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Wie ein paar Insulaner Londoner Milliardären trotzten

Von Peter Nonnenmacher, London. Aktualisiert am 16.12.2008 6 Kommentare

Das letzte Feudalsystem Europas, ein Inselchen im Ärmelkanal, vollzieht nach 450 Jahren den Schritt in eine demokratische Zukunft – und lernt den Kapitalismus kennen.

Das grösste Kapital der Insel Sark ist die Schönheit der Natur.

Das grösste Kapital der Insel Sark ist die Schönheit der Natur.

Eigentlich hatten die Bürger der britischen Kanalinsel Sark ja vorgehabt, die Sektkorken knallen lassen zu diesem für sie (und für ganz Europa) historischen Ereignis. Immerhin hatten sie sich als letzte auf dem Kontinent in den Kreis der demokratischen Völker eingereiht. Mit den ersten allgemeinen Wahlen in ihrer fast 450-jährigen Geschichte beendeten sie am 10. Dezember die Ära der Feudalherrschaft. Auch auf Sark wird künftig eine parlamentarische Versammlung und nicht mehr die Zusammenkunft des angestammten Fürsten mit einem überwiegend ungewählten Rat aus Grundbesitzern das Sagen haben.

Die Freude aber hielt nicht lange an. Denn zwei steinreichen auswärtigen Grundbesitzern und Sark-Investoren gefiel nicht, wie die Bewohner der kleinen Insel gestimmt hatten. Die Brüder Barclay, zwei der wohlhabendsten Bankiers und Unternehmer Grossbritanniens, denen unter anderem das Ritz-Hotel in London und die Tageszeitung «The Daily Telegraph» gehört, verübelten den Sarkern, dass sie bei ihrer demokratischen Premiere «nicht die richtigen Kandidaten» gewählt hatten, die den Barclays weiteren Einfluss auf Sark hatten sichern sollen.

Sie drehten prompt den Geldhahn ab, verhängten einen Baustopp und ordneten die sofortige Schliessung all ihrer Hotels, Restaurants, zahlreichen Läden und sonstigen Einrichtungen an – die einen Grossteil der Infrastruktur in Sark ausmachen. Die Sarker hätten sich gegen den Fortschritt und vor allem gegen die Barclays entschieden, liessen die Zwillinge verlauten. Unter solchen Umständen mache es «keinen Sinn», dass sie die undankbaren Insulaner weiter mit einem warmen Millionenregen beglückten. Der Insel mit ihren gerade mal 600 Seelen droht nun der Verlust von 140 Arbeitsplätzen: Das bisschen Handel und Tourismus, mit dem sich Sark wirtschaftlich über Wasser hält, wird so über Nacht radikal reduziert.

Den Zorn der reichen Herren aus London zogen sich die Neuwähler Sarks zu, weil sie an ihren ureigenen Traditionen hängen und sich eine Welt erhalten wollen, in der es gemächlich zugeht, die bis heute ohne Autos auskommt und auch keinen Flughafen hat. Pläne der Barclays, Sark in die Moderne zu katapultieren, die Insel umzumodeln und zum Beispiel einen Helikopter-Landeplatz anzulegen, missfielen den Eingeborenen.

Permanenter Druck der Brüder, über Mittelsmänner und ein von ihnen finanziertes Kampagnenblättchen, verstärkten den Trotz, statt ihn abzubauen. Als «feudale Talibanisten» mochten sich die Bürger Sarks von den Barclays nicht beschimpfen lassen. Sie verdächtigten die Brüder, die sich auf einem Felsenriff in der Nachbarschaft in einer Burg eingenistet hatten, eines Plans zur sukzessiven Übernahme Sarks, einer Aushöhlung der gerade erst geschaffenen Demokratie auf der Insel. Mit den Barclays, murrten sie, blieben ihnen nach 450 Jahren Feudalherrschaft nicht mal fünf Minuten Selbstbestimmung.

Also stimmten sie gegen die Kandidaten, die die Milliardäre für die neue 28-köpfige Volkskammer ins Feld führten – und wählten stattdessen die alte, ihnen vertraute Garde, die «feudalen Talibanisten», zu ihren Abgeordneten. Kuriose Folge dieser Wahl ist unter anderem, dass nun der 80-jährige Fürst der Insel, der Seigneur Michael Beaumont, weiter im Herrenhaus residieren darf, wo viele Fäden Sarks zusammenlaufen. Der freundliche Kleinpatriarch der Insel, ein Spross der alten Lehnsherren auf Sark und selbst seit 1974 im Amt, steht nun zwar unter demokratischer Kontrolle. Seinen Ex-Untertanen ist er aber als Fähnleinführer in die Zukunft lieber als die «Finsterlinge» aus London, die den Sarkern einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit andienten.

Wie Truthähne vor Weihnachten

Für Sir David und Sir Frederick Barclay ist die Sache indes sonnenklar. Wenn sich die Bewohner ihres Investment-Inselchens nicht noch in letzter Minute entschliessen, ihnen als Grossinvestoren Ehrenplätze in den entscheidenden Ausschüssen einzuräumen, dann kann Sark bleiben, wo der Pfeffer wächst: Auf die Frage, ob denn Truthähne, wenn sie die Wahl hätten, für Weihnachten stimmen würden, habe man ja in Sark eine klare Antwort gegeben.

Oberstleutnant Reg Guille, der Richter der Insel, beharrt indes darauf, dass auf Sark «ein äusserst unabhängiger Menschenschlag» lebe, der sich «nicht leicht einschüchtern lässt». Die Barclays seien es doch gewesen, «die diese ganze Demokratie-Geschichte losgetreten haben», meint Diana Beaumont, die Frau des Seigneurs. «Nun mögen sies nicht mehr, weil sie verloren haben.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.12.2008, 07:59 Uhr

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6 Kommentare

fritz aufdermauer

16.12.2008, 03:36 Uhr
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gehen wir, wie in Frankreich 1798, entgegen..........eine komplette Umwaelzung der Sozialstrukturen, warum nicht, wenn der Funke einmal gezuendet hat, dann brennt es lichterloh........hoffe, dass Athen als Vorbild gilt und in der Folge ueberall umgesetzt wird. Antworten


Bänz Bucher

16.12.2008, 03:17 Uhr
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Schön, dass Sie diesen Bericht bringen. Es tut im ganzen Finanzdebakelrummel direkt wohl, von einem - wenn auch noch so geringen - Völklein zu lesen, das seine Knie vor dem Barcley-Mammon nicht beugt. S. Studer sieht's schon richtig, meine Sympathien siedeln sich - mit Seitenblick auf das stetige Machtgehabe der EU - gleichenorts an. Mögen sich unsere CH-Polit-Lenker ein Scheibchen abschneiden. Antworten



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