Wo die DDR ihre Bürger terrorisierte
Von Anatol Heib. Aktualisiert am 05.08.2010
Geführte Rundgänge
Auf dem Gelände der früheren zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit MfS) befindet sich seit 1994 eine Gedenkstätte. Seit Juli 2000 ist diese eine selbstständige Stiftung öffentlichen Rechts. Die Grundstücke und Gebäude des Gefängnisses wurden ihr vom Land Berlin zur unentgeltlichen Nutzung überlassen. Das Interesse ist gross. Alleine im letzten Jahr besuchten über 340'000 Menschen das Gelände - darunter viele Schulklassen. Es sind nur geführte Rundgänge möglich.
Die Gedenkstätte hat die gesetzliche Aufgabe, die Geschichte der Haftanstalt in den Jahren 1945 bis 1989 zu erforschen, über Ausstellungen, Veranstaltungen und Publikationen zu informieren und zur Auseinandersetzung mit den Formen und Folgen politischer Verfolgung und Unterdrückung in der kommunistischen Diktatur anzuregen. Am Beispiel dieses Gefängnisses soll sie zugleich über das System der politischen Justiz informieren.
Das Gefängnis sowie die umliegenden Stasi-Gebäude waren zu DDR-Zeiten militärischer Sperrbezirk. Auf den Strassenkarten war das Gebiet nur ein weisser Fleck.
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In Berlin können Besucher überall DDR-Geschichte erleben. Das Stasi-Museum zeigt, wie akribisch die Schnüffler von Erich Mielke ihre Bürger bespitzelten, der Checkpoint Charlie erzählt die Geschichte der getrennten Stadt, und im DDR-Museum wird der Alltag im sozialistischen Staat beleuchtet. Besonders beeindruckend ist jedoch der Besuch in Berlin-Hohenschönhausen, wo das einstige zentrale Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit steht. Bis 1989 wurden dort vor allem Regimekritiker und Ausreisewillige inhaftiert. Heute ist es eine Gedenkstätte. Grosse Teile der Gebäude und Einrichtung sind fast unversehrt erhalten geblieben. So wird ein sehr authentisches und zugleich beklemmendes Bild des menschenverachtenden Haftregimes in der DDR vermittelt, wo Kritiker systematisch terrorisiert wurden.
Zeitzeugen begleiten die Besucher durch den Komplex und erzählen von Haftbedingungen sowie Verhörmethoden in diesem und anderen Untersuchungsgefängnissen. Zum Beispiel Cliewe Juritza. Der heute 44-Jährige wurde 1984 nach mehreren Fluchtversuchen verhaftet und kam in Berlin-Rummelsburg in Untersuchungshaft. Wegen «Verdachts auf versuchten ungesetzlichen Grenzübertritt» verurteilte man ihn zu zwölf Monaten Haft. Nach zehn Monaten wurde er schliesslich im Rahmen des Häftlingsfreikaufs in die Bundesrepublik abgeschoben.
Der Gang ins U-Boot
Juritza beginnt die zweistündige Führung im alten Kellertrakt, den Gefangene aufgrund seiner Bauart U-Boot nannten und der bis in die 50er-Jahre in Betrieb war. Die Luft ist zum Schneiden, hier unten findet keine Luftzirkulation statt. Besucher werden angehalten nach draussen zu gehen, wenn ihnen schwindlig wird. Der Weg führt vorbei an meist fensterlosen, engen Zellen. In der Ecke steht ein Eimer für die Notdurft. Die Glühbirne wird durch ein Gitter geschützt, um Selbstmorde zu verhindern, erzählt Juritza. Dann zeigt er eine mit Gummi ausgelegte Zelle. Gefangene standen hier tagelang knöcheltief im Wasser. Ein Behältnis für ihre Notdurft gab es nicht.
Fenster mit Glasbausteinen
Nächste Station: Der Neubau mit 200 Zellen, welcher Ende der 50er-Jahre das Kellergefängnis ablöste. Nach dem Mauerbau am 13. August 1961 wurden hier vor allem Menschen festgehalten, die aus der DDR fliehen oder ausreisen wollten. Auch Kritiker der SED wie der Dissident Rudolf Bahro oder der Schriftsteller Jürgen Fuchs waren in Hohenschönhausen inhaftiert. Auf dem Innenhof steht ein Meer von Rosen und anderen Blumen. Nur die Gefangenen bekamen diese nie zu sehen. In den neuen Einzelhaftzellen gelangte zwar das Tageslicht durch das Fenster, aber durch die Glasbausteine war nichts zu sehen.
