Warum war Brunner allein gewesen? Wie verhielten sich die anderen Passanten? Hat ihm niemand helfen können? Den genauen Ablauf der Tat zu rekonstruieren, das ist Aufgabe des Gerichts. Es gibt verschiedene Zeugen, die sich zum Teil widersprechen.
Doch was sich jetzt schon sagen lässt: In München ist seit jenem verhängnisvollen Tag vieles nicht mehr, wie es einst war. Im positiven Sinn. Die Bürger seien von einer Welle des Mitgefühls erfasst worden, von einer Welle des Miteinanders, sagt der Oberbürgermeister Christian Ude in der «Süddeutschen Zeitung»: «Die Stadt ist eine andere geworden.»
Brunner war kein «Held»
Ähnliche Erfahrungen macht auch die Dominik-Brunner-Stiftung, die Freunde und Arbeitskollegen gegründet haben. «Der Fall Brunner hat viel in Bewegung gesetzt», sagt einer, der der Stiftung nahesteht. Die Bürger hätten verstanden, dass sie zusammenhalten müssten, gerade in Notsituationen.
Die Stiftung versucht, dieses Gefühl zu unterstützen, zu kanalisieren, gleichsam nutzbar zu machen. So klischiert es tönt: Der Tod von Dominik Brunner soll nicht umsonst gewesen sein. «Ein guter Freund und Weggefährte ist gestorben, und wir haben uns gefragt: für was?», heisst es in einem Grundsatzpapier. Nun wolle man den Worten Taten folgen lassen.
Prominente für Nächstenhilfe
Zum Beispiel mit Geldspenden an Anti-Aggressions-Trainings, mit Hilfe für couragierte Menschen, die selber Opfer wurden von Gewalt. Oder mit einer Plakataktion, die das Thema Zivilcourage in die Öffentlichkeit trägt. «Im Leben geht es darum, zu handeln. Besonders dann, wenn es andre nicht tun», steht da neben einem Foto von Fussballlegende Karl-Heinz Rummenigge. Auch andere Prominente machen mit.
Brunners Freunde sind überzeugt, dass allein schon die richtige Wortwahl einen Unterschied machen kann. Er habe Dominik Brunner nie als «Helden» bezeichnet, sondern als «Vorbild für Zivilcourage», sagt etwa Claus Girnghuber, der Vize-Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung. «Denn ein Held macht etwas, was nicht jeder kann. Hinschauen, eingreifen und Mut zeigen – das sollte dagegen jeder tun.»
Gefragte Kurse in Zivilcourage
Richtig überschwemmt mit Anfragen werden derzeit Kurse in Zivilcourage, welche die Münchner Stadtpolizei organisiert und die Stiftung mitfinanziert. In dem vierstündigen Seminar lernen Menschen, wie man sich richtig verhält, wenn Gewalt droht. Die wichtigsten Regeln lauten: Verbündete suchen, andere Menschen direkt ansprechen. So in der Art: «Sie da mit dem gelben Hemd, machen Sie das, tun Sie jenes.» Und natürlich sollte man unverzüglich die Polizei anrufen.
Dominik Brunner hat vieles richtig gemacht. Er wählte noch vom Zug aus die Notrufnummer der Polizei, bestellte die Beamten an die S-Bahn-Station. Vielleicht hätte er nicht allein handeln sollen. Am Schluss stand er den Schlägern allein gegenüber und bezahlte für seine Zivilcourage mit dem Leben. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.07.2010, 20:43 Uhr
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