Der Berührbare

Ein Magier? Ein Reformer? Emmanuel Macron ist die Sensation des französischen Wahlkampfs. Er könnte der jüngste Präsident des Landes werden.

Emmanuel Macron ist der einzige Präsidentschaftskandidat, der Le Pen noch stoppen kann. Foto: Stephanie Grangier (Corbis, Getty)

Emmanuel Macron ist der einzige Präsidentschaftskandidat, der Le Pen noch stoppen kann. Foto: Stephanie Grangier (Corbis, Getty)

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Es kommt jetzt öfter vor, dass ihm das Lachen vergeht. Selbst das Lächeln fällt ihm manchmal schwer. Vor wenigen Wochen noch hat Emmanuel Macron grinsend all die Tiraden linker wie rechter Gegner ignoriert, die ihn «einen Agenten der Grossfinanz» schimpfen. Oder die ihn als «Mondialisten» schmähen, als Globalisierer und vaterlandslosen Weltbürger. Auch die widerwärtige Karikatur, die ihn vorige Woche in Nazi-Manier als Banker mit Hakennase und Zylinder verunglimpfte – früher hätte er das Machwerk weggelacht. Einfach so. Schliesslich kennt dieser 39-jährige Sonnyboy seine Stärken: Dieses Lächeln ist, zusammen mit dem Blick der treublauen Augen, seine unfehlbare Waffe.

Doch nun wird es ernst, in fünf Wochen ist der erste Durchgang von Frankreichs Präsidentschaftswahl. Die Umfragen sehen Macron als künftiges Staatsoberhaupt. Also prügeln alle auf den Favoriten ein, und also müht sich der Himmelstürmer neuerdings um mehr präsidentielle Würde: «Ich fürchte, ich werde für viele Menschen zur Obsession», wehrt Macron die Frage ab, ob ihm die Angriffe unter die Haut gingen. Er beisst sich auf die Lippen, atmet durch: «Ja, es stimmt, das Land hat die Wahl: Entweder es läuft der extremen Rechten hinterher, die aus Europa herauswill – oder wir erneuern uns als weltoffenes Land in Europa.» Kein Lächeln.

Erstes Duell mit Le Pen

Langsam dämmert Macron, welche Verantwortung da auf ihm lastet. Für die Nation, für Europa. Seine Landsleute wollen einen Neuanfang, mit frischem Personal. Frankreich 2017, das ist No Country for Old Men. Der amtierende Präsident tritt ab, und im Vorwahlkampf jagten die Franzosen nacheinander einen Ex-Präsidenten, zwei frühere Regierungschefs und eine Handvoll ehemaliger Minister von der politischen Bühne. Ein dritter Ex-Premier, der Republikaner François Fillon, ruiniert gerade seine Kandidatur mit Finanzskandalen. Und die beiden Aspiranten auf der Linken können nur Opposition.

Ruiniert gerade seine Kandidatur mit Finanzskandalen: Der Republikaner François Fillon. Foto: Christophe Petit Tesson/ Keystone

Übrig bleibt er: Emmanuel Macron – sozialliberal, parteilos, proeuropäisch – ist allen Prognosen nach der letzte Mann, der steht. Und der Allerletzte, der Marine Le Pen, die Chefin des Front National, noch zu stoppen vermag. Versagt Macron, könnte Le Pen als Präsidentin über den Weg eines EU-Austritts den Euro und Europa zertrümmern. Ein «Frexit» wäre der kontinentale GAU. Heute Montagabend erwartet Macron der nächste Test: Die fünf wichtigsten Kandidaten treten an zur TV-Debatte. Es ist sein erstes Duell mit Le Pen.

Der Wahlkampf zehrt an Macron. «Er arbeitet bis tief in die Nacht, und früh um sechs weckt er uns mit irgendeiner SMS», erzählt ein Mitarbeiter. «Er ist angespannter als früher», sagt der Grüne Daniel Cohn-Bendit, der Macron unterstützt, «er hat begriffen, dass er bei dieser Wahl Frankreichs letzter Anker in Europa ist.»

«Er hat begriffen, dass er bei dieser Wahl Frankreichs letzter Anker in Europa ist.»Ein Mitarbeiter Macrons

Macrons Wangen sind bleich, seine schmalen Schultern hängen herab, als er morgens in den TGV steigt. Macron reist immer zweite Klasse, diesmal Richtung Westen, Wahlkampf auf dem Land, im «wahren Frankreich». Der Kandidat nippt am Kaffeebecher, liest Mails auf zwei Handys, gibt Passagieren Autogramme. Und er schenkt jedem sein Lächeln. Drei Sitzreihen weiter beobachtet ein betagtes Ehepaar den Rummel. Sie tuschelt, was ihr jüngster Sohn erzählt habe von Macron: «Das könnte unser Obama werden.»

Emmanuel, le Barack français? Den kühnen Vergleich hat Laurence Haïm in die Welt gesetzt. Die französische TV-Korrespondentin hatte Obama neun lange Jahre begleitet, ehe sie bei Macron als PR-Beraterin anheuerte. «Er verkörpert das Neue, den Aufbruch, die Hoffnung – genau wie damals Obama», schwärmt sie im Zug. Macron «breche mit den Regeln» der tradierten Parteiendemokratie, überwinde «das alte Links-rechts-Denken». Und obendrein herrsche in den Reihen von «En Marche», der von Macron vor elf Monaten gegründeten Bewegung, «derselbe Esprit, derselbe Enthusiasmus wie einst im Team Obama». 220'000 Franzosen haben sich «EM», dem Kampagnen-Netzwerk mit Macrons Initialen, angeschlossen.

