«Wir sind isoliert, spüren nichts von Europa»
Von Bernhard Odehnal, Sofia. Aktualisiert am 29.01.2009 4 Kommentare
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Was ihn hier am meisten stört? Naiden Kostadinow muss nicht lange nachdenken – die Mängel im Quartier sind offensichtlich: zum Beispiel, dass der Regen Fäkalien über die Strassen schwemmt, weil es keine Kanalisation gibt. Oder dass Abfall offen verbrannt wird, weil die Müllabfuhr nicht kommt. Oder dass die Nachbarn jeden Morgen mit Plastikkanistern vor Kostadinows Tür stehen, weil er den einzigen Brunnen mit Trinkwasser in der näheren Umgebung hat. Oder. Oder. Oder. Kostadinow ist 30 und wirkt, als würde er sich nicht so leicht unterkriegen lassen. Möchte er sein Leben verbessern? In ein anderes Quartier ziehen? Er lacht: «Ich bin Zigeuner, wer würde mir eine Wohnung vermieten?» Dann schüttelt er den Kopf: «Wir sind eine Gemeinschaft; wir können nicht ohne einander leben. Hier habe ich meine Familie; hier kann ich mich auf die Nachbarn verlassen.»
Holzhütten, Wellblechbaracken, dazwischen einzelne schmucke Einfamilienhäuser und ein paar bizarre Paläste – das ist Fakulteta, das Roma-Ghetto am westlichen Rand der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Zwischen 12'000 und 15'000 Menschen sollen hier laut Stadtverwaltung leben, nicht staatliche Organisationen schätzen die Zahl auf 25'000 bis 30'000; bulgarische Zeitungen schreiben von 45'000. In jedem Fall ist Fakulteta eines der grössten Ghettos auf dem Balkan und das grösste in der EU. In ganz Bulgarien leben zirka 800'000 Roma, rund 10 Prozent der Bevölkerung. In Sofia geht die Arbeitslosigkeit gegen null. Im Roma-Ghetto liegt sie bei 90 Prozent.
Der Traum vom Banker
Die Baracken von Fakulteta beginnen gleich hinter einer ausgedehnten Plattenbausiedlung, dennoch würden Nicht-Roma niemals freiwillig einen Fuss ins Ghetto setzen. Taxis machen einen grossen Bogen um Fakulteta. «Sie sagen, die Strassen seien zu schlecht», sagt Artur, ein 18-jähriger Rom, der uns durch Fakulteta führt, «in Wirklichkeit haben sie Angst vor uns.» Das Tauwetter hat die schlechten Strassen in unpassierbaren Morast verwandelt. Vor den Häusern wärmen sich Frauen an offenen Feuern. Ein Pferdefuhrwerk bringt Alteisen zu einem Schrotthändler. Artur ist privilegiert, er hat einen Job bei McDonald's im Zentrum Sofias. Vom Lohn will er sich ein Wirtschaftsstudium finanzieren, danach in einer Bank arbeiten. Die Sozialarbeiterin Sylvia Wassilewa kennt allerdings niemanden aus Fakulteta, der in Sofia Karriere gemacht hätte: Arbeit gibt es für Roma nur auf Baustellen, in Reinigungsfirmen, als Träger. Auf der Baustelle werden pro Tag 30 Lewa (23 Franken) gezahlt, doch die Konkurrenz drückt den Preis: Zuzügler aus der Provinz geben sich mit 15 Lewa zufrieden. Wassilewa arbeitet seit sieben Jahren im Ghetto; sie erzählt von Eltern, die ihre Kinder zurücklassen, weil sie in Spanien oder Italien Arbeit gefunden haben; sie erzählt von jungen Mädchen, die in Deutschland oder Österreich als Prostituierte arbeiten. Sie spricht von einer verlorenen Generation und dass zumindest die Kinder die Chance bekommen sollten, den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen. Doch es gibt keinen einzigen Kindergarten in Fakulteta und nur eine Volksschule, in der die Roma-Kinder unter sich bleiben. Viele können nach acht Pflichtschuljahren weder lesen noch schreiben.
