Ausland

«Wir steuern hier in Griechenland auf eine Katastrophe zu»

Von Kai Strittmatter. Aktualisiert am 29.06.2011 71 Kommentare

Das griechische Ehepaar Zoe und Vasilis Komninos erwartet nur «mehr Sorgen» vom Sparpaket, das heute in Athen verabschiedet wird.

Frust: Eine friedliche Kundgebung in Athen mit 20'000 Teilnehmern mündete gestern in gewalttätige Ausschreitungen.

Frust: Eine friedliche Kundgebung in Athen mit 20'000 Teilnehmern mündete gestern in gewalttätige Ausschreitungen.
Bild: Keystone

Heute Live-Berichterstattung über Debatte im Parlament

Mit seinem Votum über ein weiteres umfangreiches Sparpaket der Regierung entscheidet das griechische Parlament heute über die Zukunft des Landes. Die Abstimmung über die Sparmaßnahmen für die Jahre 2012 bis 2015 ist für den Nachmittag geplant. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet ab 9 Uhr live mit einem TV-Ticker inklusive griechischem Übersetzer.

Regierungschef Papandreou will sich Einsparungen in Höhe von 28 Milliarden Euro sowie Privatisierungen mit einem Umfang von 50 Milliarden Euro absegnen lassen. Von der Verabschiedung des Sparpakets hängen weitere Hilfszahlungen von EU und Internationalem Währungsfonds ab, anderenfalls droht der Staatsbankrott. Gegner der Sparmaßnahmen haben für heute erneut zu einem Generalstreik aufgerufen.

Zoe Ganatsious und Vasilis Komninos, Tochter Marilena. (Bild: Kai Strittmatter)

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Eine Familie in Athen. Eine gemütliche 100-Quadratmeter-Wohnung in einem ruhigen Viertel der Stadt. Der 44-jährige Architekt Vasilis Komninos und seine 35-jährige Frau Zoe Ganatsious, eine Psychologin, sind ein zuversichtliches Paar. Den beiden ging es eigentlich nicht schlecht. Bislang. Jetzt aber ist Komninos arbeitslos, und zur sechsjährigen Tochter Marilena kam vor vier Monaten noch Söhnchen Dimitris hinzu. Ein Gespräch über das Leben in der Krise.

Zoe, Vasilis, Griechenland durchlebt turbulente Zeiten. Wie wardas vergangene Jahr für Sie?
Zoe: Es war hart.
Vasilis: Vor allem emotional hart, denn persönlich betraf uns die Krise lange nicht.
Zoe: Das kam erst jetzt. Bisher arbeiteten wir beide. Vor drei Monaten dann verlor Vasilis seine Arbeit. Aber das ganze Jahr über schon hörten wir all die Gerüchte, was passieren könnte. Uns beschlich das Gefühl, wir dürften der Zukunft nicht mehr vertrauen. Keiner hier weiss, ob er morgen noch Arbeit oder Geld haben wird. Das ist auch traumatisch.
Vasilis: Wenn du alles anschaust wie eine mathematische Gleichung, war es klar: Wir steuern auf eine Katastrophe zu. Griechenland war immer geprägt von kleinen Familienbetrieben. Nach dem Beitritt zur EU kollabierte dieses Modell.

Aber oberflächlich schien Griechenland einen Aufschwung zu erleben. Eine Party, wie manche sagten.
Vasilis: Ja, auf Pump. Der Staat und die Familien, alle taten das Gleiche: Sie begannen, auf Pump zu leben. Alle dachten, okay, das Geld kommt vielleicht mit dem Tourismus.

Machten Sie auch Schulden?
Vasilis: Nein, nie.
Zoe: Wir konnten nie etwas sparen, aber wir kamen immer gut durch. Erst jetzt merken wir: Es reicht nicht.

Sind Sie selbstständig?
Vasilis: Architekten hier arbeiten fast immer selbstständig und auf Projektbasis. Das Geld reichte für ein gutes Leben. Eine Wohnung, ein Auto, ein paar Tage Ferien.

Wie viel Urlaub machten Sie denn?
Vasilis: Dem Gesetz nach haben wir Urlaub für etwa einen Monat, aber weggefahren sind wir immer nur 14 oder 15 Tage im Jahr, für mehr reichte das Geld nicht. Die meiste Zeit verbringen wir auf einer der kleineren Inseln oder in dem Heimatdorf von Zoe im Norden, wo ihre Eltern leben.

Wie viel geben Sie ausin einem Urlaubshotel?
Vasilis: Im letzten Jahr zahlten wir 35 Euro die Nacht für die ganze Familie.

