Wiens liebster Antisemit
Von Bernhard Odehnal. Aktualisiert am 10.03.2010
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Michael Häupl ist für seine launischen, oft bissigen Kommentare bekannt. Doch zu diesem Thema verweigert der Wiener Bürgermeister das Interview. Auch seine Sozialdemokratische Partei (SPÖ) bleibt stumm, ebenso wie die rechtspopulistische FPÖ, die sonst jede kommunalpolitische Frage kommentiert. Fällt der Name «Karl Lueger», senkt sich bleiernes Schweigen über die Parteizentralen. Es ist, als wollte sich niemand die Finger verbrennen an dieser Figur, die sie einst den «Herrgott der Wiener» nannten. Der ehemalige Bürgermeister, Begründer der christlichsozialen Partei und des politischen Antisemitismus starb vor genau 100 Jahren, am 10. März 1910. Und doch «tut uns Lueger noch heute weh», sagt die Historikerin Heidemarie Uhl.
In der Stadt ist Lueger heute noch wie keine andere historische Persönlichkeit präsent. Nach ihm sind eine Kirche, eine Brücke, ein Platz und ein Teil der Ringstrasse, des Prachtboulevards rund um die Wiener Innenstadt, benannt. Und es gibt ein monumentales Denkmal an der Ringstrasse – einen überlebensgrossen Lueger aus Bronze, der beide Hände aufs Herz gelegt hat und vom Steinsockel aus ernst über seine Wienerstadt blickt.
Die Juden als Krankheit
Martin Krenn muss jeden Tag auf seinem Weg zur Arbeit am bronzenen Lueger vorbei. Und wenn der Lehrer an der Universität für angewandte Künste zum «Herrgott von Wien» hochblickt, kann er nichts Erhabenes entdecken. Krenn denkt dann eher an die unzähligen Reden Luegers, in denen der aufstrebende Populist die Juden zu einer Krankheit und zur Gefahr für das katholische Österreich stempelte. Dass Lueger mit einem monumentalen Denkmal geehrt werde, sei «heute nicht mehr haltbar», meint Krenn. Im Herbst gründete er deshalb eine Arbeitsgruppe und schrieb einen internationalen Wettbewerb zum Umbau des Denkmals zu einem «Mahnmal gegen Antisemitismus und Rassismus» aus. Bis Ende März können entsprechende Vorschläge eingereicht werden (http://luegerplatz.com); eine prominent besetzte Jury wird die Arbeiten bewerten. Er wolle das Denkmal nicht abreissen, sagt Krenn, sondern die Stadt zu einem anderen Umgang mit der eigenen Geschichte bewegen: «Der moderne Rechtspopulismus in Europa beginnt bei Karl Lueger. Wien muss sich damit endlich auseinandersetzen.»
Politische Unterstützung für die Neubewertung der Geschichte kommt lediglich von den Grünen. Die rechtspopulistische FPÖ lehnt jede Veränderung des Denkmals empört ab, die konservative ÖVP kann sich zwar eine Tafel mit zusätzlichen Informationen vorstellen, aber nur «wenn wir auch die Schattenseiten anderer Persönlichkeiten darstellen», so der Wiener Fraktionschef Matthias Tschirf. Für die Konservativen ist Lueger primär der Einiger des christlich-sozialen Lagers und «ein grosser Bürgermeister, der Wien in die Moderne führte», sagt Tschirf: «Aber es gibt auch Aspekte Luegers, die wir heute ablehnen.»
Ein begnadeter Redner
Auf einen einzigen Punkt können sich Gegner und Anhänger Luegers einigen: dass der 1844 geborene Wiener ein begnadeter Redner war, politisches Talent und Gespür für das Volk wie kein Zweiter besass. Und dass er aus Wien eine moderne Weltstadt machte, die von seinen Neuerungen noch heute profitiert. Lueger verstaatlichte die privaten Tramunternehmen, Elektrizitäts- und Gaswerke (erst die Sozialdemokraten wandelten 1999 diese städtischen Unternehmen wieder in Aktiengesellschaften um); er liess Spitäler und Altersheime bauen und riesige Grünanlagen unter Schutz stellen. Dabei vergass er nie, sich und seine Leistungen ins rechte Licht zu rücken und an jedem neuen Gebäude eine Marmortafel anbringen zu lassen mit der Inschrift: «Erbaut unter Dr. Karl Lueger». Nach 1918 übernahmen Wiens Sozialisten diese Selbstdarstellung ebenso wie die Parteibuchwirtschaft und die allumfassende Kontrolle über den riesigen Wiener Beamtenapparat. Die Roten hassten Lueger, aber sie waren gelehrige Schüler. Der im vergangenen Jahr verstorbene rote Bürgermeister Helmut Zilk wurde einmal als «Lueger ohne Antisemitismus» bezeichnet.
Lob für Lueger in «Mein Kampf»
Für Lueger aber war Antisemitismus das politische Programm, mit dem er kleine Handwerker und katholische Bürgerliche vereinigen und aus christlich-sozialen Splittergruppen eine Massenpartei machen konnte. Mit «Der Jud’ ist schuld» konnte er alles erklären und alles entschuldigen. Gleichzeitig hielt der pragmatische Bürgermeister aber den Kontakt zum jüdischen Grossbürgertum. Bis heute zitieren die Wiener den ihm zugeschriebenen Spruch «Wer ein Jud’ ist, bestimme ich». Vom Antisemitismus in Luegers Wien wurde auch der junge, erfolglose Maler Adolf Hitler geprägt. In «Mein Kampf» schwärmt Hitler seitenlang vom «genialen Bürgermeister». Luegers Parolen tauchen heute wieder in rechtspopulistischen Hetzkampagnen auf: «Wien darf nicht Istanbul werden», forderte die FPÖ im vergangenen Wahlkampf. Um 1900 hiess es noch: «Gross-Wien darf nicht GrossJerusalem werden.»
Der «schöne Karl»
Ähnlich wie Jörg Haider in Kärnten wurde Karl Lueger in Wien wie ein Heiliger verehrt, allerdings schon vor seinem Tod. Das Bild des «schönen Karl», der ein Schwarm der Frauen war, aber stets ledig blieb, zierte Teller, Tassen, Wandteppiche. Das Lied «Der Doktor Lueger hat mir einmal die Hand gereicht» wurde zum beliebten Schlager und Luegers Begräbnis zum grössten Trauerzug, den die Stadt je erlebt hatte. Danach wagten auch die roten Stadtverwaltungen nicht, am Mythos des «Herrgotts» zu kratzen. Und sie wagen es bis heute nicht.
Dass die Wiener Universität die Adresse «Dr.-Karl-Lueger-Ring 1» hat, ist für Martin Krenn eine «Schande – und das wissen alle». Initiativen zur Umbenennung gab es immer wieder: Statt nach einem Antisemiten, so ein Vorschlag, solle dieser wichtige Teil der Ringstrasse nach Sigmund Freud benannt werden. Doch die Stadtregierung sagt kategorisch Nein. Die Historikerin Uhl glaubt, dass die Umbenennung gesellschaftlich schwer durchzusetzen sei. Sie sieht sogar gegenläufige Tendenzen: Die Wiener würden sich heute wieder mehr mit Lueger identifizieren. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.03.2010, 07:51 Uhr
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