Sylvia Wassilewa möchte die Kinder aus Fakulteta in Schulen ausserhalb des Ghettos schicken, sie in die bulgarische Gesellschaft integrieren. Sie hat Pläne für Klassen mit speziellem Förderunterricht in der Schublade, aber sie hat kein Geld. Die EU stellt viele Millionen Euro für die Integration der Roma in Osteuropa zur Verfügung, doch die Gelder für Bulgarien werden seit vergangenem Herbst zurückbehalten. Die EU-Kommission will damit die ausufernde Korruption in Bulgarien bekämpfen, trifft damit aber Organisationen wie Wassilewas «Stiftung für soziale Entwicklung». Die Sozialarbeiterin hält den Brüsseler Entscheid dennoch für richtig: «Das Geld wäre sowieso verschwunden, wir hätten davon nichts gesehen.»
Schokolade, Berge, Ruhe
Im Sozialzentrum von Fakulteta, einem schlichten Betonquader am Rande des Quartiers, erzählen junge Roma über ihre Lebensverhältnisse und Zukunftspläne. Auswandern will hier niemand. Die meisten haben Freunde und Verwandte in Spanien, in Griechenland und Irland. Sie kommunizieren täglich via E-Mail oder Skype. Die Ausgewanderten arbeiten als Tellerwäscher oder Bauarbeiter, sie verdienen an die 1000 Euro im Monat, müssen aber einen Teil ihres Lohns an bulgarische Vermittler abliefern. Sie fühlen sich oft einsam, ohne Sprachkenntnisse isoliert und würden gerne in die Heimat zurück. Was fällt den Roma in Fakulteta zur Schweiz ein? Erst herrscht ratlose Stille im Raum, dann kommt zögerlich die erste Antwort: «die Schokolade», später noch «die Berge, die Ruhe, die Natur». Niemand hat Freunde oder Familie in der Schweiz.
Eine halbe Autostunde von Fakulteta entfernt liegt Studentski Grad. In diesem Quartier Sofias sind die Häuser neuer und die Strassen asphaltiert; Busse und Taxis fahren ins Zentrum; eine U-Bahn-Station wird demnächst eröffnet. Die Bewohner der Studentenstadt aber sind verunsichert und wütend. Im vergangenen Dezember wurde auf einem der schlecht beleuchteten Wege zwischen den Heimen ein Kommilitone von einer Gruppe Jugendlicher überfallen und zu Tode geprügelt. Bis heute ist der Überfall nicht aufgeklärt, und weil sich die Studenten von der Regierung ignoriert fühlen, protestieren sie vor dem Parlament, beschimpfen die Abgeordneten als «Mafia» und fordern den Rücktritt von Ministerpräsident Sergei Stanischew.
In ihren Augen ist er für die Korruption im Alltag verantwortlich, für Ärzte, Beamte, Verkehrspolizisten, die in Bulgarien ganz selbstverständlich die Hand aufhalten. «Die Menschen in diesem Land haben keine Hoffnung mehr», sagt die 28-jährige Grafikerin Mila Iwanowa. Viele ihrer Freunde haben das Land verlassen und arbeiten heute in den USA, in England oder Norwegen. Iwanowa würde lieber in Bulgarien bleiben, «aber ohne einen angemessen bezahlten Job kann ich mir das nicht leisten». Die Schweiz? Ist auch den Studenten unbekannt. Sie wissen nur: Zum Leben ist es dort viel zu teuer.
