«Wir sollten die Grenzen öffnen»

Der Migrationsforscher François Gemenne sagt, ob Grenzen offen oder geschlossen seien, habe keine Auswirkungen auf das Ausmass der Flüchtlingsströme. Aber auf die Zahl der Toten.

Ein von der Küstenwache an Land gebrachter Flüchtling wird in Catania identifiziert. Foto: Alessandro Tarantino (AP, Keystone)

Ein von der Küstenwache an Land gebrachter Flüchtling wird in Catania identifiziert. Foto: Alessandro Tarantino (AP, Keystone)

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Sie verfechten die These, Europa solle angesichts der Flüchtlingstragödie im Mittelmeer seine Grenzen vollständig öffnen und alle Migranten aufnehmen. Das klingt verrückt.
Im Gegenteil, das wäre die einfachste Lösung des Problems. Wenn man die Grenzen öffnet, verlieren die Menschenschlepper auf einen Schlag ihr Geschäftsmodell. Nun glauben die meisten Leute, eine Öffnung der Grenze würde einen gewaltigen Zustrom neuer Flüchtlinge provozieren und die ganze sogenannte Dritte Welt dazu verleiten, zu uns zu kommen. In Tat und Wahrheit spielt es für Migrationsströme keine oder fast keine Rolle, ob eine Grenze ­offen oder geschlossen ist.

Ihre These widerspricht jeglicher Intuition, Logik und Erfahrung.
Es gibt im Wesentlichen zwei Gründe, weshalb sich jemand zum Auswandern entschliesst: entweder, um sein Leben zu retten, um nicht als Oppositioneller ins Gefängnis zu kommen, um einer Diktatur oder einem Krieg zu entgehen. Oder um wirtschaftlich aufzusteigen und zu Hause verbliebene Familienangehörige zu unterstützen. Beide Faktoren haben nichts mit offenen oder geschlossenen Grenzen zu tun, und eine Mauer oder eine strikte Rückschaffungspolitik der Zielländer haben keine abschreckende Wirkung. Das mag der gängigen Intuition widersprechen, ist aber eine Tatsache. Die Wirkung einer geschlossenen Grenze besteht darin, dass die Übersiedlung illegal und gefährlicher wird. Bei einer offenen Grenze haben Sie dieselbe Zahl von Flüchtlingen, und alle sind lebendig. Bei einer geschlossenen ist ein Teil von ihnen tot. Das ist der ganze Unterschied.

Können Sie das belegen?
Als die Italiener dank des Rettungsprogramms Mare Nostrum fast alle Bootsflüchtlinge vor dem Ertrinken bewahrten, sagten die Verfechter der Abschottung: Das ist ein Anreiz zur Migration und erleichtert die Arbeit der Schlepper. Nachdem das Programm abgeschafft und durch striktere Grenzkontrollen ersetzt wurde, kamen aber noch mehr Flüchtlinge. Oder nehmen Sie die Errichtung einer Mauer zwischen den USA und Mexiko. Hat sie etwas an der Zahl der mexikanischen Migranten geändert? Nein. Umgekehrt hat der Fall des Eisernen Vorhangs keineswegs eine unkontrollierbare Armutsmigration von Ost- nach Westeuropa ausgelöst, wie man Anfang der 90er-Jahre befürchtet hatte. Dasselbe gilt für die Öffnung der Grenze zwischen Indien und Nepal. Der Wille und die Bereitschaft, auszuwandern, hängen von strukturellen Faktoren ab, die sich jeder Migrationspolitik entziehen.

Sie müssen vom Ergebnis des EU-Sondergipfels zur Flüchtlingskrise bitter enttäuscht sein.
Allerdings. Europa versucht, das Migrationsproblem auf die Bekämpfung des illegalen Menschenschmuggels zu reduzieren. Die EU reagiert mit Polizeiaktionen, während sie langfristig eine umfassende Migrationspolitik durchsetzen sollte – und dazu gehören unweigerlich legale Kanäle, um Europa zu erreichen. Solange die Politik beibehalten wird, welche das Geschäft der Schlepper erst ermöglicht hat, wird dieses Geschäft fortbestehen.

