Zwei Freunde auf einer Mission

Sepp Blatter und Wladimir Putin schauen voller Zuversicht auf die Fussball-WM in Russland. Nur einmal war ihre Freundschaft etwas angekratzt. Doch das legte sich schnell wieder.

Blicken gemeinsam in Richtung Fussball-WM: Sepp Blatter (links) und Wladimir Putin bei der «Stabsübergabe» in Rio de Janeiro.

Blicken gemeinsam in Richtung Fussball-WM: Sepp Blatter (links) und Wladimir Putin bei der «Stabsübergabe» in Rio de Janeiro. Bild: Keystone

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Bestimmt hätte Angela Merkel den WM-Final gerne inmitten deutscher Fussballfans genossen. Stattdessen musste die deutsche Bundeskanzlerin neben Wladimir Putin Platz nehmen. Mit dem russischen Präsidenten unterhielt sie sich kurz vor dem Match über die Ukraine-Krise – sie fanden keine Lösung. Die angespannte Körperhaltung verriet: Die gute Miene zum bösen Spiel gelang nur mässig.

Lieber drehte sich Putin auf die andere Seite – zu Sepp Blatter. Das Verhältnis zwischen dem Kreml-Chef und dem Schweizer Fussballfunktionär ist offensichtlich freundschaftlich. Das sorgte in den sozialen Medien für augenzwinkernden Spott: Der australische Wettanbieter Sportbet erinnerte etwa mit einer Fotomontage daran, dass die beiden nicht zum ersten Mal nebeneinander sitzen:

Ein englischer Fussballfan witterte bei den beiden gar mehr als Freundschaft:

Putin und Blatter werden künftig öfters Gelegenheit haben, freundschaftliche Gesten auszutauschen: 2018 ist Russland Gastgeber der Fussballweltmeisterschaften. Bis dahin gibt es noch viel zu organisieren. An der sogenannten Stabsübergabe in Rio de Janeiro schraubte der russische Präsident die ohnehin hohen Erwartungen zusätzlich nach oben: «Unsere Aufgabe ist es, die besten Bedingungen zu schaffen für Trainer, Spieler, Experten und Fans. Wir werden alles dafür tun, um den Event auf höchstem Level zu organisieren.»

Fifa sieht Demokratie-Mangel als Vorteil

Die Fifa teilt diese Zuversicht. Obwohl Blatter bereits den brasilianischen Organisatoren 9,25 von 10 möglichen Leistungspunkte erteilte, glaubt der Verband an eine Steigerung. Generalsekretär Jérôme Valcke verweist auf die «vorteilhaften politischen Strukturen» in Russland. «Weniger Demokratie» würde die Vorbereitungen auf die WM erleichtern: «Wenn es einen starken Staatschef gibt, der entscheiden kann – wie Putin –, ist es einfacher für uns als Organisatoren.»

Für den hochrangigen Sportfunktionär Gian-Franco Kasper sind solche Aussagen «äusserst ungeschickt»: Es impliziere, dass sportliche Grossanlässe nur noch an Staaten vergeben werden sollten, die keine Demokratie hätten. Als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) kennt Kasper die Strukturen in Russland. Die Organisation der Olympischen Winterspiele in Sotchi sei auch deshalb mehr oder weniger reibungslos verlaufen, weil alle Fäden bei einem Mann zusammengekommen seien: Putin. «Parlamentarische Systeme westlicher Art wirken verzögernd auf die Durchführung von Grossanlässen», sagt Kasper gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Gazprom als Partner der Fifa

Ein weiterer Aspekt sorgt bei Fifa-Funktionären für glänzende Augen: Geld. Der Kreml ist bereit, 21 Milliarden Dollar für das Turnier bereitzustellen – «im Minimum», wie der Vorsitzende des Organisationskomitees erklärte. Das ist mehr als die letzten Weltmeisterschaften in Brasilien und Südafrika zusammen gekostet haben.

Die Fifa profitiert bereits jetzt von der Spendierfreudigkeit Russlands. Vergangenen Herbst unterschrieb der Verband einen Sponsoringvertrag mit Gazprom. Die russische Regierung hält beim Energiekonzern 50 Prozent der Aktien und besitzt die Mehrheit der Aufsichtsratssitze. Sportaktivisten werfen dem Konzern vor, durch dessen wachsendes Engagement im Fussball als Marketing-Instrument des Kremls zu fungieren.

«Der Gigantismus schadet dem Sport»

Tatsächlich steigert Gazprom seine Investitionen in Fussball kontinuierlich. Seit 2012 ist das Unternehmen Sponsor der Uefa Champions League und des Uefa-Superpokals. Darüber hinaus bestehen millionenschwere Partnerschaften mit den Spitzenklubs Schalke 04 und FC Chelsea. «Wie sich die Fussballfunktionäre einkaufen lassen, ist extrem traurig», sagt Viola von Cramon, sportpolitische Sprecherin der deutschen Grünen. Sie kritisiert, dass die Verbände das russische Geld gerne nehmen, sich gleichzeitig aber aus Menschenrechtsfragen heraushalten würden.

Im Hinblick auf die Fussball-WM wiederholt IOC-Mitglied Kasper seine Kritik, die er schon zu Sotchi geäussert hatte: «Der finanzielle Gigantismus schadet dem Sport». Im Olympischen Komitee fände zurzeit ein Umdenken statt, zumindest was die Winterspiele betreffe: Zurück zum Wesentlichen und Verzicht auf übermässigen Luxus, so die Aussage Kaspers.

Die Fifa entwickelt sich derweil in die gegenteilige Richtung: Russland 2018 wird als teuerstes Fussballturnier in die Geschichte eingehen. Ein Rekord, der voraussichtlich bereits vier Jahre später wieder geknackt wird. Für Katar 2022 werden die Kosten auf weit über 100 Milliarden Dollar geschätzt.

Doch die hohen Summen täuschen nicht über Probleme hinweg. Unbezahlte Wanderarbeiter, Korruption und ein gigantisches Sicherheitsdispositiv, das die Zuschauerstimmung in Sotchi bisweilen drückte: Die Fifa, die sich grundsätzlich nicht zu politischen Angelegenheiten äussert, verzichtete bisher auf Kritik. Stattdessen wiederholt Blatter mantraartig, dass er keinen Zweifel habe, dass die WM «ein grosser Erfolg» wird.

Nur einmal gab es leise Kritik

Nur einmal erhielt die Freundschaft zwischen Putin und Blatter einen kleinen Kratzer. Grund war das Anti-Homosexuellen-Gesetz, das letztes Jahr in Kraft trat. Blatter verlangte darauf von Putin eine Klarstellung, ob auch ausländische Spieler und Fans von der Regelung betroffen seien. Russland versprach darauf, die Sicherheit aller Besucher und Fans während des Turniers zu gewährleisten.

Das schwammige Versprechen reichte bereits, um Blatters Aufmucksen im Keim zu ersticken. Er will auch selbst keine Verantwortung übernehmen: «Homophobie ist eine Frage der Erziehung, nicht eine Frage des Fussballs. Die Klubs müssen selbst einen Teil der Verantwortung für diese Erziehung übernehmen.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 16.07.2014, 20:40 Uhr)

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