Wer hat Angst vor dem bösen Wolf?

Schwedens Regierung glaubt, dass es im Land genug Wölfe gibt, um sie zu jagen. Das weckt den Zorn von Tier- und Umweltschützern.

415 Wölfe haben die Wissenschaftler letztes Jahr gezählt. Geht es nach dem Willen der Regierung, dürften in diesem Jahr 46 Tiere geschossen werden.

415 Wölfe haben die Wissenschaftler letztes Jahr gezählt. Geht es nach dem Willen der Regierung, dürften in diesem Jahr 46 Tiere geschossen werden. Bild: Olivier Morin/AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Silvesternacht, ein Wolf läuft in der Nähe von Karlstad, Westschweden, vor ein Auto. Das Tier ist schwer verletzt, die Polizei ruft einen Jäger. Der erschiesst den Wolf. Danach geht es erst richtig los; er erhält Drohungen von Wolffreunden, online und auch direkt vor seiner Haustür. An seinem Auto hängt ein Zettel: «Trau du dich zu starten.» Der Jäger informiert die Polizei, der Fall geht durch die Medien, der ­Jägerverband ist empört.

Die Wölfe, sie spalten Schweden, seit das Land im Jahr 2010 die Jagd nach festgelegten Quoten nach vielen Jahrzehnten wieder eingeführt hat. Mitte der Sechziger waren die Wölfe fast aus Schweden verschwunden, bis dahin hatte die Regierung eine Prämie auf jeden toten Wolf gezahlt. Seit 2010 also ist die schwedische Regierung der Ansicht, es seien wieder genug Wölfe im Land. Genug Wölfe, um zu jagen. Seither tobt ein erbitterter Streit, zwischen Jägern und Naturschützern, zwischen wolf­freundlichen Städtern und Landmenschen, denen die Raubtiere zu nahe rücken. Und in diesem Jahr sollen noch mehr Wölfe geschossen werden als in vergangenen Jahren.

2016 haben die Behörden 46 Wölfe zur Jagd freigegeben. Wie jedes Jahr zogen Tierschützer dagegen vor Gericht, das Verfahren dauert an. Die Wolfsjagd wurde so lange auf Eis gelegt, bis die Richter eine Entscheidung getroffen haben. Dagegen wiederum klagen die Jäger, die nicht auf die Entscheidung warten wollen, bis die Zeit für die Jagd verstrichen ist. Jagdsaison ist noch bis Mitte Februar. In zwei Provinzen wurde darauf der Jagdstopp aufgehoben.

Auch Hunde wurden gerissen

«Ganz schön kompliziert», sagt Per Mellström, ein Jäger aus Ockelbo. Er hat Anfang Januar die Jagd in seinem Revier angeleitet, bei der die Jäger sechs Wölfe geschossen haben. Zwei Wochen später ist er auf dem Weg durch die schwedische Winterlandschaft, um zu schauen, ob noch Wölfe aus dem Rudel übrig sind. Schiessen darf er sie nicht, die Quote für Ockelbo war auf sechs begrenzt. Dabei wären die Bedingungen gerade jetzt perfekt, im Neuschnee kann man die Spuren am besten erkennen.

Mellström arbeitet als Jäger für ein Forstunternehmen nahe Ockelbo, etwa 200 Kilometer nördlich von Stockholm. Den kleinen Ort kennt man in Schweden vor allem als Heimat von Prinz Daniel, Ehemann von Kronprinzessin Victoria. Bis zur Jagd war er auch das Revier eines besonders vorwitzigen Wolfrudels, das nicht nur Schafe und Elche jagte, sondern zuletzt auch zwei Hunde von einem Grundstück geholt und sogar ein schottisches Hochlandrind gerissen hat.

Besorgniserregende Wolfspolitik

In mehreren Ländern Europas wachse nun der politische Druck, Wölfe zur Jagd freizugeben, sagt Erik Gerritsen von der Umweltorganisation WWF in Brüssel, «vor allem dort, wo sie nach langer Zeit der Abwesenheit zurückkehren, wie in Frankreich». In Deutschland dagegen sei das Willkommen für den Wolf wärmer. Eine EU-Richtlinie zum Artenschutz verbietet es ohnehin in den meisten Ländern, Wölfe zu schiessen. Eine Ausnahme ist nur möglich, wenn das Land unter anderem beweisen kann, dass die Jagd den Bestand auch langfristig nicht gefährdet. Die schwedische Wolfspolitik macht der Kommission in Brüssel Sorgen, erst im Juni schickte sie einen mahnenden Brief.

