Wo Putin dabei sein müsste

Der russische Präsident wird nicht an der Auschwitz-Gedenkfeier in Polen teilnehmen. Das Zerwürfnis zwischen Russland und dem Westen wird sich deshalb vertiefen.

27. Januar 2005: Wladimir Putin bei den Feierlichkeiten zum 60.?Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Foto: Reuters

27. Januar 2005: Wladimir Putin bei den Feierlichkeiten zum 60.?Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Foto: Reuters

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Gedenkveranstaltungen zum Zweiten Weltkrieg sind Wladimir Putin wichtig, sehr wichtig sogar. Dabei verweist er immer wieder auf die gigantische Anstrengung, die die Sowjetunion erbracht hat, um Nazideutschland niederzuringen. Nun steht eine der wichtigsten dieser Gedenkveranstaltungen an: Am kommenden Dienstag, 27. Januar, jährt sich zum 70. Mal die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee. Hier haben die Nazis über eine Million Menschen ermordet, vor allem Juden, aber auch Polen, Sinti und Roma und politisch Andersdenkende. Auschwitz gilt als das ungeheuerlichste der deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg.

Aus Deutschland, Österreich, Frankreich und zahlreichen anderen Ländern reisen Präsidenten und Regierungschefs an, aus Belgien und den Niederlanden werden die Königspaare erwartet. Auch Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga hat sich angekündigt. Russlands Präsident Wladimir Putin aber wird fehlen. Ausgerechnet er, und das in Auschwitz. Ausgerechnet an jenem Ort also, wo die Leistung der Roten Armee so gewürdigt wird wie wohl nirgends sonst ausserhalb Russlands, weil sie auf ihrem Vorstoss nach Berlin zahlreiche deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager befreit hat.

Neue Grossmachtpolitik

Aber offensichtlich ist Putin nicht persönlich eingeladen worden. Dafür sei nicht Polen verantwortlich, sondern die Veranstalter der Gedenkfeier, darunter das staatliche Auschwitz-Museum, berichten Nachrichtenagenturen. Die Regierung in Warschau ihrerseits habe lediglich diplomatische Noten verschickt. Aus russischer Sicht sei eine Note jedoch zu wenig. Allerdings scheint Putin darüber nicht sonderlich traurig zu sein. Denn so bietet sich ihm eine weitere Gelegenheit, Russland als das despektierlich behandelte Opfer des Westens dar­zustellen. Andererseits hat man den Eindruck, dass das offizielle Polen Kremlchef Wladimir Putin gar nicht dabei haben will.

Das Problem ist denn auch nicht eine ausstehende Einladungskarte, sondern die Ukraine. Das protokollarische Prozedere war vor zehn Jahren zum 60. Jahrestag nicht anders. Damals aber kam Putin nach Auschwitz und hielt sogar eine Rede. Doch inzwischen ist das Verhältnis zwischen dem Westen und Russland so schlecht wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr.

Furcht grassiert in Polen

Neben den baltischen Staaten fürchten vor allem die Polen die neue russische Grossmachtpolitik. Sie haben einschlägige Erfahrungen gemacht, gerade im Zweiten Weltkrieg: Zunächst paktierte Stalin mit Hitler, um Polen aufzuteilen. Dann ermordeten die Sowjets in Katyn Tausende polnische Offiziere. Und als sich die Heimatarmee Armia Krajowa gegen die deutschen Besatzer erhob, kamen die Sowjets nicht zu Hilfe, sondern warteten, bis die deutschen Truppen den Aufstand niedergeschlagen hatten, um dann nach Kriegsende ein moskauhöriges kommunistisches Regime einzusetzen. Eine formelle Einladung an Putin ist deshalb innenpolitisch heikel für die polnische Regierung, zumal im Herbst gewählt wird.

Doch Polen und der Westen insgesamt verpassen eine Chance, wenn sie den russischen Präsidenten nicht nach Auschwitz einladen. Putin und seine Regierung werfen der Europäischen Union und den USA seit Monaten vor, in Kiew Neonazis zu unterstützen. So unhaltbar dieser Vorwurf auch ist: Nun kann Putin behaupten, dass zum Gedenkanlass für die Befreiung von Auschwitz – und damit von den Nazis – alle eingeladen worden seien, ausser die Befreier. Die Geschichte weiss er auf seiner Seite. Militärhistoriker sind sich heute weitgehend einig, dass die Entscheidung im Zweiten Weltkrieg zugunsten der Alliierten wohl an der Ostfront gefallen ist, weil dort circa 70 Prozent der deutschen Streitkräfte gebunden waren.

Zeit eines Signals

Mit einer Einladung an Wladimir Putin hätte der Westen die sowjetischen Opfer würdigen können. 27 Millionen Sowjetbürger starben, praktisch jede Familie war betroffen. In jenem Regiment, das Auschwitz einnahm, dienten junge Soldaten, die alle Angehörigen verloren hatten. Ausserdem war der europäische Teil der Sowjetunion fast vollständig verwüstet.

