Angst vor dem Trump-Effekt in Österreich

So krass waren die Gegensätze selten: Hofer oder Van der Bellen als Präsident? Hunderttausende Wähler sind noch unentschlossen.

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Arnold Schwarzenegger hat in den USA live miterlebt, wie sich Donald Trump den überraschenden Wahlsieg gesichert hat – nun könnte auch im «Terminator»-Heimatland Österreich ein Trump-Effekt den Ausschlag geben. Fragt sich nur: Für wen? Vor der Neuauflage der österreichischen Präsidentenwahl an diesem Sonntag hoffen beide Kandidaten darauf, Profit aus dem Sieg des Populisten in den USA zu schlagen – nur eben auf ganz unterschiedliche Weise.

Österreichs Bürger sind die ersten in der EU, die seit Trumps Wahlsieg am 8. November zu einer grossen Wahl an die Urne treten. Zur Wahl stehen der moderate frühere Grünen-Chef Alexander Van der Bellen und der Rechtspopulist Norbert Hofer.

Chaotische Zustände bis zum dritten Termin

Es ist der nächste in einer Reihe von Anläufen, um den künftigen Präsidenten zu bestimmen. Das Ergebnis der ersten Stichwahl am 22. Mai – ein Sieg Van der Bellens – wurde wegen Unregelmässigkeiten bei der Auszählung annulliert. Der zweite Termin am 2. Oktober wurde abgesagt, weil es Probleme mit den Klebestreifen der Kuverts für die Briefwahl gab. Nun soll es endlich klappen.

Bei der Wahl geht es um viel mehr als um den weitgehend zeremoniellen Posten in Wien. Sie könnte von grosser Bedeutung für ganz Europa sein – betrachtet man, welche Wahlen in den kommenden Monaten anstehen – und wer dabei im Rennen ist.

Sowohl in Frankreich als auch in den Niederlanden und schliesslich in Deutschland stehen Populisten und Euroskeptiker auf den Stimmzetteln. Sie versprechen sich der Reihe nach einen Schub von Trumps US-Sieg.

Setzt auch auf des Populismus-Pferd: Marine Le Pen unterstützt den rechtskonservativen Hofer. (AP Photo/Michel Euler)

Da wäre zum Beispiel die Chefin der französischen Front National, Marine Le Pen. Die begrüsste Trumps Sieg als «Zeichen der Hoffnung».

Rechtspopulist Geert Wilders, der in der Niederlanden hofft, nächster Regierungschef zu werden, sprach von einer «Revolution» durch Trump. Im Strafprozess gegen ihn wegen Volksverhetzung bezeichnete Wilders den Wahlausgang in den USA als Start einer Bewegung, die «kurzen Prozess macht mit der politisch korrekten Lehre der Elite und deren untergebenen Medien». Er fügte hinzu: «Es steht kurz davor, sich in Österreich bewähren.»

Träumt von einer Revolution: Der islamophobe Politiker Geert Wilders während eines Gerichtstermins in Amsterdam. (Foto: AP Photo/Peter Dejong)

Dort hofft Van der Bellen darauf, dass sich Trumps Triumph als Weckruf erweist und letztlich mehr Wähler für ihn als für Hofer stimmen. Hofer, dessen Wählerbasis von mit dem politischen Establishment unzufriedenen Stimmberechtigten bis zum rechtsextremen Rand reicht, huldigte das US-Wahlergebnis als einen Sieg der Demokratie und über diejenigen, die Trump gescholten hätten.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup glaubt die Mehrheit der Österreicher, dass Trumps Erfolg eher Hofer nutzen wird. 53 Prozent der 800 Befragten gaben an, dass der Trump-Sieg Hofer nützen werde - nur neun Prozent rechneten damit, dass er Van der Bellen etwas bringt. Der Rest war unentschlossen.

In Wien finden sich dagegen potenzielle Wähler, die sowohl Hofer als auch Van der Bellen als möglichen Profiteur eines Trump-Effekts sehen. Sie denke eher, dass Trumps Sieg Hofer helfe, sagt etwa die Van-der-Bellen-Anhängerin Fanny Holzer. Wenn man allerdings den Nonsens berücksichtige, den Trump künftig im Weissen Haus anstellen könne, könnte er auch Van der Bellen helfen, mutmasst die 19-Jährige.

Emotionaler Wahlkampf: «Oma Gertrude» wirbt für Van der Bellen (Video: Youtube/vienna vital).

Andere wie der 67-jährige Leo Ebner berichten, dass der Wahlausgang in den USA nichts an ihrem Entschluss geändert habe, für wen sie votieren. Und Amerika, sagt Ebner, sei ausserdem ein ganzes Stück weit weg von Österreich.

Der Analyst Thomas Hofer, der nicht mit dem Kandidaten verwandt ist, spielt einen möglichen Trump-Faktor ebenfalls herunter. Während Themen wie Einwanderung und Terrorgefahren in beiden Kampagnen immer wieder an der Tagesordnung gestanden hätten, spielten innenpolitische Themen beim Wahlausgang am Sonntag eine weitaus grössere Rolle, ist sich der Experte sicher.

Trump ungleich Hofer

Es sei falsch, Trump und den Kandidaten Hofer gleichzustellen, sagt Analyst Hofer. Der Amerikaner habe jeglichen Anschein politischer Korrektheit bei seinen Angriffen auf Rivalin Hillary Clinton in die Tonne geworfen. Der Österreicher habe dagegen daran gearbeitet, sein Image zu enthärten, um unentschlossene Wähler auf seine Seite zu ziehen, die nichts von der euroskeptischen, einwanderungsfeindlichen Haltung seiner FPÖ hielten. In Fernsehdebatten habe er seine harte Botschaft in weichen Formulierungen verpackt und sei meist freundlich und zuvorkommend erschienen, sagt sein Namensvetter.

Van der Bellen sagt, die Gemeinheiten im österreichischen Wahlkampf seien harmlos gewesen, wenn man sie an der Schlammschlacht in den USA messe. Er kann jedoch nicht leugnen, dass die FPÖ seit Trumps Sieg von einem zunehmend schärferen Ton Gebrauch macht.

Ein Bezirksverband von Hofers Partei in der Steiermark stellte auf seiner Facebook-Seite ein Wahlkampffoto von Van der Bellen vor einer Berglandschaft neben ein Foto Adolf Hitlers vor einem ähnlichen Hintergrund – starker Tobak. Van der Bellens Wahlkampfmanager Lothar Lockl befand, diese Methoden ähnelten denen Trumps, die aber keinen Platz in Österreich hätten. Der Facebook-Eintrag ist mittlerweile wieder verschwunden.

Ob solche fragwürdigen Attacken einen Effekt in der Wählerschaft haben, ist unklar. Jeder kleine Schwung für eine der beiden Seiten könnte jedoch in dem engen Rennen die Entscheidung bringen. Noch immer sind Hunderttausende Österreicher unentschlossen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2016, 14:32 Uhr

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