Was dachten Sie, als Sie die Mahnung der deutschen Kanzlerin Angela Merkel hörten, die Griechen sollten nicht so viel Urlaub machen?
Zoe: Mein erster Gedanke war: Die Deutschen sind bestimmt neidisch auf uns. Weil wir die Inseln haben, das Meer und die Sonne. Ich weiss, sie sehen die mediterranen Länder, die Lebendigkeit dort und den Lärm, und sie denken, wir sind faul, aber das stimmt nicht. Ich arbeite 40 Stunden die Woche, Vasilis als Selbstständiger viel mehr. Im Gegensatz zu euch haben wir jedoch die Gelegenheit zu kleinen Fluchten. Wir können nach der Arbeit schnell noch ans Meer fahren.

Sie arbeiten als Psychologin in einem Programm für Drogensüchtige. Wurde Ihr Gehalt gekürzt?
Zoe: Ja, ich habe nun bis zu 15 Prozent weniger. Vor den Kürzungen verdiente ich inklusive Kindergeld 1700 Euro.
Vasilis: Und alles wird teurer. Die Steuern gehen hoch. Zigaretten sind um 20 Prozent teurer, kosten jetzt 4 Euro. Benzin kostet 60 Prozent mehr als vor einem Jahr, für den Liter Super zahlt man jetzt 1.80 Euro. Ich denke manchmal, Athen ist die teuerste Stadt Europas.

Wie kommt das?
Vasilis: Weil wir nichts produzieren. Alles ist importiert. Sogar Zitronen und Obst importieren wir mittlerweile.

Wie war das denn als Architekt? Was haben Sie gebaut?
Vasilis: Bahnhöfe, Fussgängerbrücken, Häuser und Hotels, alles.

Waren Sie schon einmal arbeitslos?
Vasilis: Noch nie. Als ich anfing, gab es eine Menge Jobs. Damals wurden die Olympischen Spiele 2004 vorbereitet.

Da herrschte Goldgräberstimmung.
Vasilis: Es war ein Desaster für Griechenland. Baufirmen verdienten ein Riesengeld. Aber es war zu teuer für ein armes Land. Sie wollten in fünf Jahren eine komplett neue Infrastruktur aus dem Boden stampfen. Es war zu unorganisiert, und es gab viel Korruption.
Zoe: Die Korruption ist noch immer da. Auch im Gesundheitssektor. Das ist nicht besser geworden.
Vasilis: Arbeitslos zu sein, ist schlimm. Mein Gefühl ist, der ganze Bausektor ist nun tot. Was in der Infrastruktur getan werden musste, ist getan. Und das Land steht voller Geisterstädte. 200'000 neu gebaute Häuser stehen leer.

Hat sich Ihr Leben nun geändert?
Vasilis: Wir haben nur mehr ein Gehalt. Und wir haben keine Ersparnisse, auf die wir zurückgreifen könnten. Vorher kamen wir zusammen auf 40'000 oder 45'000 Euro im Jahr. Wir konnten nicht über die Stränge schlagen, aber uns ein schönes Leben leisten. Wir gingen ab und zu ins Restaurant, ins Theater.
Zoe: Jetzt gehen wir nicht mehr aus. Ferien sind gestrichen. Im Supermarkt lassen wir den teuren Käse liegen. Gleichzeitig haben wir mehr Ausgaben mit dem Baby. Unsere Freunde treffen wir jetzt nicht mehr im Lokal, sondern im Park oder zu Hause.

Sie wirken so zuversichtlich.
Vasilis: (Lacht.) Lasst uns unsere letzten Tage mit Wein und Rosen geniessen.
Zoe: Wir müssen optimistisch sein. Wir haben zwei Kinder. Aber wir haben keine grosse Hoffnung für ihre Zukunft. Es gibt keine Jobs. Die Schulen werden schlechter von Tag zu Tag. Gut, sie kosten nichts. Aber sie sind so schlecht, dass du die Kinder zusätzlich auf private Paukschulen schicken musst.
Vasilis: Im Krankenhaus gilt das Gleiche. Wenn du eine Operation brauchst, dann lässt dich das staatliche Krankenhaus vielleicht ein Jahr warten. Wenn es eilt, musst du in eine Privatklinik. Bislang war es auch üblich, den Ärzten unterm Tisch Geld zuzustecken. Aber wir haben das bei der Geburt unseres Sohnes nicht getan. Und wir wurden sehr nett behandelt.
Zoe: Wir sehen nun, was für Glück wir hatten, mit all dem, was wir erleben durften in unserem Leben. Aber was wird mit ihnen? (Sie deutet auf ihre Tochter.)

