Das Herzchen rast

Malta erlebt einen aufregenden Politkrimi um mysteriöse Koffer, mutmassliche Schmiergelder und eine russische Whistleblowerin.

Geballter Reichtum: Der Jachthafen in Maltas Hauptstadt Valletta. Foto: John Haslam (Flickr)

Geballter Reichtum: Der Jachthafen in Maltas Hauptstadt Valletta. Foto: John Haslam (Flickr)

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Malta sieht sich gern als «Herz des Mittelmeers». Damit lässt sich ganz gut werben, der Slogan hat ja auch etwas für sich. Malta liegt in der Strasse von Sizilien, einer Kreuzung zwischen Afrika und Europa. Ein Archipel mit drei kleinen, steinigen und ockerfarbenen Inseln mitten im grossen Blau, bewohnt von einer halben Million Menschen. Sie atmen beide Welten, den Süden und Norden. Die beiden Welten spiegeln sich in der Küche, der Sprache, der Architektur und der Mentalität. Da kommt viel Spannendes und Widersprüchliches zusammen.

Im Kopf aber sind die Malteser Europäer, nordwärts gerichtet und noch immer geprägt vom Nachlass der Briten, die das Land bis 1964 beherrscht hatten. Seit dreizehn Jahren gehört es zur Europäischen Union. Malta ist der kleinste Mitgliedsstaat, ein Herzchen am südlichen Rand der Union. Zuweilen mutet es aber so an, als sei das eine ganz andere, etwas bizarre Welt. Jetzt ist es wieder so, ausgerechnet da Malta erstmals die Präsidentschaft der EU innehat. Das Herzchen rast.

Die Malteser erleben einen Politthriller, wie er selbst in der skandalerprobten Geschichte ihrer stets zerrissenen Politik noch nicht vorgekommen ist. Als Protagonisten treten auf: der Premierminister, dessen Frau und zwei enge Vertraute mit je heimlichen Firmen und Konten; die verdächtig spendable Tochter eines Diktators aus Vorderasien; eine Whistleblowerin, die von sich sagt, sie fürchte nichts, sie sei schliesslich Russin; ein iranischer Bankdirektor, der seine maltesische Bank nächtens mit zwei Koffern durch einen Seitenausgang verlässt; eine Bloggerin, die alle in Atem hält mit ihren Enthüllungen und Anschuldigungen. Rührt man alle bisherigen Episoden dieses Krimis zusammen, schält sich der Verdacht heraus, dass prominente Figuren der maltesischen Regierung im grossen Stil Schmiergeld kassiert haben.

«Kriminali»: Demonstranten protestieren Ende April in der Hauptstadt Valletta gegen ihre Regierung . Foto: Darrin Zammit Lupi (Reuters)

Der Druck ist so gross, dass Maltas Premier, Joseph Muscat von der sozialdemokratischen Labour Party, der seit 2013 an der Macht ist, keinen anderen Ausweg mehr sah, als Neuwahlen anzusetzen, ein Jahr vor dem ordentlichen Termin. Die meisten erfuhren davon per Twitter, Muscats liebstem Kommunikationskanal: «Am 3. Juni», schrieb er da, «entscheidet Malta, ob die Uhr zurück- oder vorgestellt wird.» Soll heissen: Wer für seine Labour stimmt, wählt den Fortschritt; und wer die ewigen Rivalen der konservativen Nationalist Party wählt, schaut zurück.

Briefkastenfirmen in Panama

Noch bescheinigen die Umfrageinstitute Muscat einen kleinen Vorsprung von vier Prozent. Denn Malta geht es eigentlich prächtig: Die Wirtschaft wächst; die Arbeitslosenquote ist so tief wie selten; der Staat hat zum ersten Mal seit 36 Jahren einen Budgetüberschuss. Doch das Polster der Gunst zerfranst nun ganz schnell. Stellt sich heraus, dass die jüngsten Vorwürfe gegen seine Frau wahr sind, dann ist Muscat weg.

Die Affäre begann im Februar 2016. Da kündigte eine Journalistin und Bloggerin mit dem filmhaft schönen Namen Daphne Caruana Galizia an, dass sich gerade ein ganz grosser Skandal entfalte, in deren Zentrum Muscats wichtigste Mitarbeiter stehen würden: Konrad Mizzi, damals Energie- und Gesundheitsminister, und Keith Schembri, der Kabinettschef. Sie nahm vorweg, was einige Monate später aus den Panama Papers hervorging: Mizzi und Schembri hatten, kaum waren sie im Amt, Off-Shore-Firmen in Panama und Trusts in Neuseeland eröffnet. Ihr Berater war Brian Tonna vom Finanzdienstleister Nexia BT, der auch die maltesische Zweigstelle der panamaischen Treuhandfirma Mossack Fonseca leitete. Die beiden Kabinettsleute bestritten, Unrechtes getan zu haben. Schembri blieb im Amt. Mizzi gab seine beiden Portfolios ab, behielt jedoch weiterhin seine Hand über Maltas Energiegeschäfte.

