Das Gift in Deutschlands Mitte

In der deutschen Bevölkerung wird Islamfeindlichkeit alltäglich.

Ein syrisches Ehepaar unterwegs zur Registrierung in der Unterbringungseinrichtung im deutschen Herford. Foto: Reuters

Ein syrisches Ehepaar unterwegs zur Registrierung in der Unterbringungseinrichtung im deutschen Herford. Foto: Reuters

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Wenn Heime von syrischen und irakischen Flüchtlingen brennen, wenn türkische Frauen mit Kopftuch bespuckt und tunesische Familienväter verprügelt werden, wenn an einer Moschee gar ein Sprengsatz explodiert, dann ist das Entsetzen der deutschen Öffentlichkeit immer gross. Dies seien nicht bloss Angriffe auf Muslime oder den Islam, heisst es dann gern, sondern Angriffe auf uns alle.

Wahr ist allerdings auch, dass solche Attacken immer alltäglicher werden und die Öffentlichkeit immer weniger denkt, dass es dabei auch um sie selbst geht. Viele haben sich an die Hetze, die täglichen Gewalttaten gewöhnt und nehmen gar nicht mehr wahr, wie sie das gesellschaftliche Klima schleichend verpesten. Es sei wie in der Geschichte mit dem Frosch im Wasserbad, sagte ein Politiker diese Woche in Dresden. Wenn die Temperatur stetig steige, werde der Frosch am Ende gekocht, ohne es zu merken.

Die geistige Atmosphäre hat sich zuletzt in einer Weise erhitzt, wie man es kaum für möglich gehalten hätte. Die Alternative für Deutschland (AfD) und die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) haben daran mit ihren islamfeindlichen Parolen und Aufmärschen einen grossen Anteil, sind aber selbst nur Symptome einer breiteren gesellschaftlichen Abwehrhaltung. Dass der Islam eine Gefahr und mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sei, das glauben nicht nur die Wortführer der AfD, sondern eine Mehrheit der Bevölkerung. Drei von fünf Deutschen finden, der Islam gehöre nicht zu Deutschland.

Druck von zwei Seiten

Das Ansehen des Islam und der Muslime könnte schwerlich schlechter sein. Weithin gilt er als gewalttätig, frauenfeindlich, intolerant. Der Westen fühlt sich vom Terror radikaler Islamisten besonders bedroht, obwohl sich deren Kulturkampf in erster Linie gegen die gemässigten Muslime in der arabischen Welt richtet. Die muslimischen Einwanderer stehen so von zwei Seiten unter Druck. Sie reagieren darauf nicht selten mit neokonservativen Haltungen, die die westliche Mehrheitsgesellschaft zusätzlich irritieren.

Aber statt mit Mass und Kraft die tatsächlichen Probleme von Integration und Terror anzugehen – Bildung und Dialog sind dafür nötig, aber auch Polizei und Geheimdienste –, wird der Islam zum Sündenbock und Feindbild gestempelt. Die «Islamkritiker» haben dabei bereits wichtige Grenzen verschoben – ein Eingriff, der vielen längst nicht mehr auffällt. Schon länger ist in der öffentlichen Debatte kaum noch von Türken, Syrern oder Iranern die Rede, sondern nur noch von Muslimen. Soziologen sprechen von einer mutwilligen «Islamisierung der Migranten». Sie stellt deren Religion ins Zentrum, obwohl die meisten hiesigen Muslime wenig gläubig sind. Vor allem aber löscht sie alle anderen Identitätsmerkmale aus. Auf einmal wirkt der Islam, wie wenn er eine Ethnie wäre. Statt von patriarchalischen, repressiven Kulturen in der arabischen Welt zu sprechen, wird deren Charakter als Natur des Islam an sich ausgegeben – und am Ende als diejenige jedes einzelnen Muslims.

Dieser als sachliche Kritik verbrämte Rassismus ist gewiss keine deutsche Besonderheit. Dennoch irritiert er besonders in einem Land, dessen Rassenwahn im 20. Jahrhundert das jüdische Volk beinahe vernichtet hat. Ist der Islamhass der salonfähige Antisemitismus unserer Zeit, wie der syrisch-deutsche Dichter Rafik Schami sagt? Linke Aktivisten werden jedenfalls nicht müde, rassistische Forderungen wie «Schwimmverbote für Muslime» mit antisemitischen Verboten der Nazizeit gleichzusetzen. Ayman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, sagte zum Anti-Islam-Programm der AfD: Zum ersten Mal seit der Hitlerzeit gebe es wieder eine Partei in Deutschland, «die eine ganze Religionsgemeinschaft diskreditiert und existenziell bedroht».

Die Vergleiche sind nach aktuellem Stand weit überzogen. Weder AfD noch Pegida planen einen Massenmord an deutschen Muslimen. Dennoch malt man sich ungern aus, wie Deutschland sich wandeln würde, wären die Muslimfeinde an der Macht. Nicht nur Schleier und Minarette würden verboten, sondern bald auch die Moscheen und der religiöse Unterricht überhaupt. Eine Vizechefin der AfD ant­wortete auf die Frage, ob sie alle Muslime ausweisen würde, wenn sie könnte: «Im Moment nicht.» Jede völkische Utopie führt früher oder später ins Lager.

Noch schwerer als die Sorge um die Zukunft wiegt die um die Gegenwart. Bereits heute vergiftet die Anti-­Islam-Stimmung das Zusammenleben mit vier bis fünf Millionen Türkisch-, Bosnisch- oder Iranischstämmigen. Viele von ihnen sind in Deutschland aufgewachsen. Die Verachtung, die sie durch die Mehrheitsgesellschaft erfahren, verbittert vor allem die Unreligiösen, Liberalen oder gemässigt Frommen, während die Radikalen sich in ihrer Ansicht bestätigt fühlen, der Westen führe einen Kreuzzug gegen ihre Religion.

«Der Islam ist Teil Deutschlands und Teil Europas. Er ist Teil unserer Gegenwart, und er ist Teil unserer Zukunft. Muslime sind in Deutschland willkommen. Sie sollen ihre Talente entfalten, und sie sollen unser Land weiter voranbringen.» Dies sagte der Christdemokrat Wolfgang Schäuble als Innenminister vor genau zehn Jahren. Es klingt wie aus einer längst vergangenen Zeit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2016, 22:04 Uhr

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