Ausland

Startseite · Abo · Immobilien · Job · Auto · Kleinanzeigen

Viktor Orbans Freund diffamiert die Juden

Von Bernhard Odehnal, Wien. Aktualisiert am 15.01.2011 6 Kommentare

Während sich Ungarns Regierung im Ausland gern weltoffen gibt, schüren ihr nahestehende Medien antisemitische Vorurteile.

Wirft ein kritisches Auge auf die Medien: Ungarns Regierungschef Viktor Orban.

Wirft ein kritisches Auge auf die Medien: Ungarns Regierungschef Viktor Orban.
Bild: Keystone

Artikel zum Thema

Proteste in Budapest

Rund 10'000 Menschen versammelten sich gestern am Kossuth-Platz vor dem Budapester Parlament, um gegen das neue Mediengesetz zu protestieren. Auf einem Transparent war zu lesen: «Wagen wir es, gross aufzuwachen» – eine Anspielung auf die Devise von Regierungschef Viktor Orban: «Wagen wir es, gross zu träumen.»

Während Orban und sein Aussenminister Janos Martonyi im Ausland andeuteten, dass sie zu Änderungen des Gesetzes bereit seien, zeigt die Regierung bei Interviews in Ungarn keine Bereitschaft zum Einlenken. Justizminister Tibor Navracsics bezeichnete die Kritik aus dem Westen als «Test, durch den wir durchmüssen».

«Aufwachen!»: Demonstranten bei der Kundgebung in Budapest. (Bild: Keystone )

Stichworte

Die berühmten Musiker Andras Schiff und Adam Fischer sind gebürtige Ungarn. Und sie sind beunruhigt über die Vorgänge in ihrer Heimat. Nun haben der Pianist und der Dirigent «an die Künstler in Europa und der ganzen Welt» einen offenen Brief geschrieben. Darin heisst es unter anderem: «Wir freiheitsliebenden Künstler beobachten mit grösster Sorge, in welchem Ausmass Ausgrenzung, Aggression gegen Minderheiten und Intoleranz heute in Ungarn und in Europa auf dem Vormarsch sind. (. . .) Wir müssen auch feststellen, dass Ungarn – das Land, das seit einigen Tagen die EU repräsentiert – leider in dieser Hinsicht zu den Vorreitern gehört. Das Alltagsleben Ungarns ist in erschreckendem Masse infiziert mit Rassismus gegen Roma, mit Homophobie und Antisemitismus. Gleichzeitig wird die Freiheit der Medien, der Kunst und der Kulturschaffenden immer stärker eingeschränkt.»

Unterzeichnet hat das Schreiben nebst anderen die Historikerin Agnes Heller. Auch der weltweit bekannte Dirigent Daniel Barenboim unterstützt ausdrücklich den Aufruf an die Künstler, «aktiv gegen Rassismus und Intoleranz vorzugehen».

Die Antwort aus Ungarn kam postwendend: In ihrem Leitartikel am 8. Januar warf die «Magyar Nemzet» im Ausland lebenden ungarischen Künstlern und Wissenschaftlern vor, sie wollten mit «archaischem Hass» ihrer Heimat schaden. Die der Regierungspartei Fidesz nahestehende Zeitung bediente dabei uralte Vorurteile, wonach jüdische Intellektuelle die ungarische Nation verraten und verkaufen. «Woher kommt diese tiefe Verachtung», fragte «Magyar Nemzet», «mit der diese Intellektuellen auf dieses Land herabsehen und sich vor dem Ausland aktiv an der Anprangerung unseres Landes beteiligen?»

«Ein stinkendes Exkrement»

Noch deutlicher formulierte diese Vorurteile der Publizist Zsolt Bayer in der Zeitung «Magyar Hirlap». Sein Beitrag trägt den Titel «Derselbe Gestank» und beginnt so: «Ein stinkendes Exkrement irgendwo aus England mit einem Namen wie Cohen schreibt, dass‹fauler Gestank aus Ungarn strömt›. Cohen und Cohn-Bendit und Schiff.‹Nepszava› erscheint mit dem roten Mann mit dem Hammer und verlangt Pressefreiheit. Die meisten Menschen denken, das sei etwas Neues, das es zuvor noch nie gab.Nonsens. (. . .) Leider wurden sie jedoch nicht alle bis zum Hals im Wald von Orgovany verscharrt.»

