Ausland
Wenn Klimaschützer eine Reise tun
Von Florian Leu, Kopenhagen. Aktualisiert am 18.12.2009
Schwelgen in der Hoffnung im Klima-Express. (Bild: Keystone)
Klimagipfel Kopenhagen
- Zürich stellt den faulen Kompromiss aus Kopenhagen in den Schatten
- «Ich steige zum ersten Mal seit Jahren wieder in ein Flugzeug»
- Umweltranking: Das sagen Politiker zu Zürichs Topplatz
Stichworte
Politik lebt von Symbolen. Und ein solches ist für Moritz Leuenberger die Fahrt im Klima-Express nach Kopenhagen. Der Zug stehe für die Hoffnung, dass am Klimagipfel etwas erreicht werde, sagt der Schweizer Umweltminister, bevor er am Mittwochabend den Zug in Bern besteigt. Später wird er ohne Umschweife sagen, für den Rückweg setze er sich ins Flugzeug.
Doch jetzt sitzt er im Zug. An Bord sind auch Schülerinnen und Nationalräte, Journalistinnen und Vertreter von Umweltorganisationen. Ausserdem fahren so viele Angestellte der SBB mit, dass die Reise manchmal wirkt wie ein Betriebsausflug der Bundesbahnen.
Lehrer auf Klassenfahrt
Es ist laut und eng und hell. Zwischen Satzfetzen und Kameraklicks sitzt Leuenberger im Bistro und spielt mit seinem Teelöffel. Er sieht aus wie ein Lehrer auf Klassenfahrt, gelassen und gut gelaunt. Langsam zieht das Land vorbei, in dem sommers die Hochwasser zunehmen, winters die dicken Schneedecken zu Schnee von gestern werden und die Skilifte auf den Wiesen aussehen wie eine vom Aussterben bedrohte Art.
Der Zug hält in Burgdorf, das Perron gleicht einer Bühne. Scheinwerfer leuchten aufs Rednerpult, Lautsprecher stehen davor. Leuenberger ballt die Hände zu Fäusten und wirkt wie ein Boxer, der gegen einen Unsichtbaren kämpft. In seiner Rede versinken Inseln, brechen Klimakriege aus, wandern Klimaflüchtlinge durch die Welt. Er sagt, die Schweiz müsste den CO2 um 40 Prozent verringern. Er sagt, der wirtschaftliche Wettbewerb spiele leider noch immer die wichtigere Rolle als die Umwelt.
«Zu viele Lippenbekenntnisse»
In einem der Zugwagen sitzen die Vertreter der Jungparteien: Lena Schneller von den Jungfreisinnigen, Simon Oberbeck von der Jungen CVP, Cédric Wermuth von den Jungsozialisten und Martin Neukom von den Jungen Grünen. Die Junge SVP schont das Klima, von ihr ist niemand anwesend.
Die Diskussion verläuft fast ohne Reibung. Wermuth: «Höhere Klimaziele sind nicht eine Frage der Machbarkeit, sondern des politischen Willens.» Oberbeck: «In der Klimapolitik gibt es zu viele Lippenbekenntnisse, auch vonseiten der Schweiz.» Neukom: «Eine Milliarde Menschen hungern. Und wir weigern uns, mehr Geld in die Umwelt zu stecken, um diese Entwicklung abzuwenden?» Plötzlich wird es still im Wagen, eine Durchsage kommt aus den Lautsprechern und kündigt den Apéro an. Bald gibt es Schinkengipfeli und Weisswein.
Vorbei an Freiburg im Breisgau, das sich als Umwelthauptstadt Deutschlands bezeichnet. Der Ausstoss von CO2 soll bis in 20 Jahren gegenüber dem Wert von 1990 um 40 Prozent verringert werden.
Politdebatte und Geschnetzeltes
In einem der Zugwagen stehen Wandtafeln und hängen Zeichnungen. Darauf haben Sekschüler geschrieben und gezeichnet, was sie denken. Slogans wie: «Mensch ohne Wandel macht Klimawandel». Und Zeichnungen wie diese: Die Schweiz unter Wasser, aus den Eidgenossen sind Pfahlbauer geworden.
