Warum das Scientology-Urteil als «historisch» bezeichnet wird

Nachdem in Paris Scientologen zu hohen Geldstrafen verurteilt wurden, jubelt die Anklage. Die Verurteilten kochen und die Richter erklären, warum sie von einem Verbot absahen.

Zeigt sich enttäuscht ob des Urteils: Daniele Gounard, Sprecherin der französischen Scientologen.

Zeigt sich enttäuscht ob des Urteils: Daniele Gounard, Sprecherin der französischen Scientologen.
Bild: Keystone

Die Hauptklägerin verlässt das Gericht: Aude-Claire Malton.

Die Hauptklägerin verlässt das Gericht: Aude-Claire Malton. (Bild: Reuters)

Scientology-Prozess: Für Frankreichs Medien das Hauptthema.

Scientology-Prozess: Für Frankreichs Medien das Hauptthema. (Bild: Keystone)

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Im neun Jahre dauernden Gerichtsverfahren gegen die Sekte und führende Scientology-Mitglieder verhängten die Richter in Paris gestern Dienstag hohe Strafen. Das Celebrity Center, das sich um Promis wie Tom Cruise und John Travolta kümmert, muss mehr als 600'000 Franken Busse zahlen, die Pariser Sektenbuchhandlung über 300'000 Franken. Anwalt Olivier Morice, Vertreter der Privatkläger, hat die Verurteilung von Scientology wegen bandenmässigen Betrugs als «historische Entscheidung» bezeichnet.

Der Hauptangeklagte und oberste Scientologe in Frankreich, Alain Rosenberg, wurde zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und einer Busse von 45'000 Franken verurteilt, drei weitere Angeklagte erhielten bedingte Gefängnisstrafen von 10 bis 18 Monaten. Ihnen werden betrügerische Machenschaften vorgeworfen.

Anklage wollte Auflösung

Die Richter in Paris kamen zum Schluss, Scientology habe mit unlauteren Methoden neue Mitglieder angeworben und diese finanziell ausgenommen. Das Gericht warf der Sekte vor, ihren Mitgliedern unter Ausnutzung ihrer Schwächen bis zu 100'000 Franken abgeknöpft zu haben. Die Richter beurteilten diese Methoden, die auch in der Schweiz und andern Staaten angewendet werden, als rechtswidrig. Das Urteil weist auch ein Novum auf: Zum ersten Mal sind Unterorganisationen von Scientology als juristische Personen gerichtlich belangt worden.

Das Gericht blieb bei seinen Urteilen allerdings deutlich unter den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Diese hatte Bussen von insgesamt mehreren Millionen Franken und mehrjährige Haftstrafen für die verantwortlichen Scientologen gefordert. Ausserdem hatte der Ankläger für die Auflösung der Sekte plädiert.

Die Angst vor der Untergrundorganisation

Dazu kam es aber nicht, weil kurz zuvor unter mysteriösen Umständen ein Gesetz gestrichen worden war, das diese Massnahme erlaubt hätte. Sektenkritiker vermuteten, dass eine Intrige von Scientology zur überraschenden Aktion des Justizministeriums geführt habe. Als die Gesetzesänderung publik wurde, entbrannte in Frankreich ein Sturm der Entrüstung. Politiker und Parlamentarier erklärten sofort, die Gesetzeslücke so rasch als möglich wieder schliessen zu wollen.

Das Pariser Gericht äusserte in seinem Urteil aber Zweifel, ob ein radikales Verbot eine sinnvolle Massnahme wäre. Es bestünde nämlich die Gefahr, dass Scientology aus dem Untergrund weiter agieren würde. Die Richter forderten deshalb eine bessere Beaufsichtigung von Scientology. Ein Rezept, wie die abgeschottete Sekte kontrolliert werden könne, hatten die Richter aber nicht.

Berufung angekündigt

Scientology bewertete das Verfahren als Ketzerprozess und Inquisition. Die Sekte akzeptiert das Urteil nicht und will Berufung einlegen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2009, 07:31 Uhr

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