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«Tust Du mir was, tu ich Dir was – auch posthum, falls nötig»

Von Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 16.12.2010 44 Kommentare

Julian Assange hat zu seiner Sicherheit eine «Zeitbombe» ins Internet gestellt. Der IT-Experte Guido Rudolphi gehört zu den Personen, die die mysteriöse Datei «insurance.aes256» bereits besitzen.

Wikileaks beschäftigt die ganze Welt: Julian Assange.

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Bild: Keystone

«Es dürfte nahezu unmöglich sein, das File zu knacken»: Guido Rudolphi.

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Julian Assange, der Mann hinter Wikileaks

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Die ominöse Wikileaks-Datei heisst «insurance.aes256» und soll eine Art Lebensversicherung für Julian Assange sein. In seinem Todesfall bekommen alle Personen, die die Datei besitzen, automatisch ein Passwort, um den Inhalt einzusehen und zu veröffentlichen. An diese «Zeitbombe» mit einer Datenmenge von 1,4 GB zu kommen, ist ganz einfach. Auf der Webseite «Pirate Bay» kann die Datei von jedermann heruntergeladen werden. Einer, der dies bereits getan hat, ist der Schweizer IT-Experte Guido Rudolphi. Im Interview äussert er sich unter anderem zur Bedeutung solcher Dateien.

Herr Rudolphi, Sie sind im Besitz des verschlüsselten Datensatzes, den Julian Assange ins Internet gestellt hat für den Fall, dass ihm oder Wikileaks etwas zustösst. Was ist Ihre Motivation? Etwa das Gefühl, am Weltgeschehen teilzuhaben?
Am Weltgeschehen haben wir alle Teil – das ist keine Motivation. Aber ich halte es – mit Vorbehalten – für sinnvoll, diese Datei zu verteilen und damit sicherzustellen, dass sie bei möglichst vielen Menschen gelagert ist. Und selbstverständlich interessiert es mich, was in der Datei zu finden ist. Aber da muss man wohl noch ein Weilchen warten, bis man da dran kommt.

Nehmen wir an, dass Assange zu Tode kommt. Was wird dann auf der Welt passieren? Und was werden Sie tun?
Zunächst mal würde wohl das Internet vor lauter Verschwörungstheorien platzen. Und im Laufe der Zeit würden dann hoffentlich einige Menschen anfangen, die Story im Detail zu recherchieren, um den Hintergründen auf die Spur zu kommen. Unmittelbar nach seinem Tod würde wohl aber auch das Passwort für seine «Versicherungs-Datei» öffentlich gemacht. Und je nachdem, was in der Datei zu finden ist, käme es zu politischen, wirtschaftlichen – oder gar keinen Konsequenzen.

Haben Sie eine Vermutung, aus welchem Umfeld die Personen stammen, die das Passwort kennen?
Darüber kann man nur spekulieren. Und diese Art der Spekulation überlasse ich gerne anderen.

Wie gefährlich ist es, im Besitz der Wikileaks-Datei zu sein?
Absolut ungefährlich. Sie ist ja inzwischen bei Tausenden Menschen über den ganzen Globus verteilt gelagert.

Haben die Wikileaks-Gegner, etwa die US-Geheimdienste, keine Chance, die Veröffentlichung dieser Daten zu verhindern?
Nein. Dieser Zug ist abgefahren.

Für seine «Versicherungs-Datei» ist Assange nach dem so genannten AES-256-Standard vorgegangen. Wie schwierig ist es, diese Verschlüsselung zu knacken?
Das ist von verschiedenen Faktoren abhängig, etwa auch vom gewählten Schlüssel. Ich gehe davon aus, dass Assange wusste, was und wie er verschlüsselt. Entsprechend dürfte es nahezu unmöglich sein, das File zu knacken. Nur ein Beispiel: Lautete das Passwort «Tages-Anzeiger_newsnetz», würde gemäss einem Kalkulationstool das Knacken des Passwortes einen einzelnen modernen PC – ich zitiere – «about 12 sextillion years» beschäftigen.

Der Datensatz «insurance.aes256» zeigt, dass viel Macht beim User respektive Bürger liegt. Was bedeutet das für globale Konflikte, bei denen das Internet eine Rolle spielt?
Die Insurance-Datei spielt dabei wohl kaum eine Rolle. Viel wichtiger ist, dass Menschen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Globalisierung sich nicht nur auf wirtschaftliche oder politische, sondern auch auf soziale Aspekte bezieht. Und genau diese Aspekte lassen sich mittels des Internets beeinflussen.

Was ist der Inhalt der Assange-Datei? Welche Spekulationen kursieren in der Internet-Community?
Die Vermutungen reichen von Daten, welche im Rahmen von Cablegate noch nicht veröffentlicht worden sind, bis hin zu brisanten Dokumenten von Banken und Konzernen. Auf der anderen Seite gibt es auch solche, welche das Ganze für eine Inszenierung halten. Unter dem Strich ist es aber egal, was dort drin steckt – wesentlich ist, dass hier plötzlich das «Gleichgewicht des Schreckens», wie wir es aus dem Kalten Krieg kennen, von Einzelnen ins Internet übertragen wird: «Tust Du mir was, tu ich Dir was – auch posthum, falls nötig.» Nur sind es nun plötzlich nicht mehr Staaten, die einander so im Zaum halten, sondern sogar Privaten wird hier Macht gegeben – und das muss auch sehr kritisch betrachtet werden.

Was halten Sie persönlich von Assange und seinem Projekt Wikileaks?
Assange hat sich durch sein eigenes wie auch durch das Handeln seiner Gegner zu einer «Lady Gaga» des Internets entwickelt, zu einer Pop-Ikone. Grundsätzlich mag ich keine Pop-Stars. Aber Assange muss zugute gehalten werden, dass er die Idee, dass Informationen Macht bedeuten können, wieder aufgefrischt hat. Wikileaks hat hier eine Vorreiterrolle eingenommen. Nun wird die Zukunft zeigen, wie die Staaten und Konzerne einerseits, die Privaten andererseits mit dieser Erkenntnis umgehen werden. Es kann in beide Richtungen gehen: Repression und Zensur von Seiten des Staates oder aber eine verantwortungsvolle Kontrollfunktion von Seiten der Bürger. Die letztere Variante gefällt mir eindeutig besser. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.12.2010, 17:38 Uhr

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44 Kommentare

flodur leznew

17.12.2010, 11:25 Uhr
Melden 1 Empfehlung

In einer "gesunden" Demokratie ist die Regierung transparent und nicht der Bürger! Antworten


Sani Berger

16.12.2010, 17:37 Uhr
Melden

Bei allem Respekt, aber eine Datei zu veröffentlichen, die einen wirtschaftlichen Schaden verursacht ist nun wirklich zuviel des Guten. Da würden soviele Menschen darunter leiden. Ist das wirklich das Ziel von Herrn Assange? Antworten



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