Und nun die Qual

Erliegen nun auch die Franzosen der populistischen Verlockung – und läuten damit das Ende der Europäischen Union ein? Noch ist nichts verloren.

Wer Frankreichs nächster Präsident werden möchte, der braucht die Stimmen von ungefähr 18 Millionen Landsleuten.

Wer Frankreichs nächster Präsident werden möchte, der braucht die Stimmen von ungefähr 18 Millionen Landsleuten. Bild: Jean-Paul Pelissier/Reuters

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Wer Frankreich liebt, dem muss angst und bange werden dieser Tage: Ist die stolze Kulturnation, die Heimat der Menschenrechte, das nächste Land, das dem süssen Gift rechtspopulistischer Weltversimpler erliegt? Gestern Brexit und Trump, morgen Le Pen?

Ein Triumph des Front National (FN) bei der Präsidentschaftswahl scheint möglich zu sein. Das wäre das Ende des vereinten Europa. Jeder weiss das, und ein Besucher aus Berlin hat diese Furcht ausgesprochen. Gleich zweimal, auf Deutsch und auf Französisch: ­«Widerstehen Sie den populistischen Sirenenklängen», rief der designierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vorige Woche in Paris jungen Franzosen zu, «Résistez aux sirènes populistes!»

Im Angriffsmodus: FN-Chefin Marine Le Pen. Foto: Philippe Wojazer (Reuters)

Noch ist Frankreich nicht verloren. Zwar dürfte es Marine Le Pen gelingen, als Kandidatin mit den meisten Stimmen in die Stichwahl vorzudringen. Nur: Wer auch immer Frankreichs nächster Präsident werden möchte, der braucht die Stimmen von ungefähr 18 Millionen Landsleuten. Bisher ergatterte die Le-Pen-Truppe nie mehr als 6,8 Millionen Stimmen. Das Mehrheitswahlrecht der V. Republik mit seinen zwei Urnengängen kann den Vormarsch der französischen Madame Trump also nochmals stoppen: Rechte wie linke Demokraten dürften sich am 7. Mai aufraffen, um Le Pen das Präsidentenamt zu verwehren. Millionen Franzosen werden – so lustlos wie widerwillig – dem Zweitplatzierten des ersten Wahlgangs ihre Stimme geben. Und ohne viel Hoffnung heimtrotten.

Wer Frankreichs nächster Präsident werden möchte, braucht ungefähr 18 Millionen Stimmen.

Ein wirkliches Vertrauensvotum für Frankreichs neues Staatsoberhaupt oder gar für sein altes, zerschlissenes Parteiensystem wäre diese Wahl nicht. Der neue Monarch der Republik, als «kleineres Übel» gekürt, besässe weder die persönliche Kraft noch den politischen Rückhalt im Volk, die nötig wären, um die Nation zu erneuern und Europa zu stärken.

In der Defensive: Ex-Premier François Fillon. Foto: Franck Prevel (Getty Images)

Noch zu Jahresbeginn sah alles anders aus. Da gab es in François Fillon einen klaren Favoriten, der ein geradezu radikales Programm propagierte: 500'000 Beamte weniger, mehr ­Wochenarbeit, spätere Rente. Der katholisch-konservative Republikaner bediente die in Frankreichs Geschichte stets wiederkehrende Sehnsucht nach einem Retter, einem «sauveur». Fillon geisselte (nach gut 30 Jahren als Berufspolitiker) recht kühn «das System» in Paris. Der Ex-Premier präsentierte sich als «Kandidat der Wahrheit» und als untadeliger Ehrenmann, der Fleiss, Anstand und harte Arbeit als Tugenden empfahl.

Und nun – vorbei! Binnen weniger Tage ist Fillon in den Augen seiner Landsleute zu einem gewöhnlichen Politiker verkommen. Also zu einem jener Mächtigen, die dem Volk Essig predigen, während sie sich selbst Champagner einschenken. Fillon hat nichts Unrechtes getan. Er hat (wie viele andere Abgeordnete auch) seine Frau als parlamentarische Assistentin angestellt und über Jahre recht grosszügig entlöhnt. Genau diese Selbstbedienung bestätigt das Vorurteil, in der politischen Klasse sei eh alles verfault. Das ist der Nährboden, auf dem der Front National gedeiht. (Dass der FN selbst mehrere Finanzaffären am Hals hat, geht unter.) Es mag sein, dass Fillon seine Affäre durchsteht. Aber fortan fehlte ihm die moralische Legitimation, seinen Franzosen garstige Reformen abzuverlangen.

Begeistert vor allem die Jungen: Benoît Hamon. Foto: Philippe Wojazer (Reuters)

Wer also sonst könnte Marine Le Trump ausbremsen? Frankreichs noch regierende Sozialisten (PS) verabschieden sich gerade von der Realpolitik. Ihr Spitzenkandidat Benoît Hamon, ein aufrechter Gesinnungslinker, begeistert vor allem junge Wähler. Nur, sein Versprechen, allen Franzosen bald ein Grundeinkommen von 750 Euro zu garantieren, kann die völlig überschuldete Nation niemals bezahlen. Hamon mutet an wie Frankreichs Bernie Sanders. Als Dauer-Oppositioneller ist der PS-Kandidat zwar sympathischer als der Altsozialist Jean-Luc ­Mélenchon. Beide wetteifern um dieselben Stimmen, schwächen sich aber gegenseitig – und führen die Linke ins Abseits.

Weckt Zweifel: Politneuling Emmanuel Macron. Foto: Thierry Chesnot (Getty Images)

Bleibt Emmanuel Macron. Auch dieser Politneuling begreift sich als «Kandidat gegen das System» und meint damit die tradierte Lager-­Demokratie von rechts und links. Macron ist Jungmillionär, Absolvent der Kaderschmieden. Der parteilose Aspirant begeistert junge und gebildete Wähler, ist als französischer Europäer die wahre Alternative zu Marine Le Pen. Aber Zweifel bleiben, ob die Franzosen ihre Nation in einer Welt voller Trumps, Putins und Erdogans einem 39-jährigen Novizen anvertrauen werden.

Eine schwere Entscheidung. Erliegen die Franzosen der populistischen Verlockung? Oder akzeptieren sie, dass ihr System den perfekten Kandidaten nicht produziert? Die Qual dieser Wahl (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2017, 20:21 Uhr

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