«Wer sagt, was er denkt, riskiert alles»

Schanna Nemzowa, die Tochter des ermordeten russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzow, erhebt schwere Vorwürfe gegen den Kreml und Präsident Putin.

Schanna Nemzowa, auf dem Bild zu Gast in einer deutschen Talkshow, will den Kampf ihres Vaters weiterführen. Foto: Keystone

Schanna Nemzowa, auf dem Bild zu Gast in einer deutschen Talkshow, will den Kampf ihres Vaters weiterführen. Foto: Keystone

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Wie ist der Stand der Ermittlungen zum Mord Ihres Vaters?
Die Spuren weisen im Moment nach Tschetschenien. Wohin sie letztendlich genau führen werden, ist im Moment noch schwer zu sagen. Die Ermittlungen sind in eine Sackgasse geraten, sie laufen äusserst langsam, bisher wurden nur die Vollstrecker gefasst und befragt. Mir wurde im Ermittlungskomitee oft gesagt, es sei sehr schlecht, dass ich Journalistin sei. Weil ich zu viele Fragen stelle. Etwa die Frage, warum nicht alle Überwachungskameras zum Zeitpunkt des Mords funktionierten.

Sie haben sich unbeliebt gemacht. War das der Grund für Sie, Russland zu verlassen?
Ich hatte das nicht vor, ich mag meine Heimat, aber im Moment ist es für mich gefährlich, dort zu leben. Andersdenkende werden verfolgt – Menschen, die Putin und seine Regierung kritisieren. Die Menschen stehen vor der Wahl: Entweder man hält den Mund, dann passiert einem nichts, oder man sagt, was man denkt, und riskiert alles. Ich habe mich nach dem Tod meines Vaters entschieden. Für das, was mir mein Gewissen befohlen hat. Am meisten hat den Kreml mein Satz aufgebracht, dass Putin persönlich die politische Verantwortung für den Mord an meinem Vater trage.

Gab es Konsequenzen?
Der Kreml forderte vom Eigentümer des Fernsehsenders RBK, bei dem ich als Journalistin arbeitete, mich zu entlassen. Der Eigentümer und die Manager des Kanals haben das erfreulicherweise nicht getan. Aber die Gefahr einer Kündigung blieb. Der bin ich zuvorgekommen, indem ich selbst kündigte.

«Ich hörte oft, es sei schlecht, dass ich Journalistin sei.»

Gab es konkreten Druck?
Ja. Die Machthaber haben mich über Mittelsmänner aufgefordert, mich von meinem Anwalt zu trennen, der meine Interessen als Geschädigte im Ermittlungsverfahren vertritt. Weil er den Tschetschenen-Präsidenten Kadyrow als Zeugen vernehmen lassen will, was die Justizbehörden ablehnen. Der mutmassliche Mörder und die mutmasslichen Organisatoren waren gut bekannt mit Kadyrow, das hat dieser auch mehrmals öffentlich gesagt; sie befanden sich unter dem Befehl Kadyrows. Der zweite Grund für den Druck auf mich ist, dass mein Anwalt eine internationale Kontrolle über die Ermittlungen fordert, weil sie in eine Sackgasse geraten sind. Ausserdem liess man mir ausrichten, man sehe es nicht gerne, dass so viel in den Medien über die Ermittlungen im Mordfall Nemzow berichtet werde.

Wer überbrachte Ihnen diese Botschaft? Und wie?
All das wurde mir ganz offen und schriftlich über einen Mann mitgeteilt, den ich als Mittelsmann bezeichnen würde. Ich habe alle Gründe, das so zu verstehen. Man hat mir auch mitgeteilt, ich solle mir einen anderen Anwalt nehmen. Einen, der den Machthabern passt.

Wie haben Sie reagiert?
Ich habe kategorisch Nein gesagt. Ich stehe fest hinter der Position meines Anwalts, der viele Jahre lang meinen Vater vertrat und nach eigenem Bekenntnis dessen Gesinnungsgenosse war. Und ich will, dass die Medien berichten. Das ist eine der wenigen Möglichkeiten, dieses System zu zwingen, wenigstens irgend­etwas zu tun. Der Druck auf mich zeigt: Die Machthaber mischen sich in die Ermittlungen ein. Sie wollen, dass die Tat nicht aufgeklärt wird. Nicht einmal teilweise. Weil ich dafür kämpfe, sehen sie mich als Gefahr. Sie wollen de facto, dass ich aufhöre, um die Aufklärung des Mords an meinem Vater zu kämpfen. Das ist enorm zynisch.

«Es wäre schwierig, immer mit Angst zu leben.»

Haben Sie Angst?
Ich glaube, mein Nein hat den Machthabern nicht gefallen. Man hat mir ausrichten lassen, dass man meine Haltung «sehr bedauere». Aber Angst habe ich nicht. Es wäre schwierig, immer mit Angst zu leben. Allerdings nehme ich das alles sehr ernst. Ich lebe jetzt im Ausland, vor allem in Deutschland.

Werden Sie nach Russland zurückkehren?
Die staatlichen Propagandamedien schüren Hass und Aggression. Die Gewalt kann aus dem Ruder laufen. Den letzten Anstoss gab das Schicksal des Journalisten Wladimir Kara-Mursa. Er wurde aller Wahrscheinlichkeit nach vergiftet. Er war ein enger Freund und Weggefährte meines Vaters und auch von mir. Dieser Mordversuch hat mir vor Augen geführt: Was in Russland passiert, ist schrecklich. Aus dem Ausland kann ich mehr für meine Heimat tun als im Land selbst. Ich werde erst zurückkommen, wenn Russland ein Rechtsstaat wird. Unter Putin ist das unmöglich.

