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Wieso darf Athen nicht pleitegehen? Und was hat die Schweiz davon?

Von Philipp Löpfe, Robert Mayer, Judith Wittwer und Alain Zucker. Aktualisiert am 30.04.2010 18 Kommentare

10 Fragen und 10 Antworten zur Krise in Griechenland und dem europäischen Schuldendebakel.

Die Verschuldung ausgewählter EU-Staaten – Grafik vergrössern

1. Was haben die Griechen falsch gemacht?

Die Euroländer sind als eine Art Gentleman's Club konzipiert. Will heissen: Die Mitglieder halten sich an die Klub-Regeln, die sogenannten Maastricht-Kriterien. Diese legen fest, dass die jährliche Neuverschuldung 3 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) nicht überschreiten darf und die Gesamtverschuldung unter 60 Prozent des BIP liegen muss. Als Gegenleistung verspricht der Klub seinen Mitgliedern tiefe Zinsen für Staatsanleihen – also tiefe Schuldzinsen–, eine stabile Währung und Schutz vor Währungsspekulanten. Die Griechen haben sich nicht an diese Regeln gehalten. Sie haben bei den Zahlen geschummelt und die Vorteile von Euroland ausgenützt. Während bei den anderen Euroländern der Grossteil der Staatsschulden von den eigenen Bürgern geschultert wird, sind 90 Prozent der griechischen Schulden in den Händen von Ausländern. Weil die Griechen sich so gar nicht wie Gentlemen verhalten haben, tun sich andere Mitglieder von Euroland heute schwer, das ungeschriebene oberste Gebot des Klubs einzuhalten: Sich in der Not zu helfen.

2. Wieso lässt man Griechenland nicht pleitegehen?

Ein Staatsbankrott Griechenlands hätte mindestens so verheerende Auswirkungen auf das globale Finanzsystem wie der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008. Dieser sogenannte Default tritt offiziell ein, wenn ein Staat die Zahlung von Zinsen oder die Rückzahlung von Schulden nicht fristgemäss leistet. So weit kommt es aber nur selten. Vielmehr suchen finanziell bedrängte Staaten zuvor meist das Gespräch mit ihren Gläubigern, um die Schuldenlast zu verringern. Im Falle einer griechischen Pleite würde sicherlich der griechische Bankensektor kollabieren, der etwa 40 Milliarden Euro in Staatsanleihen investiert hat. Stark engagiert sind aber auch deutsche und französische Institute – etliche von ihnen müssten wohl erneut mit Steuergeldern gestützt werden. Am Schlimmsten wäre aber, dass die Anleger Staatsanleihen anderer Defizitländer wie Portugal, Spanien oder Italien panikartig abstossen würden und diese Staaten in Finanzierungsnöte gerieten.

3. Andere Euroländer sind bereits unter Druck. Erfasst sie jetzt die Griechenland-Krise?

Am Dienstag stufte die Ratingagentur Standard & Poor's nach Griechenland auch die Kreditwürdigkeit von Portugal herab. Am Mittwoch war dann Spanien dran. Eine solche Senkung der Bonität lässt die Zinskosten für Staatsanleihen ansteigen, und die Ökonomen warnen vor Kettenreaktionen. Rund die Hälfte der Euroländer sind stärker verschuldet, als es die Maastricht-Kriterien vorsehen. Tief im Schlamassel stecken neben Griechenland auch Portugal, Italien, Irland und Spanien, die nach ihren Anfangsbuchstaben auch unter dem herablassenden Begriff Pi(i)gs zusammengefasst werden, dem englischen Ausdruck für Schweine. Die Wirtschaftskrise hat ihre Defizite in die Höhe schiessen lassen. Und weil ihre Wirtschaft nicht sehr konkurrenzfähig ist, trauen ihnen die Investoren nicht zu, dass sie ihre Schulden durch eigenes Wachstum abzahlen können.

4. Droht ein neuer Einbruch der Weltwirtschaft?

Ausdruck der gestiegenen Angst ist, dass die Börsen diese Woche mit Verlusten reagiert haben. Trotzdem ist die Gefahr viel kleiner als während der Finanzkrise. Die Abschlüsse der grossen Firmen waren in den vergangenen Wochen gut, die amerikanische Wirtschaft wächst wieder, und die Regierungen haben aus dem Zusammenbruch von Lehman Brothers gelernt. Sie werden alles tun, um einen Kollaps Griechenlands abzuwenden. Das grösste Risiko liegt in der Psychologie, also einer Massenangst vor Staatsbankrotten. Verlieren mehrere grosse Länder gleichzeitig das Vertrauen der Investoren und können sich nicht mehr mit Krediten eindecken (was das Misstrauen weiter rechtfertigt, usw.), wird der Hilfsbedarf möglicherweise nicht mehr bezahlbar.

5. Wie wird ein Staat seine Schulden wieder los?

Wenn der verantwortungsvolle Familienvater Franz Müller Schulden hat, spart er. Das ist vernünftig und ökonomisch gesehen unbedenklich, denn das Verhalten der Müllers hat keinen Einfluss auf die gesamte Volkswirtschaft. Versucht hingegen ein Staat seine Schulden wegzusparen, ist das ein Balanceakt. Natürlich ist es richtig, wenn er eine aufgeblähte Bürokratie wie die griechische abbaut. Doch er kann durch unerbittliches Sparen seine Lage auch verschlimmern. Warum? In modernen Staaten liegt der Anteil des Staates zwischen 40 und 60 Prozent des BIP. Wenn er spart, hat dies einen grossen Einfluss auf die Volkswirtschaft: Arbeitsplätze verschwinden, seine Einnahmen (Steuern) sinken, seine Ausgaben (Sozialhilfe) steigen. Ein Staat kann deshalb seine Schulden nicht wie die Müllers wegsparen, er muss auch aus seinen Schulden herauswachsen. Statt kopflos zu sparen, sollte er intelligent investieren.

