Verharmlost der Papst die Nazi-Diktatur?
Von Michael Meier. Aktualisiert am 28.01.2010 13 Kommentare
Die Legitimierung des millionenfachen Mitmachens verschlage ihm die Sprache: Alan Posener.
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Alan Posener nennt Papst Benedikt in seinem Umgang mit dem Nationalsozialismus einen «Deutschen von vorgestern». «In seinem autoritären Denken ebenso wie in seiner Unfähigkeit, Schuld zu benennen und Verantwortung zu übernehmen, ist Benedikt geradezu prototypisch für eine deutsche Geisteshaltung, mit der erst die Rebellion von 1968 aufräumte», so der Korrespondent der «Welt».
Wie viele Deutsche seiner Generation habe Joseph Ratzinger es nie wirklich vermocht und nie wirklich versucht, den Nationalsozialismus aus dem Blickwinkel der Opfer anzuschauen. Er zeichne vielmehr ein historisches Bild Deutschlands, in dem der Nationalsozialismus als etwas Fremdes und Äusserliches erscheine. So habe er 2006 in Auschwitz das deutsche Volk als von einer Schar von Verbrechern «gebraucht und missbraucht» bezeichnet. Ausgerechnet am Ort der Endlösung habe er von den Deutschen als einem belogenen, betrogenen, terrorisierten Volk gesprochen, «als wären sie die eigentlichen Opfer der Nazis gewesen».
Neue Töne aus Deutschland
Posener schlägt mit seiner schonungslosen Analyse unter dem Titel «Benedikt, ein Papst in deutschem Namen» einen für den deutschen Journalismus neuen Ton an. Natürlich haben die deutschen Medien, wie Posener auch, die Versöhnung Benedikts mit den antisemitischen Pius-Bischöfen scharf kritisiert, ebenso die geplante Seligsprechung des Kriegspapstes Pius XII., der kaum gegen die Judenvernichtung protestiert hatte.
Bisher aber haben es bestenfalls einige linke Historiker – mit nur geringer Resonanz – unternommen, die Strategie des Vergessens und Vertuschens seitens des Papstes zu analysieren. Jetzt ist die Fundamentalkritik an Ratzingers Geschichtsblindheit in «Cicero», der eher rechts der Mitte stehenden intellektuellen Monatszeitschrift nachzulesen. In der heute erscheinenden Februarausgabe findet es Posener selber nicht nachvollziehbar, dass Benedikt in Deutschland – «eben nicht nur vom Boulevard, sondern von einem modischen Salon-Katholizismus und einem an der Demokratie irre gewordenen Feuilleton» – noch immer als geistige und moralische Grösse gehandelt werde.
An sein im vergangenen Herbst erschienenes Buch «Benedikts Kreuzzug» anknüpfend, bezichtigt Posener den Papst, er stricke in seiner 1998 erschienenen Autobiografie eine «Legende», um das Verhältnis seiner Familie zum Nationalsozialismus schönzureden. So verschweige er die Mitgliedschaft seiner Mutter in der NS-Frauenschaft, ebenso seinen antisemitischen Grossonkel, den Theologen und Politiker Georg Ratzinger, für den die Juden die «Läusekrankheit unserer Zeit» waren. Umgekehrt finde sich für Ratzingers Behauptung, sein Vater, der Polizist, sei wegen seiner Gegnerschaft zu örtlichen Nazis versetzt worden, in der Personalakte keine Spur.
«Katholisch und erzkatholisch, nazistisch und erznazistisch»
Posener findet es unerträglich, dass Ratzinger von seiner Heimat das «idyllische Bild eines wegen seiner katholischen Frömmigkeit gegen den Nazi-Ungeist immunen Völkchens zeichnet». Der vier Jahre jüngere Thomas Bernhard, der in Traunstein das Gymnasium besuchte, wo Ratzinger das Priesterseminar absolvierte, empfand die oberbayerische Idylle als «katholisch und erzkatholisch, nazistisch und erznazistisch».
Poseners Analysen der Reden von Kardinal Ratzinger werfen kein günstigeres Licht auf diesen. So hatte der Glaubenspräfekt im Gespräch mit einem italienischen Journalisten gesagt, «die giftigen Keime des Nationalsozialismus» seien nicht die «Frucht des österreichischen oder süddeutschen Katholizismus, sondern allenfalls der dekadenten kosmopolitischen Atmosphäre Wiens am Ende der Monarchie». Mit den antisemitischen Stereotypen «dekadent» und «kosmopolitisch» die Opfer des Nationalsozialismus für dessen Entstehung selber verantwortlich machen zu wollen, findet Posener «ekelhaft».
Staatsräson im Mittelpunkt
Der Autor zitiert ferner Ratzingers Rede von 2004 an den Feiern zum 60. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie. In der Kathedrale von Caen sagte er, «auch die von einem Verbrecher geleitete Regierung» Nazi-Deutschlands habe nach kirchlicher Lehre «den Rechtsgehorsam des Bürgers und die Achtung vor der Autorität des Staates einfordern» dürfen. Diese nachträgliche Legitimierung des millionenfachen Mitmachens verschlägt Posener den Atem, wie er schreibt. Während Ratzinger mit Blick auf den Nationalsozialismus von Ehre und Grösse der Nation, von Pflichtbewusstsein und Rechtsgehorsam der Bürger rede, kritisiere er als Papst den pluralistischen, demokratischen Staat als «Diktatur des Relativismus». Dieses Denken, bei dem nicht der einzelne Bürger, sondern die Staatsräson im Mittelpunkt steht, erinnert Posener fatal an den politischen Lehrer und Star-Juristen der Nazi-Zeit: an Carl Schmitt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.01.2010, 06:45 Uhr
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13 Kommentare
Ein sehr aufschlussreicher Artikel von M. Meier! Ich habe nie verstanden, wieso Papst Ratzinger von den Medien immer sehr wohlwollend behandelt wurde. Es scheint hier eine gewisse "Beisshemmung" vorzuliegen! Êin Papst ist nicht einfach immer edel und gut, das beweist die oft unrühmliche Geschichte seiner vielen Vorgänger. Ratzinger hat die 68er Revolte immer verabscheut, aus "gutem" Grund! Antworten
Der Vatikan ist halt auch nur ein "Business", wie die Industrie, Finanzen und die Mafia. Ich stimme Herr Büchi zu. Es ist nur eine Frage der Zeit bis die Lüge offiziell wird. Oder wie schon Papst Leo X gesagt hat: "It has served us well, the myth of Christ". Damit ist die Sache eigentlich klar. Antworten
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