Es ist allerdings nicht so, dass man im Westen das «kolossale sowjetische Opfer» (Antony Beevor) nicht gewürdigt hätte. Doch Putin – immer noch tief verletzt durch den kläglichen Zusammenbruch der Sowjetunion – scheint immer wieder diesen Tribut zu erwarten. Und hier könnten ihm westliche Politiker von Barack Obama über Angela Merkel bis vielleicht gar zur neuen polnischen Regierungs­chefin Ewa Kopacz entgegenkommen, ohne einen hohen politischen Preis dafür zahlen zu müssen. Im Gegenteil: Damit könnte der Westen einmal mehr zeigen, dass er für die Demokratie kämpft und nicht für angeblich rechtsradikale Kräfte.

Die Einladung Putins zu den D-Day-Feierlichkeiten war ein solches Signal. Obwohl 1944 keine Rotarmisten an der Omaha-Beach an Land gegangen waren, tauchte im vergangenen Juni der russische Präsident an den Stränden der Normandie auf. Das dominierende Gesprächsthema war dann auch tatsächlich die Ukraine, man gründete gar das «Normandie Format», ein exklusives Gesprächs­forum für diese Krise. Nur schon, weil sich in Auschwitz eine neue Chance zum Austausch ergeben könnte, sollte Putin dabei sein. Ihn wegen der Krise in der Ukraine zu übergehen, ist so, als hätte man den amerikanischen Präsidenten nicht in die Normandie eingeladen, sei es wegen des NSA-Abhörskandals, der Folter in Guantánamo, der Drohneneinsätze oder des Irakkriegs.

Russen gehören überall dazu

Falls die Gästeliste für Auschwitz nicht noch ergänzt wird, dürfte sich das Zerwürfnis zwischen Russland und dem Westen weiter vertiefen. Denn nun folgt Gedenkanlass auf Gedenkanlass zum Frühling 1945. Und überall gehören die Russen aus historischen Gründen eigentlich dazu. Moskau selbst wird den 70. Jahrestag des Siegs im Grossen Vaterländischen Krieg am 9. Mai mit viel Pomp begehen. Die sich dabei anbietenden Gipfeltreffen böten den Spitzenpolitikern die Chance, aktuelle Krisen wie jene in der Ukraine aus der Welt zu schaffen. Damit könnten sie auch zeigen, dass sie etwas aus der Geschichte des Zweiten Weltkrieges gelernt haben.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 20.01.2015, 22:44 Uhr)

Augenzeuge

Wie Primo Levi die Befreiung erlebte

Als die Rote Armee am 27. Januar 1945 zum deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz vorstiess, traf sie nur noch auf wenige Überlebende. Einer von ihnen war Primo Levi aus Turin. Er war Chemiker, Jude und Widerstandskämpfer. Bis er verhaftet, deportiert und Nummer 174 517 wurde. Levi war ab Februar 1944 in Auschwitz. In seinem Buch «Ist das ein Mensch» hat er seine Zeit im Lager beschrieben.

Als Anfang 1945 die Rote Armee näherrückte, trieb die SS weit über 50 000 Auschwitz-Häftlinge nach Westen. Tausende starben auf dem Todesmarsch in die KZ Buchenwald und Mauthausen. Die Henker versuchten, die Spuren der industriellen Vernichtung zu verwischen und sprengten Gaskammern und Krematorien im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Doch die Sowjets rückten schneller voran als erwartet; die Zeit reichte nicht mehr, um die Todesfabriken dem Erdboden gleichzumachen.

Zu diesem Zeitpunkt war Primo Levi im «Krankenbau» von Auschwitz-Monowitz, einem Arbeitslager sechs Kilometer östlich des Stammlagers Auschwitz I. Weil er krank war, wurde Levi mit 800 weiteren Häftlingen zurückgelassen. Die SS traute ihnen die sogenannte Evakuierung nicht mehr zu, sie schienen zu schwach und würden sowieso demnächst sterben. Levi beschreibt, wie er mit einem Kameraden dabei war, mit einer Bahre eine Leiche zum Massengrab zu tragen. Da erblickte er vor dem Lager eine russische Patrouille. Es war der 27. Januar 1945, es war Mittag, und die beiden hielten inne: «Es waren vier junge Soldaten zu Pferde; vorsichtig ritten sie mit erhobenen Maschinenpistolen die Strasse entlang, die das Lager begrenzte. Als sie den Stacheldraht erreicht hatten, hielten sie an, um sich umzusehen, wechselten scheu ein paar Worte und blickten wieder, von einer seltsamen Befangenheit gebannt, auf die durcheinanderliegenden Leichen, die zerstörten Baracken und auf uns wenige Lebende.»

Levi und sein Freund realisierten, dass diese Begegnung den «entscheidenden Wendepunkt» brachte: «Es schien uns, als hätte das vom Tod erfüllte Nichts, in dem wir seit zehn Tagen wie erloschene Sterne kreisten, ein festes Zentrum bekommen, einen Kondensationskern, und so war es wohl auch: vier bewaffnete Männer, aber nicht gegen uns bewaffnet: vier Friedensboten mit bäuerischen, kindlichen Gesichtern unter den schweren Pelzmützen. Sie grüssten nicht, lächelten nicht; sie schienen befangen, nicht so sehr aus Mitleid als aus einer unbestimmten Hemmung heraus.»

Primo Levi brach nicht in Jubel aus. «Die Stunde der Freiheit schlug für uns ernst und lastend.»
Christof Münger

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