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Wer nicht Serbisch spricht, riskiert Prügel

Von Enver Robelli, Zagreb. Aktualisiert am 03.10.2009

In Belgrad werden Ausländer immer häufiger Opfer von brutalen Angriffen. Die Politiker haben die Rechtsextremen lange geduldet.

Gedenken an die getöteten Franzosen: Belgrader zünden Kerzen an.

Gedenken an die getöteten Franzosen: Belgrader zünden Kerzen an.
Bild: Keystone

Eine Stadt trägt Trauer. Belgrad, die Hauptstadt Serbiens. Die Fahnen wehen auf halbmast, eine Zeitung verzichtet auf bunte Bilder und ist nur schwarz-weiss erschienen, vor der französischen Botschaft zündeten Passanten Kerzen an. Und Rama Yade, Frankreichs Staatssekretärin für Sport, legt einen Blumenkranz auf dem Platz der Republik in Belgrad nieder.

Am Donnerstag protestierten Hunderte von Serben mit einem Trauermarsch gegen die Ermordung von Brice Taton. Der französische Staatsbürger war am Mittwoch in einem Spital gestorben. Zehn Tage zuvor hatten serbische Hooligans den 28-Jährigen nach einem Fussballspiel zwischen Toulouse und Partizan Belgrad überfallen und mit Eisenstangen zusammengeschlagen. Seither lag er im Koma.

Gefährliche Partystadt

Der Tod hat die proeuropäische Öffentlichkeit Serbiens in Schockstarre versetzt. Der Angriff auf den Franzosen in Belgrad ist kein Einzelfall. Innerhalb von zwei Wochen wurden in der Balkanmetropole, die sich als weltoffene Partystadt gibt, mehrere Ausländer von Ultranationalisten und Rechtsextremisten brutal verprügelt. Ein Brite wurde am Ufer der Donau angeschossen, ein Libyer erlitt schwere Kopfverletzungen, ein Australier musste nach einem Angriff in einer öffentlichen Toilette in Spitalpflege gebracht werden. Die Angriffe folgen offenbar immer demselben Muster: Die Ausländer werden von gewaltbereiten Jugendlichen zuerst auf Serbisch angesprochen. Wer in einer Fremdsprache antwortet, wird sofort attackiert.

Hinter den Angriffen vermutet die Polizei vor allem zwei ultranationalistische Gruppen: Die serbische Volksbewegung 1389 und Obraz (Ehre). Ihre Mitglieder sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Sie stehen den national-konservativen Parteien und der serbisch-orthodoxen Kirche nahe, propagieren eine slawische Bruderschaft mit Russland und schüren den Hass auf den Westen. Die Lebensläufe dieser Jugendlichen sind geprägt von Krieg, Wirtschaftsmisere und Isolation. Aggressiv in Erscheinung traten sie zuletzt im Vorfeld und nach der Unabhängigkeitserklärung Kosovos im Februar 2008. Damals hatten die Gewalttäter mehrere ausländische Botschaften in Belgrad angezündet. Damit wollten sie ihrem Ärger über die diplomatische Anerkennung Kosovos Luft machen.

Gay-Pride-Parade abgesagt

Der jüngste Ausbruch der Gewalt gegen Ausländer hat in Serbien eine heftige Debatte ausgelöst. Staatspräsident Boris Tadic versprach ein härteres Vorgehen gegen die Extremisten. Die Staatsanwaltschaft prüft ein Verbot von rechtsextremen und klerofaschistischen Organisationen. Die Aktivisten der Volksbewegung 1389 und von Obraz würden Fremdenhass und Homophobie entfachen, sagte Generalstaatsanwalt Slobodan Radovanovic.

Kürzlich mussten die Veranstalter eine Gay-Pride-Parade in Belgrad absagen, nachdem die Ultranationalisten mit Gewalt gedroht hatten. Die Polizei sei nicht in der Lage, die Sicherheit der Teilnehmer zu garantieren, teilte die Regierung mit. Die feindliche Stimmung gegen Schwule und Lesben wurde auch von der orthodoxen Kirche geschürt. Der Umzug sei eine Schande und drohe Serbien in ein Sodom und Gomorrha zu verwandeln, sagten Kirchenvertreter.

Homosexuelle seien krank

Wie in den meisten Balkanländern wird auch in Serbien Homosexualität von vielen als Krankheit betrachtet. Die bisher einzige Gay-Pride-Parade im Zentrum Belgrads endete im Jahr 2001 mit einer blutigen Hetzjagd auf Schwule und Lesben. Das serbische Parlament hat erst in diesem Frühjahr ein modernes Anti-Diskriminierungsgesetz verabschiedet. Um die Extremisten wirksam zu bekämpfen, muss das Land aber laut Experten die Geheimdienste und die Polizei radikal reformieren. Beide Institutionen pflegten seit den Balkan-Kriegen in den 90er-Jahren enge Verbindungen zum organisierten Verbrechen. Zudem haben nationalkonservative Parteien häufig mit den Rechtsextremen geliebäugelt. Im vergangenen Jahr wurde ein serbischer Student, der seinen US-Kommilitonen ins Koma geprügelt hatte, sogar im serbischen Parlament empfangen.

Die seit einem Jahr regierenden prowestlichen Demokraten bemühen sich um eine schnelle Eingliederung Serbiens in die EU. Die Gewaltwelle gegen Ausländer bringt das Kabinett jetzt aber in grosse Schwierigkeiten. Innert zweier Wochen sei es einer Gruppe von Extremisten gelungen, das ohnehin nicht glänzende Image Serbiens zu beflecken, klagt der für den Tourismus zuständige Staatssekretär Goran Petkovic.

Warnung seitens der EU

Serbien möchte bis Ende Jahr alle Bedingungen für die Visa-Liberalisierung erfüllen, damit sich seine Bürger erstmals seit dem Zerfall Jugoslawiens im Jahr 1991 frei im Schengen-Raum bewegen können. Doch EU-Justizkommissar Jacques Barrot warnte diese Woche, die Kriminalität könnte die Integration der Balkanländer in die EU gefährden.

Allein im letzten Jahr seien über Südosteuropa rund 100 Tonnen Heroin im Wert von knapp einer halben Milliarde Euro nach Westeuropa geschmuggelt worden, sagte Barrot. In den nächsten Wochen will die EU die Fortschritte in Serbien genau unter die Lupe nehmen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2009, 04:00 Uhr

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