«Sie wollten seinen Skalp, nun werden sie einen Krieg haben»
Von Nina Merli. Aktualisiert am 09.11.2011 32 Kommentare
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Berlusconi äussert sich zu seinem Rücktritt
Silvio Berlusconi äusserte sich gestern zu seinem Rücktritt in der Tagesschau des Senders Rai1: Er sei sehr traurig und enttäuscht über die acht «Verräter» seiner Partei, die gegen ihn gestimmt haben. Jetzt gehe es aber darum, sich um die weiteren Schritte zu kümmern.
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Die Reaktionen sind angesichts der Tatsache, dass Berlusconi gestern seinen Rücktritt bekannt gegeben hat, verhalten. Die italienische Presse, die sein Ende in den letzten Wochen so oft herbeigeschrieben hatte, wählt heute überraschend neutrale Worte – als ob sie sich immer noch nicht sicher wäre, dass es Silvio Berlusconi tatsächlich ernst meint mit seinem Rücktritt. Grund für Misstrauen besteht, denn in seiner fast zwanzigjährigen Polittätigkeit hat der Premierminister für viele Überraschungen gesorgt. Zuletzt vor knapp einem Monat, als Berlusconi überraschend das Misstrauensvotum gewann und die Presse einmal mehr nach angekündigtem «Aus» zurückkrebsen musste.
So titelt denn auch die Tageszeitung «Il Foglio» heute: «Si dimette, ma non molla» ( Er tritt zurück, aber gibt nicht auf). Und in einem Kommentar spekuliert der Chefredaktor Giuliano Ferrara, ein bekennender Berlusconi-Sympathisant, über Berlusconis nächsten Schachzug. «Der Cavaliere rüstet sich für seinen letzten Kampf: Neuwahlen.» Die Regierung Italiens werde von den Wählern bestimmt, es gebe keine Zwischenlösungen und diese wären nur eine Verletzung der italienischen Demokratie und Wirtschaft. Ob sich der Cavaliere selbst zur Wahl stellen wird, lässt Ferrare offen und verpasst zum Abschluss seines Kommentars lieber noch der Opposition einen Seitenhieb: «Der PD wollte seinen Skalp. Nun werden sie einen Krieg haben.»
Nüchtern und skeptisch
Um einiges nüchterner der Ton des «Corriere della Sera»: «Berlusconi kündigt Rücktritt an», titelt die Mailänder Tageszeitung und zeichnet auch gleich zwei mögliche Szenarien auf, wie es nun mit Italiens Politik weitergehen soll: Neuwahlen oder eine Übergangsregierung. «Berlusconi kündigt seinen Rücktritt an, wenn auch in Zeitlupe, schreibt der Politredaktor des «Corriere della Sera», Massimo Franco, und spricht von einer «Via Crucis», einem Kreuzweg, sofern die aktuelle Regierung, also Berlusconi, das Tempo nicht steigert. Die «Repubblica», die seit Jahren auf Anti-Berlusconi-Kurs ist und ihn auch schon mehrmals öffentlich zum Rücktritt aufgefordert hat, gibt sich jetzt, wo ihrem Wunsch endlich Gehör verschafft wurde, alles andere als euphorisch: «Eine Epoche, die 17 Jahre gedauert hat, geht zu Ende und es beginnt eine Krise, die vollständig in die Hände des Staatspräsidenten übergeht.» Die einzige Möglichkeit, das Land zu retten, sei ein rascher Abgang Berlusconis, der bewiesen habe, in Zeiten der Krise ein «Element der Schwäche zu sein».
Emotional sind die Reaktionen einzelner Berlusconi-Gegner auf ihren Facebook- und Twitterseiten. Marco Travaglio, Journalist und Schriftsteller, der schon seit Jahren über die Mafia, das Spannungsverhältnis zwischen Justiz und Politik und insbesondere über die Skandale und Missgriffe von Silvio Berlusconi berichtet, schreibt über den Rücktritt des «nano», des Zwergen, wie er den Premier seit Jahren nennt. Und Pier Luigi Bersani, der Chef der PD, twitterte gestern: «Wer am 5. 11. zur Demonstration nach Rom gekommen ist, ist nicht vergebens gereist.» Die Satirikerin Sabina Guzzanti, die wegen eines Berlusconi-Sketches vom staatlichen Fernsehen verbannt und mit einer Geldbusse bestraft worden war, twittert heute Morgen: «Heute scheint die Sonne über Rom. Es regnet nicht mehr – falls ihr versteht, was ich meine.»
Allfällige Zweifel an Berlusconis Rücktrittsabsichten räumt Mario Calabresi, Chefredaktor der Tageszeitung «La Stampa» aus dem Weg. Er hat gestern spät abends mit Silvio Berlusconi gesprochen und das Gespräch heute veröffentlicht. Es sei fast unmöglich, sich vorzustellen, dass Silvio Berlusconi diesen Schritt wirklich machen wird, schreibt Calabresi, doch der Premier betone immer wieder, wie ernst es ihm sei und verrate auch schon den Kandidaten des Mitte-rechts-Bündnisses, den seine Partei ins Rennen um die Wahl zum neuen Premier schicken wird: Angelino Alfano – der schon seit längerem als Berlusconis Nachfolger gehandelt wird. Somit ist klar, dass der Cavaliere im Februar nicht zu Neuwahlen antreten wird. Calabresis Artikel hat der Premier übrigens heute Morgen in voller Länge auf seiner Facebook-Seite gepostet, wohl um seine Absichten zu unterstreichen.
Traurig und enttäuscht
Berlusconi wirke im Gespräch sehr gelöst, schreibt Calabresi, er lache viel und mache seine üblichen Witze, als «ob eine schwere Last von ihm genommen oder als ob er sich über das Geschehen noch nicht bewusst geworden sei». Doch die gute Laune wird getrübt, als der Chefredaktor ihn auf die acht «Verräter» anspricht, wie Berlusconi die Parteimitglieder genannt hat, die gestern eine Nein-Stimme abgegeben haben. «Ich habe immer noch Mühe, es zu glauben, dass mich gerade jene verraten haben, die ich ein Leben lang in meinem Herzen getragen habe.» Allen voran sei er von Roberto Antonione enttäuscht, für den er so unglaublich viel getan habe. Es sei unglaublich, er sei sogar der Patenonkel von Antoniones Tochter! Und über die anderen wolle er gar nicht erst sprechen, schon gar nicht über «die Carlucci, diese Gabriella Ischariot». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 09.11.2011, 11:38 Uhr
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32 Kommentare
Wir können nur hoffen, dass nicht die derzeitige Opposition regieren wird. Denn dann können die Börsen gleich schliessen. Sie wollen nichtmal das EU-Stabilitätspaket durchsetzen. Schlauerweise hat jedoch Berlusconi die Durchführung des Pakets als Voraussetzung für seinen Rücktritt gefordert. Nun bin ich gespannt. Antworten
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