Für die Jäger in Ockelbo, also auch für Per Mellström, bedeutete diese Unsicherheit vor allem eines: Zeitdruck. Sie wollten die Wölfe erwischen, bevor es sich irgendein Gericht anders überlegte. Am ersten Tag nachdem der Jagdstopp für die Provinz Gävleborg aufgehoben worden war, einem Samstag, kamen 30 von ihnen zusammen, obwohl die Bedingungen alles andere als ideal waren. Es fehlte der Schnee – und damit die Spuren. Bis Mittwoch mussten sie darauf warten, erst am Freitag hatten sie Glück und erlegten drei Wölfe.

Oscar Alarik vertritt die Gegner. «Der Wolf ist ein wichtiger Teil des schwedischen Ökosystems», sagt der Umweltrechtler des schwedischen Naturschutzvereins, einer der Organisationen, die gegen die Wolfsjagd klagen. Der Bestand in Schweden sei zu klein, zu verwundbar, so der Jurist. 2013 und 2014 konnten die Umweltschützer die Jagd sogar komplett verhindern. Sie hoffen, dass sie auch dieses Jahr recht bekommen und die restlichen Wölfe retten. Bisher sind erst 13 der 46 Quotenwölfe geschossen worden. Über den Rest entscheiden die Gerichte.

Inzucht unter den Wölfen

Die Quotenregel ist kompliziert. 415 Wölfe haben Wissenschaftler vergangenes Jahr in Schweden gezählt. Sie schätzen, dass 300 Wölfe ausreichen, um den Bestand stabil zu halten. Unter einer Bedingung: Alle fünf Jahre müsste ein Wolf aus Russland oder Finnland einwandern, um den Genpool aufzufrischen. Schwedens Wölfe leiden unter ­Inzucht, wenn nicht ab und zu ein Wolf aus dem Ausland dazustösst. Doch Umweltrechtler Alarik bezweifelt, dass sich die eingewanderten Wölfe überhaupt fortpflanzen. Viele schafften es gar nicht bis Mittelschweden, wo die Population am grössten ist. Wenn sie aus Finnland ­kommen, müssen sie durch das Sami-Gebiet im Norden. Die Sami dürfen Wölfe erschiessen, um ihre Rentiere zu schützen.

Menschen wie Alarik nennt Mellström «Wolf-Hugger», das heisst so viel wie Wolf-Kuschler. Irgendwann würden sie die Wölfe noch zu Tode kuscheln, meint er. Wenn man den Menschen nicht erlaube, «ihre Tiere, ihr Interesse an der Jagd, ihren Lebensstil zu verteidigen», würden sie irgendwann ihre eigenen Regeln machen. Das wäre das Schlimmste, sagt Mellström, auch für den Wolf.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.01.2016, 09:08 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Die Jagd ist eröffnet

Porträt Janine Egli aus Oetwil am See ist Jägerin. Nach dem ersten erlegten Tier überlegte sie sich, ob das wirklich das Richtige für sie ist. Nun möchte die 28-Jährige «Schweizer Jägerin» werden. Mehr...

Wolf und Bär reissen in drei Jahren 100 Schafe

Laut der Bündner Regierung haben sich die Herdenschutzmassnahmen bewährt: Die Zahl der von Grossraubtieren gerissenen Tieren ist zurückgegangen. Mehr...

Parlament will Wolfsschutz lockern

Bislang darf ein Wolf nur dann geschossen werden, wenn er eine gewisse Anzahl Schafe reisst oder Menschen gefährdet. Nach dem Ständerat stimmte nun auch der Nationalrat für die Lockerung dieser Regel. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Männerfreundschaft: Eine Frau spaziert in Bristol an einem Grafitti vorbei, das Donald Trump und Boris Johnson beim Küssen zeigt (24. Mai 2016).
(Bild: Getty Images) Mehr...