Zum Jahrestag in Gefechtsbereitschaft
Von David Nauer, Tiflis. Aktualisiert am 05.08.2009
So hat es im vergangenen Jahr auch angefangen: nächtliche Schiessereien, versteckte Sprengsätze, gegenseitige Anschuldigungen. In der Nacht auf den 8. August 2008 brach dann ein offener Krieg um Südossetien aus. Zuerst rückten die Georgier vor, darauf schlugen Russen und Osseten zurück.
Die Wunden von damals liegen immer noch offen, und je näher der Jahrestag rückt, desto unruhiger wird die Region. Am Dienstag explodierte im Grenzgebiet ein Sprengsatz, ein georgischer Teenager wurde schwer verletzt. Derweil sollen mehrere Geschosse auf die südossetische Hauptstadt Zchinwali gefallen sein. Die Behörden machten vorsorglich die Grenze zu Georgien dicht, aus Angst vor georgischen «Provokationen». Südossetiens Schutzmacht Russland hat bereits seine Truppen in Gefechtsbereitschaft versetzt.
«Der Krieg» – das Thema Nummer 1
Auch in Georgien liegen die Nerven blank. Das Staatsfernsehen berichtet unablässig von neuen «Übergriffen» durch die Separatisten. In öffentlichen Verkehrsmitteln, in Cafés und Büros ist «der Krieg» Thema Nummer 1. Das Aussenministerium klagt, Russland und das «südossetische Marionettenregime» würden die Situation bewusst anheizen. Gefährlich ist die Situation ohnehin schon: In Südossetien sind mehrere Tausend russische Soldaten stationiert, es soll von Geheimdienstlern nur so wimmeln. Dazu kommen einheimische Milizen. Auf der Gegenseite haben sich georgische Truppen eingebuddelt, oft nur wenige Dutzend Meter von den ossetisch-russischen Posten entfernt. Eine EU-Überwachungsmission soll verhindern, dass jemand im Geheimen aufrüstet. Doch die Russen verweigern den europäischen Beobachtern den Zugang zu Südossetien. Und auch was die Georgier tun, lässt sich nicht restlos überwachen.
An einer anderen Front sind Schweizer Diplomaten tätig: Sie stellen sicher, dass es zwischen Russland und Georgien wenigstens ein Minimum an Kontakt gibt. Nach dem Krieg vom vergangenen August hatte Georgien sämtliche diplomatischen Beziehungen zu Russland gekappt. Offiziell sprechen Politiker und Beamte der beiden Länder nicht mehr miteinander.
Hier kommen Berns Beamte und ihre Guten Dienste ins Spiel: Sie geben zwischen den beiden Rivalen Nachrichten weiter – einem neutralen Postboten gleich. Dem Vernehmen nach wird diese diplomatische Dienstleistung rege genutzt.
Sonderaufgabe für die Schweiz
Mit einer Sonderaufgabe ist zudem die Schweizer Diplomatin Heidi Tagliavini betraut. Sie untersucht im Auftrag der EU, wie es 2008 zum Waffengang gekommen war. Ein abschliessender Bericht soll klären, was Propaganda der Kriegsparteien war und was nicht. Im Zentrum steht die Frage, wer den Krieg damals angefangen hat. Die georgische Regierung behauptet, sie habe sich bloss gegen einen russischen Angriff gewehrt. Moskau spricht dagegen von einer «georgischen Aggression». Die Wahrheit dürfte wohl dazwischen liegen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.08.2009, 23:33 Uhr
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