Warum?
Er lässt sich gerne «nationaler Führer» nennen. Eigentlich müsste der Präsident Garant der Verfassung sein. Aber niemand würde Putin heute so nennen. Denn er verletzt beinahe alle Prinzipien unserer Verfassung.

«Putin verletzt beinahe alle Prinzipien unserer Verfassung.»

Wann rechnen Sie mit Ihrer Rückkehr, also damit, dass Russland ein Rechtsstaat wird?
Ich erwarte keinen schnellen Wandel. Aber je länger ein Diktator an der Macht ist, umso grösser ist die Gefahr einer blutigen Revolution, eines Bürgerkriegs. Deshalb ist Demokratie so wichtig: weil sie einen friedlichen Machtwechsel ermöglicht. Je länger Putin an der Macht bleibt, je stärker er die Daumenschrauben anzieht, umso schwerer vorhersehbar wird die Lage in Russland werden.

Auf der Kreml-Bücke, auf der Ihr Vater erschossen worden war, entstand ein spontanes Denkmal aus Blumen und Porträts. Es ist mehrmals geschändet worden. Welche Gefühle löst das bei Ihnen aus?
Für mich persönlich ist das sehr unangenehm. Aber das ist ein politischer Kampf. Die Unzufriedenen in Russland sind in die Ecke getrieben. Sie haben keine Möglichkeit, ihre Meinung kundzutun, weder in den Medien noch an ­Demonstrationen. Die Brücke wurde zu einem Symbol. Das gefällt den Machthabern nicht, und das ist auch der Grund, warum sie die Schändungen in Auftrag geben oder zumindest dulden. Inzwischen bewachen Freiwillige die Brücke. Sie ist ein Symbol geworden für den Widerstand gegen Putin.

Ist Putin nicht viel zu populär, als dass er Angst haben müsste vor seinen Gegnern?
Totalitäre Systeme sind sehr instabil, selbst dann, wenn sie grosse Unterstützung der Bevölkerung haben. Die Führung versteht, dass diese Unterstützung auf kurzfristigen Stimmungen basiert, dass sie auf tönernen Füssen steht, denn die Wirtschaft ist in der Krise, das Land wird immer isolierter.

«Wir wollen einmal im Jahr eine Nemzow-Prämie verleihen.»

Welche Pläne haben Sie für Ihr Leben im Exil?
Ich werde eine Stiftung gründen, die den Namen meines Vaters trägt. Sie wird sich für das einsetzen, wofür er stand, für seine Ideale. Wir wollen einmal im Jahr eine Nemzow-Prämie verleihen. Für Menschen, die den Mut haben, ihre Meinung zu sagen. Daneben soll es zahlreiche andere Projekte geben. Für mich ist es ganz wichtig, die Arbeit meines Vaters fortzusetzen. Das verlängert sein Leben. Über seinen Tod hinaus.

Sie werden im August den hoch dotierten Solidarnosc-Preis in Warschau erhalten. Was planen Sie mit dem Preisgeld in Höhe von 250'000 Euro?
Ich werde alles für die Nemzow-Stiftung spenden. Der Preis wurde mir wahrscheinlich dafür verliehen, dass ich den Mut habe, meine Meinung offen zu sagen. So weit sind wir schon, dass es nur noch so wenige Russen gibt, die sich trauen, ihre Meinung auszusprechen, dass sie dafür schon in anderen Ländern Preise für ihren Mut bekommen.

Als eine Ihrer Hauptaufgaben sehen Sie den Kampf gegen die russische Propaganda. Wie soll der aussehen?
Putins Propaganda schürt Hass und Gewalt. Sie tötet. Das ist ein Verbrechen. Zumindest die Hauptverantwortlichen für diese Hasspropaganda sollten ein Einreiseverbot im Westen bekommen. Sie alle stehen auf einer Liste, die wir veröffentlicht haben.

«Sie haben aus meinem Vater einen Nicht-Menschen gemacht.»

Darunter sind auch Journalisten. Das könnte als Eingriff gegen die Meinungsfreiheit gewertet werden.
Das sind keine Journalisten, das sind Propagandisten, die sich verbrecherischer Methoden bedienen. Die Grenze der Pressefreiheit ist da, wo die Presse zum Mord aufruft. Der Mord an meinem Vater ist auch ein Resultat der Hasspropaganda und Hetze. Sie haben aus meinem Vater einen Nicht-Menschen gemacht, den man töten kann. Sehr viele Menschen haben bis heute kein Mitgefühl mit meinem Vater. Sie sehen den Mord gleichgültig. Weil sie meinen Vater für einen Verräter halten. Das ist eine inhumane Gesellschaft.

Welche Rolle spielen da die Gerichte?
Es gibt keine unabhängigen Gerichte mehr in Russland. Sie sind Befehlsempfänger des Regimes. Russland entfernt sich immer weiter weg von einem Rechtsstaat – ganz gleich, was in unserer Verfassung steht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.07.2015, 23:05 Uhr

Kooperation

Schanna Nemzowa

Die 31-jährige Journalistin ist die Tochter des russischen Oppositionspolitikers und Kritikers des russischen Präsidenten Wladimir Putin, Boris Nemzow, der Ende Februar in der Nähe des Kremls auf offener Strasse erschossen wurde. Schanna Nemzowa hat Russland diesen Monat wegen Drohungen und aus Angst vor Repressalien verlassen. Anfang August beginnt Nemzowa, die bisher beim russischen Fernsehsender RBK arbeitete, bei der Deutschen Welle in Bonn
als Reporterin. (TA)

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