Seine «Kopftuchmädchen» wühlen Deutschland auf
Von David Nauer, Berlin. Aktualisiert am 10.10.2009 4 Kommentare
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Ist er ein Verteidiger der Meinungsfreiheit? Oder ein übler Rassist? Kaum ein Politiker spaltet die deutsche Öffentlichkeit derzeit so sehr wie Thilo Sarrazin, 64, Mitglied der Sozialdemokratischen Partei. Dabei hat der Mann einen eher grauen Job. Er sitzt im Vorstand der Deutschen Bundesbank, zuvor war er Finanzsenator in Berlin. Einnahmen, Ausgaben, Zinssätze, Geldmengen - das ist eigentlich seine Welt.
Doch Sarrazin pflegt ein aufregendes Hobby: die laute Provokation. Sein jüngster Akt: In einem Interview mit der Intellektuellen-Zeitschrift «Lettre International» zieht er über Berlins Türken und Araber her. Diese seien grösstenteils weder integrationswillig noch integrationsfähig, meint Sarrazin. Und: «Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.»
Seit diese Aussagen veröffentlicht sind, steht der Bundesbanker im Kreuzfeuer. Seine Arbeitgeberin distanzierte sich «entschieden in Inhalt und Form von den diskriminierenden Äusserungen». Und Chef-Bundesbanker Axel Weber legt Sarrazin den Rücktritt nahe, wenn auch nur verklausuliert.
«Er muss weg»
Leserbriefschreiber und Leitartikler werden deutlicher: Eine «Schande für unser Land» sei Sarrazin. «Er muss weg.» Auch in seiner eigenen Partei hat er kaum mehr Rückhalt. Berliner Sozialdemokraten fordern offen Sarrazins Ausschluss. Die grüne Politikerin Renate Künast spricht von «Menschenverachtung».
Sarrazin selber zeigt sich reuig. «Die Reaktionen, die mein Interview verursacht hat, zeigen mir, dass nicht jede Formulierung gelungen war.» Es sei nicht seine Absicht gewesen, einzelne Volksgruppen zu diskreditieren. Sollte dieser Eindruck entstanden sein, wolle er sich dafür entschuldigen.
Die Überraschung wirkt aufgesetzt. Denn Thilo Sarrazin provozierte schon früher - und löste damit stets Aufschreie aus. Mittellosen Mitbürgern empfahl er, sich mit einem dicken Pullover warm zu halten, falls das Geld für die Heizrechnung nicht reiche. Ein andermal rechnete er öffentlich vor, dass man sich mit vier Euro pro Tag bestens ernähren könne. So viel nämlich zahlt der deutsche Staat an Bedürftige.
«Darf man als Bundesbanker so etwas sagen?»
Diesmal freilich steht Sarrazin nicht allein im Regen. Eine Phalanx von Gleichgesinnten hat sich formiert. Und die ist nach dem ersten Schock zum Gegenangriff übergegangen. Das Boulevardblatt «Bild» fragt: «Darf man als Bundesbanker so etwas sagen?» Der konservative Historiker Arnulf Baring antwortet: «In der Sache kann Sarrazin niemand widerlegen. (...) Nur: Im Lande der Leisetreter und politischen Korrektheit wird jeder, der Klartext redet, gleich niedergemacht.»
Selbst die altehrwürdige «Frankfurter Allgemeine Zeitung» stellt sich hinter Sarrazin. Es schrumpfe der Raum, in dem noch etwas ohne Gefahr für Ruf und Existenz geäussert werden könne. In dieser Welt der Anpassung habe Sarrazin «persönliche und politische Courage» gezeigt, findet die Zeitung. Deutschland brauche Politiker wie ihn: Streiter für die Freiheit der Meinung.
Das Erstaunlichste an der Debatte ist: Sie ebbt nicht ab. Schon seit Tagen gibt es immer wieder neue Wortmeldungen für oder wider die «Kopftuchmädchen». Sarrazin hat offenbar den wunden Punkt getroffen: Deutschland hat ein Problem im Umgang mit seinen Ausländern, aber darüber reden kann es nicht. Kein Wunder, wenn da die Integration auf der Strecke bleibt.
Das war nicht immer so. Als vor Jahrhunderten französische Protestanten nach Deutschland flohen, war darunter auch eine Familie, deren Nachfahren es weit gebracht haben in der neuen Heimat: die Sarrazins. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.10.2009, 08:18 Uhr
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4 Kommentare
Wir sind bei uns im gleichen Boo, was das Land der Leisetreter berifft; Klartext ist bei uns nicht angesagt, unbequeme Meinungen werden hinter vorgehaltener Hand geäussert. Hatten wir doch schon mal...? Wehe, man sagt bei uns, was man denkt, die Zeiten sind passé. Offizielle Meinungen/mainstream werden weit weg von der Basis gemacht, zum Glück nehmen sie die meisten nicht ernst. Antworten
Kennt Herr Sarrazin eigentlich seine Familiengeschichte? Gelesen in einem Familienbuechlein der Schweizer Sarasins: "Der Ursprung der Familie Sarasin ist sehr wahrscheinlich unter den arabischen Sklaven zu suchen, die nach dem Untergang des arabischen Spaniens in Europa uebrigblieben..." Ironisch, nicht wahr? Antworten
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