Ausland
«Wikileaks stilisiert sich zu einem Popkultur-Phänomen empor»
Von David Nauer, Berlin. Aktualisiert am 01.12.2010 7 Kommentare
Daniel Domscheit-Berg
Der deutsche Informatiker hat drei Jahre bei Wikileaks mitgearbeitet, zeitweise als Mediensprecher. Im vergangenen Sep-tember verliess er das Projekt im Streit.
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Herr Domscheit-Berg, was halten Sie von den jüngsten Enthüllungen?
Natürlich birgt die Veröffentlichung der US-Depeschen eine ganze Menge Sprengstoff. Auf der anderen Seite sind die USA überall auf der Welt aussenpolitisch involviert. Die Öffentlichkeit muss überprüfen können, ob die US-Diplomatie wirklich diejenigen Ziele verfolgt, die sie vorgibt.
Hätten Sie das Material auch veröffentlicht?
Ich glaube, dass die Dokumente veröffentlicht gehören. Die Frage ist, wie man vorgeht. Die derzeitige Salamitaktik stört mich.
Warum?
Es sind ja nur wenige Dokumente pro Tag, die ans Licht kommen. So kreiert man eher ein Drama, als dass man über Fakten redet. Ich bin auch sehr erstaunt, wie das in Deutschland in der Presse erschienen ist. Der «Spiegel» hat mit Aussagen getitelt, in denen es nur darum ging, wer was über wen gesagt hat. Da fährt man Persönlichkeiten an den Karren, mehr nicht. Ich glaube, dass in dem Material selbst wesentlich wichtigere Informationen stecken.
Zum Beispiel?
Es wäre etwa interessant, darüber zu sprechen, welche Waffendeals gelaufen sind. Wie hinter den Kulissen in welchen Ländern Waffen von A nach B geschoben werden.
Kann man das in den Depeschen nachlesen?
Das sollte in den Dokumenten, soweit ich weiss, drin sein. Es ist mir aber wichtig, zu sagen, dass ich selbst mit den Dokumenten nie gearbeitet habe. Ich bin übrigens sehr froh darüber, Wikileaks verlassen zu haben.
Wie das?
Wikileaks wird seit Beginn des Jahres inszeniert. Das halte ich nicht für zuträglich. Wir hatten ursprünglich das Ziel, neutral zu agieren, mit Fakten zu arbeiten und nicht zu versuchen, Material zu werten. Inzwischen stilisiert sich die Organisation zu einem Popkultur-Phänomen empor.
Liegt das am Charakter von Herrn Assange?
Das ist meine Einschätzung. Er hat intern klargemacht, dass das Projekt sein Ding sei. Wir waren ein Haufen Enthusiasten, haben alle an einem Strang gezogen. Plötzlich sagte er: «Das ist mein Strang.»
Es wird behauptet, dass westliche Geheimdienste mit schmutzigen Tricks gegen Wikileaks vorgehen würden. Waren Sie auch von solchen Attacken betroffen?
Nein, nie. Und ich halte diese Aussagen für einen Teil der Inszenierung. Ich muss mir sicherlich Gedanken darüber machen, ob mein Telefon überwacht wird. Aber auf der anderen Seite würde ich das auch nicht überbewerten. Ich gehe nicht davon aus, dass ich permanent verfolgt werde und kurz davor bin, in einen dunklen Kastenwagen gezerrt zu werden.
Sehen Sie die Vorwürfe wegen Vergewaltigung gegen Herrn Assange in Schweden in einem ähnlichen Licht?
Es hilft sicherlich wenig, dass sich Herr Assange als Ikone dieser Organisation verkauft und damit zu einem strategisch wichtigen Ziel wird. Was die Vorwürfe in Schweden angeht: Ich glaube nicht, dass das eine Inszenierung des Pentagons ist.
Keine Falle also?
Nicht von einem ausländischen Geheimdienst. Vielleicht hat Herr Assange sich da mit den falschen Frauen eingelassen, ich weiss es nicht. Oder es sind da einfach Menschen aneinandergeraten.
Ist er einer, der gerne feiert?
Man kann sagen, er interessiere sich nicht nur für Computer.
Hat sein Selbstverständnis als Star etwas damit zu tun?
Er wäre nicht der Erste, dem das zu Kopf steigt.
Hegen Sie Groll gegen Herrn Assange?
Nein, ich versuche, persönliche Motive rauszuhalten. Es gibt sicherlich Dinge, die zwischen uns passiert sind, die so nicht in Ordnung waren. Ich würde auch niemandem raten, mit ihm zusammenzuarbeiten. Aber die Menschen sind sehr verschieden. Das ist etwas, das ich bei Wikileaks gelernt habe. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.11.2010, 22:18 Uhr
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