6. Was kostet die Rettung Griechenlands, und wer soll sie bezahlen?

Das ist die grosse politische Streitfrage, vor allem in Deutschland. Bis Ende Jahr liegt der Bedarf bei mindestens 45 Milliarden, je nach Zinsbedingungen. Die gesamte Verschuldung beläuft sich auf 300 Milliarden. Den grössten Teil der Finanzhilfen für Griechenland bringen sicher die Steuerzahler der Eurostaaten auf. Eine andere Tranche wird der Internationale Währungsfonds übernehmen, dessen Mittel von seinen über 180 Mitgliedsländern stammen, wobei die USA und Europa die höchsten Beiträge leisten. Nun kommt die Forderung, die privaten Gläubiger Griechenlands, allen voran die Banken, sollten auch auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Viele Experten gehen inzwischen von einem solchen Szenario aus, warnen aber vor neuen Schieflagen gewisser Banken.

7. Wieso geben sich die Deutschen so hart?

Lange war Deutschland der Zahlmeister der EU, denn in den 50er-Jahren wurde das Land zur europäischen Konjunkturlokomotive. Wegen des Zweiten Weltkriegs fühlten sich die Deutschen zudem der europäischen Einheit besonders verpflichtet. In den 90er-Jahren wurde die Finanzierung der Wiedervereinigung jedoch zur grossen Belastung ihrer Wirtschaft. Der deutsche Mittelstand fühlt sich gebeutelt von all der Hilfe für andere, auch weil sein Einkommen inflationsbereinigt gesunken ist, während die Euroländer am Mittelmeer Schulden anhäuften. Dafür wollen die Deutschen nicht auch noch geradestehen.

8. Was bedeutet die griechische Tragödie für den Euro?

Der Euro steckt in der schwersten Vertrauenskrise seit seiner Lancierung 1999. Griechenland zeigt, dass der institutionelle Rahmen für die Gemeinschaftswährung – der Vertrag von Maastricht und der Stabilitätspakt – nicht ausreicht, um die Eurostaaten auf eine disziplinierte Finanzpolitik zu verpflichten. Wenig vertrauensfördernd war zudem das bisherige Krisenmanagement der EU: Nicht nur fehlt die Koordination zwischen den Ländern und der Kommission, sondern auch das Verständnis für die Mechanismen der Finanzmärkte. Der Euro wird besonders für Grossinvestoren mit hohen Sicherheitsvorgaben an Attraktivität verlieren – was sich diese Woche in neuen Tiefstständen gegenüber dem Dollar zeigte. Grundsätzlich ist die europäische Gemeinschaftswährung im Moment aber nicht in Gefahr – Kernländer wie Deutschland und Frankreich stehen geschlossen hinter der Währung.

9. Sollte Griechenland den Euro verlassen?

Ein verlockendes Szenario: Die Griechen führen eine neue Währung ein, die sofort an Wert verlieren und den dadurch verbilligten griechischen Exporten zu neuem Schwung verhelfen würde. Das Problem: Erstens würden Athens Schulden, die in Euro aufgenommen wurden, viel teurer, zweitens fänden die Griechen keine neuen Gläubiger, drittens könnte dies dazu führen, dass die Eurozone implodierte. Die Spekulationen darüber, wer als Nächstes aussteigt, würden rasch beginnen.

10. Wieso kann die griechische Krise den Schweizern nicht egal sein?

Kürzlich schreckte der «Economist» die Schweizer auf. Das Wirtschaftsmagazin meldete griechische Staatsschulden von mehr als 60 Milliarden Franken auf Schweizer Banken. Die Schweizerische Nationalbank gab sofort Entwarnung: Der grösste Teil davon war in den Büchern einer griechischen Bank in Genf, die ihr Domizil inzwischen nach Luxemburg verlegt hat. Für unser Bankensystem stellt die griechische Krise keine Gefahr dar. Auch Pensionskassen sind nicht gross betroffen. Ist für die Schweiz somit alles in Ordnung? Nicht ganz. Die Schulden Hellas' haben den Franken gestärkt. Das sorgt für hektische Aktivitäten der Nationalbank. Sie versucht mit Interventionen auf den Devisenmärkten, dieses Problem zu begrenzen. Dafür hat sie gute Gründe: Wird der Franken gegenüber dem Euro stärker, verteuern sich die Schweizer Exporte in den wichtigsten Märkten. Gleichzeitig werden die Produkte der wichtigsten Konkurrenten billiger. So kann unsere Wirtschaft sehr schnell zu Schaden kommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.04.2010, 22:26 Uhr

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18 Kommentare

Hans Zock

30.04.2010, 10:27 Uhr
Melden

Als vor Jahren Argentinien kollabierte, hat auch kein Hahn danach geschrien. Also, lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Solche Staaten gehören ganz einfach nicht in den Euroraum. Bei der griechischen Mentalität ist jede Hilfe von aussen zum Scheitern verurteilt. Antworten


Anton Keller

30.04.2010, 10:28 Uhr
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Wetten, dass unser Bundesrat Merz bald auch ein paar Milliarden Hilfe zusagen wird. Antworten



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