Der Zug steht lange im Bahnhof Mannheim, Rauchpause im Biswind. Jenseits des Perrons liegt eine Gegend, in der sich vor kurzem Halsbandsittiche angesiedelt haben: Papageien, die aus Nordafrika und dem Mittelmeerraum stammen.
Vegetarischer Leuenberger
Im Bordbistro kommen Pfefferpasteten und Rindsgeschnetzeltes auf den Tisch. Moritz Leuenberger isst vegetarisch. Würden alle Menschen auf Fleisch verzichten, wäre der Hunger auf der Welt beseitigt, sagt er. Doch liesse sich so etwas nur umsetzen, wenn man Diktator wäre, sagt er und lacht.
Die Meinungen sind meist einhellig. Die Schweiz tue zu wenig fürs Klima, sie müsse wieder zur Vorreiterin in Europa werden. Viele Klimabemühungen scheiterten an den Freisinnigen, die sich fürchteten, von der SVP verlacht zu werden, wenn sie Umweltpositionen vertreten würden.
Fahren und Diskutieren
Die Gespräche drehen sich ums Umweltbewusstsein. Es geht um einen Gedankengang des Kulturwissenschaftlers Harald Welzer, gemäss dem man einen Soziopathen vor sich habe, wenn man das Verhalten der westlichen Länder auf einen einzelnen Menschen herunterbreche: eine Person, die sich nicht daran stört, siebzigmal mehr als andere zu verdienen und trotzdem deren Rohstoffe zu konsumieren. Eine Person, die den eigenen Kindern und Enkeln gegenüber chronisch gleichgültig ist.
Der Zug fährt durch das Bundesland Hessen, dessen grösster Stausee im Sommer mittlerweile einen so tiefen Wasserpegel hat, dass die gefluteten Gebäude wieder auftauchen. Hessen ist im letzten halben Jahrhundert deutlich trockener geworden. Schädlinge breiten sich schneller aus, Förster pflanzen mehr Mischwald an als früher, um dem Problem zu begegnen.
Gerichtshof für Klimasünder
Der Klima-Express fährt auf Hamburg zu, im Bistro ist es eng wie in einer Telefonzelle, wenn die ganze Familie drinsteht. Martin Neukom von den Jungen Grünen: «Es braucht einen Internationalen Gerichtshof für Klimasünder!» Simon Oberbeck von der jungen CVP: «Die Ökologie wird auf dem Altar der Wirtschaft geopfert!»
Vorbei an Hamburgs Hafencity, deren Häuser mit Fluttoren gegen einen steigenden Wasserspiegel gesichert sind. Vorbei an der Nordheide, wo bald Hirse aus Äthiopien angebaut werden soll, der besseren Hitzeverträglichkeit wegen. Und schliesslich durch Dänemarks karge und schöne Schneelandschaft. Brötchen, Fleisch und Kiwis zum Frühstück. Kaspar Schuler von Greenpeace schaut zum Fenster hinaus und sagt, was ihm vorschwebt: 40 Prozent CO2-Reduktion der Industrieländer bis 2020, 15 bis 30 Prozent Reduktion seitens der Entwicklungsländer. Würde Leuenberger eine solche Forderung stellen, meint Schuler, würden Zauderer in Politik und Wirtschaft endlich aufgerüttelt: «Zurzeit», sagt er, «sitzen zu viele im Bummelzug einer Schmalspurbahn, nicht in einem Klima-Express.»
Blitzgewitter zum Schluss
Der Zug hält, Leuenberger steigt aus. Es klickt, es blitzt, das Gesicht des Bundesrates ist hell ausgeleuchtet, das Lächeln wie gefroren in der Kälte Kopenhagens. Der Zug ist mit etwa einer halben Stunde Verspätung eingetroffen, Leuenberger macht sich gleich auf den Weg. Die Zeit läuft davon.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.12.2009, 04:00 Uhr
Ausland
- 23:28Muslimbrüder sind siegesgewiss
- 11:17Plant Berlusconi einen Anlauf mit neuer Partei?
- 06:36Mob wirft Steine auf Präsidentschaftskandidaten
- 06:23Unterstützte der Bieler Gymnasiast eine Terrorgruppe?
- 23.05.2012Grosser Andrang vor ägyptischen Wahllokalen
- 23.05.2012«Dieses Ungleichgewicht zerstört die Europäische Union»
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!