Europa kann nicht alle Armen dieser Welt aufnehmen, selbst wenn es aus humanitärer Sicht vielleicht wünschenswert wäre.
Dass eine massive Migration in den Einwanderungsländern auch Probleme verursacht, bestreite ich nicht. Aber nochmals: Ob die Grenzen offen oder geschlossen sind, ändert nichts an der Zahl der Neuankömmlinge. Ein weiterer weit verbreiteter Fehler besteht darin, zu glauben, dass nur die Ärmsten der ­Armen auswandern. In Wirklichkeit hat es jemand, der einen teuren Schlepper bezahlen kann, in seinem Land zumindest zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht.

Das ist aber ein Argument jener, welche die Grenzen hermetisch schliessen und Flüchtlinge zurückschaffen wollen. Nach dem Motto: Warum sollen wir Leute hereinlassen, wenn sie eigentlich gar nicht so arm sind?
Es ist nicht meine Aufgabe als Wissenschaftler, ein politisches oder moralisches Urteil über die Gründe und Umstände abzugeben, die jemanden zum Auswandern bewegen. Es ist übrigens auch falsch, dass ein grosses Armutsgefälle zwischen zwei Ländern die illegale Auswanderung von einem Land ins andere anheizt. Im Gegenteil: Je kleiner der Unterschied bezüglich Einkommen und Reichtum, desto grösser ist der Migrationsstrom. Die Migration von Afrika nach Europa zum Beispiel erfolgt aus vergleichsweise reichen Ländern wie Marokko, Tunesien, Elfenbeinküste, Senegal und Angola, aber viel weniger aus den ärmsten Staaten wie der Zentralafrikanischen Republik oder Sierra Leone. Die wirklich Elenden können sich die Migration gar nicht leisten.

Fühlen Sie sich mit Ihren Aussagen in der Diskussion um die richtige Migrationspolitik nicht als völliger Aussenseiter?
Zahlreiche seriöse Wissenschaftler, die sich seit langem mit dem Thema beschäftigen, sind zum selben Schluss gelangt wie ich. Aber natürlich kann es keine Regierung wagen, unsere Erkenntnisse umzusetzen, weil ein grosser Teil der Öffentlichkeit an seinen irrigen Annahmen festhält und deshalb offene Grenzen vehement ablehnt. Die meisten finden unsere Forderung schlicht verrückt. Aber dasselbe dachte man einst auch von der Legalisierung harter Drogen, während man heute durchaus vernünftig darüber diskutieren kann. Das Grundproblem im Zusammenhang mit der Migration ist der tiefe Graben zwischen der öffentlichen Wahrnehmung des Phänomens und seiner empirischen Realität. Teilweise wird diese Wahrnehmung von fremdenfeindlichen Parteien und Bewegungen bewusst verzerrt, teilweise entspricht sie scheinbar dem sogenannten Common Sense. Aber Migration funktioniert nicht nach den Prinzipien des Common Sense.

Wird die Politik Ihre Thesen und Erkenntnisse in absehbarer Zeit berücksichtigen?
Nein, leider wohl nicht. Die politischen Entscheide bewegen sich derart stark in die Gegenrichtung, dass sich zu meinen Lebzeiten kaum ein Paradigmenwechsel ereignen wird.

Die Flüchtlingsdiskussion wird sehr emotional geführt. Sind Sie schon bedroht worden?
Ich bekomme regelmässig beleidigende E-Mails und ab und zu Todesdrohungen. Aber damit muss jeder Migrations­forscher leben lernen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 24.04.2015, 23:03 Uhr)

François Gemenne

Der 1980 geborene Belgier hat an der französischen Elite-Universität Sciences Po politische Wissenschaften studiert und gehört in Frankreich zu den führenden Migrationsforschern.

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