Warum der Elsässer nicht wie die anderen Franzosen wählt
Interview Matthias Chapman. Aktualisiert am 22.03.2010
Jürg-Peter Lienhard.
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Jürg-Peter Lienhard ist Journalist und Photoreporter mit Spezialgebiet Elsass-Kultur. Er hat während Jahren die deutschsprachige Kommunikation für das Ecomusée d'Alsace betreut. Zuletzt redigierte er dessen deutschsprachige Internetseite Eco-museum.org. Er war 1984 Gründer des Kulturvereins Elsass-Freunde Basel und ist Redaktor von Webjournal.ch, dem iPortal für die Dreiländerregion Basel, das sich schwerpunktmässig mit der Kultur der Grenzregion befasst.
Als einzige Region auf dem französischen Festland hat das Elsass bei den jüngsten Wahlen bürgerlich gewählt. Ticken die Elsässer so anders als ganz Frankreich?
Die elsässische Mentalität war und ist eine alemannische: arbeitsam, sparsam und untertänig. Der französische Staat ist eine Präsidialdemokratie, die auf der absolutistischen Monarchie von den Louis Toutedesuite* bis zu den Napoleons Nummer I bis III aufbaut. Das Elsass muss man sich jedoch politikgeschichtlich wie einen Emmentalerkäse vorstellen: Bis zum dreissigjährigen Religionskrieg von 1615 bis 1645 gab es die österreichische Hemisphäre, Vorderösterreich genannt, die Pfirter Herrschaften, Basler Besitztümer und protestantische Städte wie Strassburg und der eidgenössisch zugewandte Ort Mülhausen. Danach besetzte Louis IV. seine «germanische Provinz», in der allein Mülhausen bis zur französischen Revolution von 1789 als eidgenössisches Protektorat unabhängig blieb. Das Elsass ist von der Mentalität her und religionsgeschichtlich ein ebenso heterogenes Land wie die Schweiz, was man aber trotz der bürgerlich gebliebenen Mehrheiten an den teils eklatant divergierenden Abstimmungsresultaten vor allem in den städtischen Agglomerationen von Mülhausen, Colmar und Strassburg sehen kann.
Am Dreiländereck leben, den Ruf der Weltoffenheit haben und trotzdem konservativ wählen. Passt das zusammen?
Die Frage ist, worauf man den Fokus richtet: Der Ruf steht oft im Gegensatz zum Alltag. Ein Blick auf die jüngste Vergangenheit zeigt, dass von diesem Ruf nicht mehr viel übrig geblieben ist. Ich denke an die industrielle Revolution von Mülhausen, das nach der französischen Revolution mit der explosionsartig ausgebauten Textilindustrie einen für Europa beispiellosen Aufschwung nahm und lange Zeit als «Manchester» des Festlandes galt: Die erste internationale Eisenbahnlinie auf dem Kontinent verband von Strassburg aus Mülhausen und Basel, obwohl Basel sich noch lange hinter Stadtmauern verschanzte. Ich denke auch an die sagenhafte Geschichte des Kalibergbaus, wo in dieser gigantischen Schwerindustrie zeitweise bis 35’000 Menschen beschäftigt waren, und wo heute ausnahmslos alle der mächtigen Grubenbauten abgerissen sind, gewissermassen die Spuren einer gloriosen industriellen Vergangenheit getilgt wurden. Damit keine Fragen aufkommen.
Umweltanliegen spielen in der Region eine grosse Rolle. Die Grünen holten fast 16 Prozent der Stimmen. Sind die Elsässer auch Ökofreaks?