Der Safe in der Küche

Muscat stellte sich von Anfang an schützend vor seine zwei Vertrauten, auch dann noch, als die Malteser in Massen auf die Strassen gingen und den Rücktritt von allen dreien forderten. Persönlich traf den Premier zunächst keinen Vorwurf. Er dachte wohl, er könne den Skandal aussitzen.

Vor zwei Wochen aber meldete sich die Bloggerin wieder und behauptete, sie besitze Dokumente, die belegten, dass die oft genannte panamaische Offshore-Gesellschaft Egrant Inc. Michelle Muscat gehöre, der Frau des Premiers. So stehe es auf einem Papier, das in einem Safe in der Küche der kleinen maltesischen Pilatus Bank aufbewahrt worden sei. Die Akte, sagte Daphne Caruana Galizia, sei ihr von einer ehemaligen Mitarbeiterin zugespielt worden, einer Russin, die das Dokument gescannt habe und nun als Whistleblowerin mit der Justiz zusammenarbeite. Sie habe es in ihrer Datencloud gespeichert, damit es nicht zerstört werden könne. Es stünden darauf Name, Geburtsdatum und Geburtsort von Muscats Gattin.

Reise nach Baku

Brisant sind die Anschuldigungen: Auf dem Konto der Egrant Inc. bei der Pilatus Bank, schreibt die Bloggerin, seien Anfang 2016 unter anderem eine Million Euro eingegangen sowie jeweils wöchentlich zwei Gutschriften über 100'000 Euro, während dreier Monate. Einbezahlt habe das viele Geld Leyla Alijewa, die Tochter des aserbeidschanischen Herrschers Ilham Alijew, dem Hauptkunden der Pilatus.

Man erinnerte sich in Malta nun daran, dass Muscat und seine Kabinettsfreunde in den vergangenen Jahren zweimal nach Baku gefahren waren, um dort über einen Energiedeal zu verhandeln. Eine dieser Reisen war nur halb offiziell: Die maltesische Presse, die sonst immer dabei ist, war nicht informiert.

Am Abend nach den Enthüllungen über die Egrant Inc. filmte eine Crew des Senders Net TV, wie der Chef der Pilatus Bank, ein Iraner, und deren Risikomanagerin, eine Malteserin, das Institut durch eine Seitentür verliessen. Sie trugen zwei Koffer und eine Aktentasche mit sich. Über den Inhalt der Koffer wurde danach viel gemutmasst: War Geld drin? Oder waren es Kundendaten? Oder beides? Der Bankdirektor behauptete, er sei gerade von einer Reise nach Washington D. C. zurückgekehrt, mit Koffern voller Kleider.

Auf einem Schweizer Konto

Auch Schembri ist wieder in den Schlagzeilen. Der Stabschef Muscats soll von drei Russen, die sich um den Kauf der maltesischen Staatsbürgerschaft beworben haben, mit 166'831 Euro bestochen worden sein. Das Geld landete auf einem Schweizer Konto, von dem Schembri kürzlich sagte, er habe es längst aufgelöst. Nun droht ihm ein Strafverfahren. Den angeblichen Beweis für die Zahlungen erhielt der Untersuchungsrichter vom Oppositionschef, Simon Busuttil, Muscats wichtigstem Rivalen.

Das politische Klima ist hoch toxisch, zerfressen von Spekulationen und Komplotttheorien. Muscats Beschluss, die Wahlen vorzuziehen, wirkt dabei wie eine Wette gegen die Zeit. Vor der Auberge de Castille, dem barocken Regierungspalast in der Hauptstadt Valletta, haben wieder Tausende Gegner protestiert. Auf ihren Plakaten stand «Barra Issa», das ist Maltesisch und heisst: «Raus, jetzt.» Auf anderen stand «Kriminali», und das bedarf wohl keiner Übersetzung.

Das Maltesische übrigens ist eine melodiöse Sprache, ein schöner Mix aus Arabisch, Hebräisch, Italienisch und Englisch. Fast schon eine Weltsprache – nur halt von einer kleinen, bewegten, eigenen Welt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2017, 22:37 Uhr

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