Bis Anfang Januar glaubten die Bulgaren noch, dass die globale Wirtschaftskrise ihr kleines Balkanland gar nicht bemerken würde. Dann drehte Wladimir Putin den Gashahn zu, und in der bulgarischen Industrie blieben die Maschinen stehen. Über Nacht verloren Tausende Arbeiter ihren Job. Die Koalitionsregierung aus Sozialisten, Zaren- und Türkenpartei steht seither mit dem Rücken zur Wand und muss bei den Wahlen im kommenden Sommer mit einer deftigen Niederlage rechnen. Aber auch den Oppositionsparteien traut niemand Reformen zu. Die Proteste vor dem Parlament sind Ausdruck der allgemeinen Unzufriedenheit. Neben den Studenten demonstrieren Öko-Gruppen gegen die Verbauung der Berge und Bauern für höhere Milchpreise. Und da sind auch die Fans eines Fussballvereins: junge Männer mit Militärstiefeln und schwarzen Kapuzen. Ein Hooligan hasst die Regierung, «weil sie die Zigeuner bevorzugt und wir nichts bekommen».
Viel Pomp und grosse Worte
Zu Zusammenstössen zwischen Hooligans und Roma kommt es immer wieder. Die bulgarische Polizei wertet das allerdings nicht als rassistische Zwischenfälle, sondern als «normale Raufereien unter Jugendlichen». Als der rechtsextreme Parteiführer Bojan Rasate die Gründung einer Bürgerwehr zum Schutz «vor Naturkatastrophen und Roma» ankündigte, blieben die Proteste anderer Parteien aus. Sofias Bürgermeister Bojko Borissow will den Zuzug von Roma in die Hauptstadt verbieten und in Fakulteta neue Häuser bauen. Die Natur der Roma hält er für nicht veränderbar: «Sie sind Nomaden; die wollen Musik, gute Stimmung und in ihrer Sippe leben.» Soziologin Wassilewa hingegen glaubt, dass unter Bulgariens Roma 1 bis 2 Prozent Fahrende sind. Die anderen leben in Ghettos wie Fakulteta. Laut dem Politologen Iwan Krastew sind sie nicht sehr mobil: «Sie leben in ihrer Gemeinschaft.»
Die Hoffnung, dass sich die Verhältnisse ändern könnten, ist in Fakulteta gering. Viel wurde den Roma versprochen; viele Initiativen wurden mit viel Pomp und grossen Worten präsentiert. Aber noch keine Regierung seit der Wende hat echte Verbesserungen gebracht. Dass ihr Land seit eineinhalb Jahren Mitglied der Europäischen Union ist, lässt die Roma in Fakulteta kalt. Das Quartier wachse weiter, die Armut auch, sagt Naiden Kostadinow: «Wir sind hier völlig isoliert, wir spüren von Europa nichts.»
BILD BERNHARD ODEHNAL
Nicht von der (teuren) Schweiz, sondern vom (sonnigen) Spanien träumen die Bewohner der grössten bulgarischen Roma-Siedlung Fakulteta. Am liebsten aber würden die meisten zu Hause bleiben.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.01.2009, 23:35 Uhr
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4 Kommentare
Am 8.2. geht es bei der Abstimmung nicht um Rumänien oder nicht. Es geht schlicht darum, dass wir Bürger uns weder vom Bundesrat noch vom Parlament verschauckeln lassen. Bei einer Mogelpackung, damit man keine Wahl hat, muss man aus Grundsatz NEIN sagen. Danach wird richtig und dem Souverän entsprechend die Meinung zum Ausdruck gebracht. Also nochmals von vorne. So nicht! NEIN Antworten
Schlussendlich geht es nicht um die Frage, wo die Sonne mehr scheint (Spanien), sondern wo der Rubel zum Ueberleben mehr rollt (Schweiz). Vor der Abstimmung lese ich viele tendenziöse Artikel - wo bleibt die Ausgewogenheit der Presse? Selbstzensur der subventionierten Presse, nun im Dienste eines manipulierenden Staates? Schweiz handle weitsichtig; die EU zerfällt, die CH nicht! Antworten
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