Bewahre! Die kürzlich verstorbenen Europa-Abgeordnete der französischen Grünen und Frauenrechtlerin Solange Fernex war zusammen mit ihrem Mann Michel eine hochengagierte, tapfere und unerschrockene Pionierin in Umweltanliegen - aber für die meisten Elsässer ein rotes Tuch, zumal die «Ecolos» meist als «weltfremd» belächelt werden. Ohne Auto ist man in den ländlichen Gebieten im Elsass, und in Frankreich sowieso, aufgeschmissen. General De Gaulle setzte daher nach dem Krieg auf die Automobilindustrie, die rascher die Transportbedürfnisse zu decken schien, als es durch den Wiederaufbau des zerstörten öffentlichen Verkehrs gedauert hätte. Nur durch den Zwang der Realität lassen sich im Elsass sogenannte Umweltmassnahmen durchsetzen: Durch die Zunahme des Verkehrs und vor allem durch das chronisch verstopfte Strassennetz in den Agglomerationen, kam es gezwungenermassen zum Bau eines Strassenbahnnetzes in Strassburg und in Mülhausen. Aber dem Individualverkehr kommt immer noch eine unbestrittene Rolle zu, auch wenn sich vermehrt Widerstand gegen Autobahn- und Umfahrungsstrassen regt - meist aus Partikularinteressen. Jedoch, und dies ist kein Widerspruch: vom Engagement der elsässischen Umweltbewussten könnten sich hierzulande noch etliche «Ökofreaks» ein Stück abschneiden. Den 16 Prozent Grünen-Stimmen traue ich aber nicht ganz zu, dass sie tun, was sie stimmten.
Viele Elsässer arbeiten in der Schweiz oder in Deutschland, die Rede ist von 30'000. Welche Rolle spielt die Schweiz sonst noch für das Elsass?
Reden wir nicht von «der Schweiz», sondern von den schweizerischen Grenzregionen - auch wenn die in Bezug auf die Grenzgänger sehr weit ins Landesinnere reichen: Eine tägliche (Auto-) Fahrt von 100 Kilometern ist zwar nicht die Regel, aber ich kenne einige, die von Colmar, von Thann, ja sogar von Saint-Amarin ins Baselbiet zur Arbeit fahren. Täglich zweienhalb Stunden Fahrtzeit mindestens! Als Arbeitskräfte haben die Elsässer in der Region Basel jahrhundertealte Tradition: An den Kassen der Grossverteiler hört man ihren Dialekt gerne, sie haben etwas «heimeliges» durch ihre Zuverlässigkeit, ihren Mutterwitz und ihre menschliche Wärme. Die männlichen Elsässer hingegen sind - im Gegensatz zu den deutschen Grenzgängern - eher in Arbeiterberufen in der Grossindustrie, aber auch im Gewerbe tätig, wo man sie aber als äusserst «schaffig» kennt. Auf Arbeiterstufe gibt es von Seiten der einheimischen Kollegen versteckten Neid, weil fast jeder Elsässer sich ein Haus baut oder bewohnt, und in den Quartieren gibt es oft Unmut wegen der Pendler-Parkplätze. Die Bedeutung der Grenzgängerei für die Wirtschaft ist jedoch derart gross, dass beide Seiten nicht darauf verzichten mögen. Immerhin tragen die Grenzgänger dazu bei, dass sie die Arbeitslosenquote im Elsass entscheidend beeinflussen - auch wenn sie sich in den letzten zehn Jahren von fünf auf fast zehn Prozent beinahe verdoppelt und sich damit dem Landesdurchschnitt angenähert hat. Trotz der gegenseitigen Anerkennung der Bedeutung der Grenzgängerei tut sich die teils reaktionär beherrschte elsässische Politik schwer mit der Verständigung über die Grenzen. Jüngstes Beispiel ist der geplante Ausbau der «grünen Strecke» von Mülhausen ins industrielle Fricktal, wo die elsässischen Politiker dem Projekt aus reinem Eigennutzen Steine in den Weg legten. Die grenzüberschreitende Planung wird immer wieder in Frage gestellt - nach jedem Wechsel in der Politik. Die Kontinuität ist immer gefährdet, was das Verhältnis über die Grenzen beeinflusst - nebst den Sprachschwierigkeiten durch die fast durchwegs erfolgte Französisierung.
Die Hauptstadt Strassburg beherbergt den europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und den Europarat. Ist der Elsässer nicht Stolz auf diese «linken» Institutionen?
