Wie konnte es so weit kommen?

Die Niederlande gelten als friedliebendes Land. Jetzt droht ein Nationalist an die Macht zu kommen. Ein Essay.

Sag mir, wo die Tulpen blühen: Der Tulpenmarkt auf dem Dam-Platz von Amsterdam. Foto: Koen van Weel (EPA, Keystone)

Sag mir, wo die Tulpen blühen: Der Tulpenmarkt auf dem Dam-Platz von Amsterdam. Foto: Koen van Weel (EPA, Keystone)

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Heute wird in den Niederlanden gewählt. Nach aktuellen Umfragen liegt Geert Wilders mit seiner rechtspopulistischen Partei für die Freiheit knapp hinter der Regierungspartei. Das ist erschreckend, und es passiert jetzt.

Wenn ich an meine Zeit auf dem Gymnasium in den Achtzigerjahren zurückdenke, muss ich sagen: Wir hatten das Gefühl, dass in den Niederlanden gar nichts passierte. Zu Beginn des Jahrzehnts, als Beatrix zur Königin gekrönt wurde, hatte es wenigstens noch ein paar Tumulte von Autonomen gegeben – unter dem Motto «Keine Wohnung, keine Krönung» wollten sie leer stehende Wohnungen übernehmen, doch danach starb die Hausbesetzerszene einen leisen Tod. Wir hätten es nicht so formulieren können, aber was uns betraf, war die Geschichte in den Niederlanden wirklich zu einem Ende gekommen. Es gab nichts, worüber wir uns richtig aufregten. Stattdessen beschuldigten wir Lehrer, die uns nach unserem Geschmack zu viele Hausaufgaben aufbrummten, des Faschismus.In den Siebzigern und Anfang der Achtzigerjahre hatte die Angst vor dem Atomkrieg das Land geteilt. Die einen fürchteten mehr die Russen, die anderen hatten mehr Angst vor der Atombombe selbst; doch seit dem Gipfel zwischen Reagan und Gorbatschow 1986 in Reykjavik nahm sowohl die Angst vor den Russen als auch die Angst vor der Atombombe ab. Wir lebten in frivolen Zeiten, ohne dass wir uns darüber im Klaren waren. In so einer Zeit bekommt selbst das Wort «faschistisch» etwas Frivoles.

Folklore war für die Touristen

Es gab allerdings schon in den Achtzigern in den Niederlanden eine fremdenfeindliche, nationalistische Partei, die Centrumpartij, die mit Losungen wie «Voll ist voll» und «Das eigene Volk zuerst» Sitze im Parlament holen wollte. Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus waren aber noch Randerscheinungen, und dazu passte der blasse Parteivorsitzende Hans Janmaat. Es schien etwas zu sein, was bald von allein aussterben würde – so wie die Tracht aus dem kleinen Ort Volendam am Ijsselmeer, die oft für die niederländische Tracht schlechthin gehalten wird. Wenngleich man von der Tracht wenigstens noch sagen kann, dass einzelne Leute sie gerne für Touristen anziehen. Folklore war und ist ja etwas für Touristen, und die sollten weiterhin kommen.

Nach meinem Umzug nach New York, der Liebe wegen, änderte sich mein Verhältnis zu dem Land, in dem ich zufällig geboren und aufgewachsen war. Meine Beziehung zu den Niederlanden war immer kühl, ich bin sehr nachdrücklich nicht nationalistisch grossgezogen worden – meine Eltern waren in Deutschland geboren und vor den Nazis geflohen. In New York aber erkannte ich, dass ich kein Amerikaner war und dass ich auch nie einer werden würde, selbst wenn ich in den Vereinigten Staaten bleiben würde. Ich war Europäer. Das klingt derzeit bedeutungsschwanger, aber Mitte der Neunzigerjahre wollte ich damit sicher nichts anderes sagen als: «Ich komme von der anderen Seite des Ozeans.»