Viele junge Leute verlassen das Land.
Vasilis: Klar. Vier von zehn Leuten unter 25 sind arbeitslos.
Zoe: Es war viel die Rede von der 700-Euro-Generation. Jetzt planen sie, den Mindestlohn unter 600 Euro zu senken. Warum sollten sie hier bleiben? Das ist keine Arbeit mehr, das ist Sklaverei, wenn du jung bist und dein Lohn nicht reicht, um dich selbst zu ernähren.
Vasilis: Ein Faktor, der hilft, die Lage stabil zu halten, ist die Familie. Jeder hilft dem anderen. Nur deshalb haben wir noch keine schwere soziale Krise.

Was halten Sie von der Regierung?
Vasilis: Sie führt ein Theaterstück auf. Eine Tragödie. Eine Tragikomödie. Bisher haben sie nur gespart – aber keine einzige Strukturreform durchgebracht.

Was muss sich ändern?
Vasilis: Sie müssen erst einmal die Steuern eintreiben von den Reichen. Einer kleinen Schicht von Leuten gehören hier 90 Prozent des Wohlstandes. Aber bis heute werden alle Ausgaben bestritten von den 90 Prozent der Bevölkerung, die vielleicht 10 Prozent des Volksvermögens besitzen. Der Politik fehlt der Wille, das zu ändern, beide grossen Parteien sind verstrickt mit der alten Oligarchie. Wir hatten einmal Könige in Griechenland, wir haben sie rausgeworfen – jetzt aber haben wir Hunderte von Königen, und sie alle wollen so leben, als wären sie der eine Souverän. Dazu halten sie sich Zehntausende Höflinge in Wirtschaft, Politik und Medien. Die ganze Nation arbeitet für sie. Bis heute ist nicht einer von ihnen ins Gefängnis gegangen. Nicht einer. Und nicht ein Politiker ist zurückgetreten.

Sehen Sie die Gefahr einer sozialen Explosion?
Zoe: Natürlich. Uns geht es ja noch gut. Aber es gibt Menschen, die haben nichts mehr zu verlieren.
Vasilis: Die Griechen haben sich nie für die Gemeinschaft eingesetzt, immer nur für die eigene Firma oder Familie.
Zoe: Das liegt auch daran, dass man das Konzept des «Freiwilligendienstes» in schlechten Ruf gebracht hat: Von jungen Leuten wurde jahrelang wie selbstverständlich erwartet, dass sie in Firmen und Institutionen als «Freiwillige» ohne Bezahlung arbeiteten, und sie taten das, um einen Fuss in die Tür zu bekommen. Das ist Ausbeutung. Aber wir müssen als Bürger nun aktiver werden.

Heute soll das Parlament ein neues Sparpaket beschliessen.Was bedeutet das für Sie?
Zoe: Mehr Sorgen. (Sie lacht.) Mehr Frust. Uns wurde etwas anderes versprochen. Nun zahlen wir und zahlen, und gleichzeitig stirbt die Wirtschaft ab, und der Schuldenberg wächst trotzdem. Wir sitzen in der Falle. Ich überlege auch, einen Job im Ausland anzunehmen. Ich habe recherchiert, es gäbe Arbeit für uns in England oder Belgien. Aber Vasilis will nicht.
Vasilis: Ich will Bauer werden.

Im Ernst?
Vasilis: Natürlich. Wir werden immer zu essen haben. Und die Welt steuert auf eine grosse Ernährungskrise zu. Dann werden die Bauern wieder reich. Oliven, Wein, Auberginen, Tomaten, ein paar Ziegen für Milch und Käse, das wärs. Ich überlege mir das ernsthaft.

Wann fällt die Entscheidung?
Vasilis: Ich gebe mir sechs Monate. Dann ist unser Geld weg. Diese Wohnung hier ist nur gemietet.
Zoe: Im Notfall können wir ins Dorf meiner Eltern. Das ist unser Sicherheitsnetz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.06.2011, 23:26 Uhr

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71 Kommentare

Pia Minder

29.06.2011, 09:23 Uhr
Melden 23 Empfehlung

was das Eheepaar schreibt über die Veränderungen nach dem EU Beitritt ist genau das was die EU und die auch die USA wollen: Gleichschaltung, Globalisierung, Abhängigkeiten schaffen, damit bestimmte Kreise noch mehr absahnen können und die Unternehmen noch einfacher wursteln können. DIe Arbeitnehmer und Bürger sind mehr und mehr Sklaven ihres pseudo- demokratischen Daseins in Pseudo- Solidarität. Antworten


Rene R. Meier

29.06.2011, 08:57 Uhr
Melden 23 Empfehlung

Die Katastrophe ist doch, dass Leute denken, sie hätten ein absolutes Recht auf eine gemütliche Existenz mit wenig eigener Anstrengung (= jemand anders bezahlt) und vielen kostspieligen Annehmlichkeiten. Der Reformbedarf besteht darin, dieses Hirngespinst aus den Köpfen zu verjagen. In der Schweizer Landwirtschaft ist es ähnlich. Antworten




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