Legte man einen Massstab auf die Elsass-Karte vom südlichsten Zipfel des Sundgaus bis zur nördlichsten Ecke oberhalb Strassburgs, so stellte man fest, dass das «Elsass» 220 Kilometer lang von Süden bis Norden ist. Das ist ebenfalls die Länge der Luftlinien von Basel nach Bellinzona. Und genau wie diese Strecke in der Schweiz durchquert sie im Elsass viele verschiedene geografische und ethnologische Regionen. Ein Strassburger Meinungsträger verwahrte sich einmal gegenüber einem Basler Regionalpolitiker, der Strassburg zum «Einzugsgebiet» der Regio Basiliensis zählte. Für einen Mülhauser ist Strassburg auf einem anderen Stern, zumal dort der Himmel «bläu» ist, während er in Mülhausen «blau» schimmert. Da sind Welten dazwischen, zwischen dem ländlichen, erdigen Sundgau und der stolzen Kulturstadt Strassburg im Dreiangel der französischen, deutschen und hochelsässischen Geisteswelt. Der Sundgauer Bauer hat aus Strassburg in der Vergangenheit nichts Gutes zugespielt bekommen - aus Brüssel schon gar nicht.
Strassburg erhält im Herbst eine grosse Moschee, samt Kuppel und Minarett. Trotz konservativer Wählerschaft scheint das Elsass doch weltoffener als die Schweiz. Stimmt dieser Eindruck?
Man darf nicht vergessen, dass das Elsass von nordafrikanischen Einheiten von den Deutschen befreit worden ist. Allerdings sind die lange nach dem Krieg wieder abgezogen. Der Nachzug aus den ehemaligen Kolonien jedoch brachte eine «andere Qualität», nämlich des Einwanderer-Proletariats. Doch ist immer wieder erstaunlich, wie die Muslime im Elsass unauffällig und doch sichtbar zum Alltag gehören - beinahe wie integriert. Aber eben: in vielen Quartieren als Subkultur, wo zur entsprechenden Zeit in Garagen oder der Wohnungseigenen Badewanne geschächtet wird. Die «mittelalterliche» Generation im Elsass, zumal die männliche, tat Dienst im Algerienkrieg und hat sich dabei einiges mehr an Erfahrung und Toleranz mit den Muselmanen angewöhnt, als die in der eingeigelten Schweiz der Fall war.
Wird das Elsass von den Franzosen als Sonderfall betrachtet?
Ja. Man darf nicht vergessen, dass das Elsass mehrmals deutsch war. Das Elsass feiert zum Beispiel den protestantischen Karfreitag - im Gegensatz zu Frankreich. Das Elsass hat vom Deutschen Kaiserreich eine vorbildliche Sozialversicherung behalten. Aber es war auch Nazi-Sympatisant. Die Radikalität mit der die Franzosen die elsässische Sprache ausmerzten geht zum Teil auch auf diesen Umstand zurück - auch wenn dies aus kultureller Sicht ein grosser Verlust ist.
Welche Bedeutung hat das Elsass für die Region Basel und die Schweiz insgesamt?
Das Elsass hat zumindest bei den Jungen in der Schweiz die Bedeutung als traditionelles Hinterland, als Ausflugsziel, als geschichtliches und kulturelles Hochland eingebüsst. Zu Unrecht, wenn man die grossartige Vergangenheit anschaut. Aber es ist auch Resultat einer sehr merkwürdigen Aussenpolitik der Elsässer selbst. Und eben einer reaktionären Einstellung der Politik, die jüngst das Ecomusée d'Alsace der Bevölkerung gestohlen hat: Dieses Freilichtmuseum, von freiwilligen «Ecolos» aufgebaut, hatte wie keine andere Institution im Elsass die Fähigkeit, mit seinem Charme den besten Botschafter für das Elsass abzugeben - den keine Tourismus-Organisation nur annähernd ausüben konnte.
* ein Wortspiel für die französischen Könige mit den Vornamen Louis und zwar von 13 bis 16.
Das Interview wurde schriftlich geführt (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.03.2010, 16:38 Uhr


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