Und dann kam Pim Fortuyn

Ich akzeptierte das Schicksal, man kann sich nicht losmachen von dem Flecken, wo man seine Jugend verbracht hat, von seiner Muttersprache; ich wurde ein Europäer in New York – mit einem besonderen Band zu Amsterdam. Ja, eher Amsterdam als die Niederlande, die Stadt, nicht das Land.Kurze Zeit nach meiner Ankunft in New York gab es die ersten Hinweise darauf, dass sich in den Niederlanden etwas änderte. Als sich im Juli 1995 zeigte, dass niederländische Soldaten nicht in der Lage gewesen waren, die Enklave von Srebrenica zu beschützen, begannen die Niederlande, das Klischee vom Land abzustreifen, in dem alles später oder nie passiert. Es sollte damals auch das vorerst letzte Mal sein, dass in den Niederlanden eine verhältnismässig starke Sympathie für Muslime entstand – im Bewusstsein, dass die Muslime aus einem Land, das einst Jugoslawien war, unter unseren Augen abgeschlachtet worden waren. Für kurze Zeit war der Muslim das Symbol des Opfers, das unsere Sympathie verdiente.

Es sagt eine Menge aus, dass das zweite Kabinett von Wim Kok, der von 1994 bis 2002 sozialdemokratischer Ministerpräsident war, durch einen Bericht über das Geschehen von Srebrenica stürzte. In diesem Bericht wurde das Versagen der niederländischen Armee und der Politik angeprangert, die dieser Armee ihre Aufträge verschafft hatte. Die Periode Kok endete zeitgleich mit dem Aufstieg von Pim Fortuyn.

Hassparolen als eine Form der Gewinnmaximierung

Er führte die Politik der rechten Centrumpartij mit Charisma, Charme und einem Gefühl für Rhetorik fort. Fortuyn warnte vor der «Islamisierung der Niederlande». Der Muslim war binnen sieben Jahren von einem Opfer, das es verdiente, bewaffnet zu werden, in einen potenziellen Feind verwandelt worden, gegen den wir uns bewaffnen mussten. Ich fand Fortuyn gefährlich. Zugleich habe ich mich dafür geschämt, wie schlecht sich die Sozialdemokratie gegen ihn verteidigt hat.Fortuyns Partei hätte die Wahlen von 2002 vermutlich gewonnen, wäre er nicht wenige Tage zuvor von einem militanten Umweltschützer umgebracht worden. Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus waren in kurzer Zeit akzeptabel geworden, und der Widerstand dagegen war relativ schwach – schon weil er sich oft auf unbeholfene Weise auf den Zweiten Weltkrieg berief. Dieser Krieg war für einen Teil der Bevölkerung wirklich vorbei, es wüteten längst neue Kriege. Es war die Zeit, als sich viele auf einmal von der politischen Korrektheit verabschiedeten, zunächst einige Kolumnisten und Kabarettisten, dann immer mehr Leute.Inzwischen ist das politisch inkorrekte Denken zum neuen politisch korrekten Diskurs geworden. Auf der Internetsite «Geen Stijl» (deutsch: «Kein Stil») kann man das gut beobachten. Diese Website begann im Jahr 2003 als Agitprop. Das Beleidigen, das Flirten mit Rassismus und Sexismus wurden zu einer Form von Gruppentherapie erhoben; man konnte sich endlich mal straflos gehen lassen. Nach ein paar Jahren wurde die «Geen Stijl» von einem Medienkonzern übernommen. Im Internetzeitalter sind Beleidigungen und Hassparolen gegen Minderheiten einfach nur eine Form von Profitmaximierung.

Diese Umarmung des politisch inkorrekten Denkens gab es in vielen westlichen Ländern. Man war das eigene schlechte Gewissen einfach satt, Anstandsregeln spielten keine Rolle mehr. Womit nicht gesagt ist, dass nicht auch der politisch korrekte Diskurs, namentlich in Amerika, ausarten kann. Aber in den Niederlanden wurde diese Entwicklung, das Zurückweisen von dem, was als politisch korrekt oder links erfahren wurde, noch mit einer typisch calvinistischen Sauce übergossen. Man beleidigte andere, man suchte Sündenböcke, man suhlte sich im Selbstmitleid, man war endlich einmal in der Öffentlichkeit böse, und wenn man den Bürger, der sich online gehen liess, darauf ansprach, dann sagte er häufig: «Man darf doch wohl noch ehrlich sein in einem demokratischen Land.» Diese vermeintliche Ehrlichkeit sollte alles rechtfertigen.