«Schlafposition einnehmen!»
Wer hier inhaftiert war, lebte in völliger Isolation. Die Stasi setzte ab den 60er-Jahren vor allem auf psychische Folter. Gefangene wurden nur noch mit der Nummer angesprochen, es gab keinen Kontakt mit anderen Insassen. Oft wussten sie nicht einmal, wo sie überhaupt waren, da sie in fensterlosen Gefängniswagen nach Hohenschönhausen gebracht wurden. Der Alltag war geprägt von Langeweile Reizarmut - und der quälenden Ungewissheit, wie es weitergeht. Einzig die Mahlzeiten und stundenlangen Verhöre unterbrachen die Monotonie. Selbst im Schlaf wurde man noch schikaniert: Die Gefangenen mussten auf dem Rücken liegen, Gesicht und Hände stets sichtbar über der Bettdecke. Dies kontrollierten die Wachen regelmässig bei eingeschaltetem Licht durch den Türspion. Vergünstigungen wie bessere Mahlzeiten oder der Zugang zu Büchern wurde an die Kooperation des Gefangenen geknüpft.
Wer während der Haft durchdrehte, wurde in die Gummizelle geführt, im Stasi-Jargon «Beruhigungsverwahrräume» genannt. Die runde Konstruktion sollte jegliches Raumgefühl unterdrücken, ebenso die Dunkelheit (Fenster wurde von aussen verschlossen) und die Gummi-Isolierung der Wände. Eine Strohmatte diente als Unterlage, als Toilette fungierte ein Blechkübel, der von aussen hereingereicht wurde. Den Effekt der runden Konstruktion können Besucher gleich selber erleben. Wenige Sekunden reichen aus und es wird einem bereits schwindlig.
Die perfiden Verhörmethoden
Es geht weiter durch die langen Gänge zu den Verhörzimmern. Auf dem Weg fällt auf, dass an beiden Wänden Kabel gezogen sind – ein perfides Alarmsystem. Rissen die Wachen daran, wurden die Kontakte unterbrochen und Alarm ausgelöst. Um zu verhindern, dass sich die Gefangenen auf dem Weg zum Verhör sahen, kam ein Ampelsystem zum Einsatz. Leuchtete eine rote Lampe, musste der Gefangene an die Wand schauen, während der andere um die Ecke kam und in die andere Richtung schaute.
In einem Verhörzimmer erzählt Juritza, mit welchen Methoden die Inhaftierten psychologisch beeinflusst wurden: Sie mussten in der Ecke des Zimmers sitzen, das Licht war so auf sie gerichtet, dass sie geblendet wurden. Der Vernehmer sass weit entfernt an einem mächtigen Büropult. Beispiel eines Verhörs mit einer inhaftierten Frau, die verheiratet und Mutter von zwei Kindern ist. Der Vernehmer sitzt am Pult und nimmt das Telefon ab. «Was, der Ehemann hat die Scheidung eingereichet?», sagt er und hängt auf. Nur: das war glatt gelogen, es handelte sich um einen fingierten Anruf der Stasi-Leute, um die Gefangenen einzuschüchtern. Diese hatten, abgeschottet von der Aussenwelt, keine Chance, dies nachzuprüfen.
Täglich ging es 30 Minuten in die Freigangsboxen. Ein Bereich war zirka drei Mal acht Meter gross. Die Mauern waren vier Meter hoch und nach oben mit Maschendraht vergittert. Auch hier war man alleine, nur ein Wächter mit Maschinenpistole drehte seine Runden. Zum Abschluss des Rundgangs erwähnt Juritza die drei Wachtürme. Soldaten des Wachregiments konnten die Türme nur von aussen betreten, waren zu keiner Zeit auf dem Gelände. Höchste Geheimhaltung hatte für die Stasi Priorität: Viele dieser Soldaten kehrten nach der Mindestverpflichtungszeit von drei Jahren wieder ins Zivilleben zurück – und je weniger sie von Hohenschönhausen wussten, desto besser für die Stasi. Einige der damaligen Soldaten auf den Wachtürmen haben inzwischen die Gedenkstätte besucht um zu erfahren, was sich auf dem Gelände abspielte, das sie bewachten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.08.2010, 11:37 Uhr