Für Ausländer sind diese wirren Sätze kaum verständlich, für Ungarn jedoch leicht zu entschlüsseln. Nick Cohen ist Reporter des britischen «Guardian». Er beschrieb Anfang Januar, wie Fidesz und die rechtsextreme Partei Jobbik gemeinsam versuchen, den verhassten Direktor des Budapester Nationaltheaters, Robert Alföldi, zu diskreditieren. Die Kampagne fand ihren vorläufigen Höhepunkt in einer Demonstration gegen Alföldi, der als «Schwuler, Perverser und Jude» kein ungarisches Theater führen dürfe.

Mediengesetz scharf kritisiert

Der EU-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit hatte im Dezember das ungarische Mediengesetz scharf verurteilt: Ungarn bewege sich «in Richtung kommunistischer Diktatur». Und der in Italien lebende Schiff hatte schon am 1. Januar in der «Washington Post» über jene «alarmierenden Phänomene» in seiner Heimat geschrieben, die er danach auch in einem offenen Brief formulierte. Wichtig ist für den rechten Publizisten Bayer jedoch nicht die Kritik an sich, sondern es sind die jüdischen Namen der Kritiker. Die verbindet er im nächsten Satz nicht nur mit der linken Zeitung «Nepszava», dem ehemaligen Zentralorgan der Gewerkschaften, sondern auch mit einem blutigen Ereignis der jüngeren ungarischen Geschichte: Nach dem Zerfall der Habsburger-Monarchie 1918 herrschte in Ungarn für einige Monate der Kommunist Bela Kun mit «rotem Terror». Nationalistische Kräfte unter Miklós Horthy antworteten mit «weissem Terror», der sich gegen alle «Feinde Ungarns» richtete: Kommunisten, Liberale, Juden. Eines der grössten Massaker wurde von Horthys Schergen beim Dorf Orgovany begangen. Zsolt Bayers Kommentar lässt sich also auf eine knappe Botschaft reduzieren: Juden wie Cohen, Cohn-Bendit oder Schiff können heute nur deshalb Ungarn verraten, weil ihre Vorfahren leider nicht ermordet wurden.

Diese Botschaft stammt keineswegs von einem Wirrkopf und Einzelgänger. Der 47-jährige Bayer war Gründungsmitglied von Fidesz, ist ein Freund von Regierungschef Viktor Orban und arbeitet für Medien, die Fidesz nahestehen. Während Orbans erster Regierung moderierte er im Fernsehen einen «Presseklub», in dem er die Kommunisten «an den Laternen baumeln» sah und den Antisemitismus zur Erfindung der Juden erklärte.

Regierung bleibt stumm

Orban oder Fidesz haben sich von Bayer nie distanziert. Im Gegenteil: Orban zeigte sich häufig und demonstrativ an Bayers Seite. Nach Bayers jüngsten Attacken blieben Fidesz und die Regierung stumm. Als Aussenminister János Martonyi im österreichischen Fernsehen auf Bayers Artikel angesprochen wurde, antwortete er lediglich, er habe «genug von Hasspropaganda und Antisemitismus. Dagegen müssen wir etwas tun.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2011, 07:18 Uhr

6

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

6 Kommentare

Rahel Courant

15.01.2011, 08:49 Uhr
Melden

Es ist eine der traurigsten Entwicklungen, die gerade vor unserer Haustür stattfindet. Und es ist eine Schande für die EU. Dass die EU dieses rassistische Regime überhaupt toleriert, zeigt deutlich, dass die ursprüngliche Idee der EU schon lange an die Wirtschaftsinteressen verraten wurde. Zum ersten Mal bin ich froh, dass die Schweiz da nicht dazugehört. Antworten


Charles Dupond

15.01.2011, 15:20 Uhr
Melden

Komisch. Zuerst wird von der "internationalen Gemeinschaft" die Keulung der Medienfreiheit bejammert. Kaum wird etwas veroeffentlicht, was in als "Demokratien" verbraemten Bibeltheokratien der "internationalen Gemeinschaft" flugs in den selektiven Politterrorkerker fuehren wuerde, wird bejammert, dass die Zensur nicht gleich gut funktioniert wie bei den Jammeris. Meinungs"freiheit" ala Carte! Antworten



Ausland

Populär auf Facebook – Privatsphäre

AKTUELLE JOBS

Marktplatz

Schadenspezialist/in komplexe Körperschäden Zurich Insurance Company, Glattbrugg

Verkaufsberater diallon, AG

Callagent/in 40-100% diallon, BS SO BL


Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.