Man Land wurde zum Thema

Mit den Anschlägen vom 11. September 2001 schliesslich wurde das latente Gefühl eines Kriegs angefacht: Wer sich jetzt angegriffen fühlte, litt nicht mehr unter Paranoia, er war ein Realist.

Auch ich konnte von New York aus nicht mehr so tun, als ob die Niederlande kein Thema wären. Das Land, aus dem ich kam, war ein Thema. Ich brauchte vielleicht keinen Roman zu schreiben über Pim Fortuyn, aber ich schrieb Kolumnen für Zeitungen, und darin konnte ich nicht mehr schweigen über ihn und sein Gedankengut.

Nach dem Mord am islamkritischen Filmemacher Theo van Gogh 2004 durch einen radikalen Muslim marokkanischer Abstammung begann der Aufstieg von Geert Wilders. Weniger ironisch und charmant als Fortuyn, aggressiver und verbitterter, mit Sätzen, die mitunter von den faschistischen Bewegungen aus dem vorigen Jahrhundert geliehen zu sein schienen. Aber nichtsdestotrotz sehr effektiv. In den Niederlanden war die Zeit offenbar reif für Verbitterung und Aggression.Die Debatten um Pim Fortuyn und Geert Wilders beherrschen nun schon fast zwei Jahrzehnte lang die niederländische Politik. Lange Zeit hat sich der Mythos gehalten, dass die Niederlande sich in der ganzen Welt um Opfer kümmerten. Ob sie in Afrika litten oder in Nicaragua: Unrecht zu bekämpfen, galt als eine universelle Angelegenheit für mein Land – vor allem, weil es in den Niederlanden selbst bis dahin noch so wenig Unrecht gab. Zum Teil war das allerdings schon damals ein Mythos, denn so hilfs­bereit, offen und tolerant sind die Niederlande nie gewesen.

Vom Helfer zum Opfer

Seit Srebrenica hat der Niederländer sich in eine andere Richtung bewegt, vom Helfer zum Opfer; man wollte nicht mehr helfen, weil man meinte, selbst Opfer zu sein, das Opfer von Anschuldigungen. Es ging nun um die eigene Verteidigung, Prioritäten waren klar gesetzt, Solidarität schien ein Luxus zu sein, den man sich in Zeiten von Terror und Kriegsgefahr nicht mehr erlauben konnte. Wilders kann sich denn auch mit derselben Mühelosigkeit gegen die Unterstützung der Griechen aussprechen wie gegen marokkanische Niederländer oder den Islam. Die EU wird mit derselben verbalen Aggression unter Feuer genommen wie die angeblich linke Kirche, womit insbesondere jeder gemeint ist, der nicht mit Wilders einer Meinung ist. Der Feind kann stets eine andere Gestalt annehmen, die Konstanten bleiben dieselben.

In dieser Entwicklung, welche die Niederlande durchgemacht haben, ist auch etwas von dieser Überzeugung enthalten: Jetzt geht es darum, dass endlich wir an der Reihe sind. Wir sind nämlich der benachteiligte Part. Vielleicht liefert die Haltung eine Erklärung für das merkwürdige Paradox, das sich aus Untersuchungen ergibt: Der Niederländer findet, dass es ihm gut geht, aber seinem Land schlecht.

Kein Notstandsgebiet

Es stimmt nicht, dass die Niederlande ein Notstandsgebiet sind oder kurzfristig stark bedroht werden, aber genau dieser Position verdanken Fortuyn und Wilders ihren Aufstieg. So schrecklich die Anschläge in Berlin, Brüssel oder Paris auch sein mögen, eine existenzielle Bedrohung für die Gesellschaft sind sie nicht. Allenfalls dann, wenn der Staat und überbesorgte Bürger die Errungenschaften eines offenen Zusammenlebens für die Illusion von Sicherheit aufgeben wollen.

Einige New Yorker Freunde fragen mich, was los sei in den Niederlanden. Meine freundlichs­t­mögliche Antwort lautet: Der Niederländer sehnt sich zurück nach einer Vergangenheit, die es nie gab.

Arnon Grünberg, geboren 1971 in Amsterdam, lebt in New York. Er hat zahlreiche Romane geschrieben, zuletzt «Muttermale» (Kiepenheuer). Sein Werk erscheint in 27 Sprachen.

Aus dem Niederländischen von Christina Berndt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2017, 19:29 Uhr

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