«Er verkörpert das Neue, den Aufbruch, die Hoffnung – genau wie damals Obama»Laurence Haïm, französische TV-Korrespondentin

Macron selbst ist klug genug, den Namen Obama nie in den Mund zu nehmen. Der Musterschüler aus bürgerlichstem Elternhaus, der die Elitehochschule ENA absolvierte und mit 35 Jahren als Banker seine erste Million machte, hat zwar auch Charisma. Aber der politische Ziehsohn und Ex-Wirtschaftsminister François Hollandes ahnt, dass er dem Vergleich mit Amerikas erstem schwarzem Präsidenten nicht standhalten kann. Oder wagt er es doch? Auch Macron fühlt sich beseelt. Und berufen. «Die Politik braucht Helden», sagt er. Für ihn gelte: «The sky is the limit.»

Macrons «unglaubliches Selbstbewusstsein» erklärt ein Vertrauter mit dessen Lebenslauf. Als 17-jähriger Schüler verliebte sich Macron in der Provinzstadt Amiens in seine Lehrerin. Brigitte, 24 Jahre älter, und Emmanuel sind bis heute ein Paar, gegen alle Konventionen. Der Mann traut sich was: 2007, mit nicht mal 30 Jahren und 40'000 Euro Salär im Jahr, kaufte sich dieser Aufsteiger ein Pariser Appartement für 950'000 Euro, auf Pump. Macrons schneller Reichtum weckt Misstrauen. Eine Anti-Korruptions-NGO verlangt, der Kandidat solle sein Vermögen präziser offenbaren.

Macron glaubt an sich, an seinen Erfolg. Neulich liess er wissen, welche Botschaft ihm eine alte Dame auf einem gefalteten Zettel zugesteckt hatte: «Sie wurden erwählt von jenem, der über uns ist», stand da. Politik, so grübelt der studierte Philosoph, habe «etwas Mystisches». In ihr liege «ein Zauber».

Und Macron weiss solchen Zauber zu inszenieren. So wie neulich in Angers, vor 2300 Fans. Wie beinahe immer, wenn der neue Star aus Paris auftritt, sind mehr Menschen gekommen, als der Saal fassen kann. Macron prescht durch einen Seiteneingang auf die Bühne, Lichtorgel und Jazz-Jingle heizen ein. Nur, plötzlich ist Macron wieder weg. Der Kandidat ist durch den Saal gestürmt, hat Hände geschüttelt, Wangenküsschen verteilt – und tröstet nun alle Enttäuschten in der Vorhalle und auf der Strasse, die draussen bleiben müssen. Auch das ist längst Ritual. Macron sucht Kontakt, umarmt. Er ist der Berührbare für alle, die ihm folgen: «Ich komme wieder, versprochen!» Die Antwort erschallt per Sprechchor: «Macron, Président!» Ein Jugendlicher schwenkt ein selbst gefertigtes Pappschild: «Macron = Obama».

Extrem moderat

Dann endlich beginnt Macron seine Rede. Es ist so still im Parkett, dass er auf der Bühne seine Worte ins Mikrofon flüstern kann. Er erinnert daran, wie lange das Land nun schon auf Veränderungen wartet: «Viele Ausländer sagen, wir seien reformunfähig.» Und das stimme ja auch, «denn Reformen, das war immer etwas, was nur von oben kam». Jetzt aber, so verheisst der Präsident in spe, ziehe eine neue Zeit herauf: Es beginne «eine Kulturrevolution» für Frankreichs Zukunft, «und diesmal wird das Volk sie tragen».

Das Volk, von dem Macron spricht, sind seine «Marschierer». Die gemässigte Linke, die moderate Rechte und die engagierte Mitte, die nach den bisherigen Regeln französischer Lager-Demokratie keine Kompromisse kannten. Macron führt sie zusammen. Zu seinen prominenten Unterstützern gehören ein ehemaliger Parteichef der Kommunisten, Realo-Grüne, Sozialdemokraten, liberale wie konservative Europäer. Die Aktivisten an der Basis von En Marche sind Frankreichs Vernunftbürger: Studenten und Besserverdienende zumeist, gut ausgebildet, wohlerzogen.

Politik, so grübelt der studierte Philosoph Macron, habe «etwas Mystisches». In ihr liege «ein Zauber».

Macrons «Kulturrevolution» meint vor allem das «Wie», also die Art und Weise, Politik zu machen. In einem «Grossen Marsch» pilgerten voriges Jahr Anhänger überall im Land von Haustür zu Haustür, um mehr als 100'000 Bürger nach ihren Vorstellungen zu befragen, was sich ändern müsse. 3000 Workshops berieten das Programm, per Internet vernetzen sich täglich neue Marschierer in lokalen Komitees. «Horizontale Demokratie» nennen das Macrons Berater. Nur hat all die Teilhabe natürlich Grenzen. Die 577 Kandidaten für die Parlamentswahl bestimmt allein eine von Macron nominierte Kommission. Und das letzte Wort übers Programm behielt der Kandidat sich selbst vor.

Das «Was» von Macrons «Kulturrevolution», seine konkreten Vorschläge zur Erneuerung Frankreichs also, ist weit weniger aufwühlend. Das starre Arbeitsrecht und die 35-Stunden-Woche will er mehr lockern, als sein Mentor Hollande sich traute. Im Gegenzug möchte er die Wirtschaft mit 50 Milliarden Euro öffentlicher Investitionen anschieben. Macron sammelt seine Ideen überall, mal links, mal rechts. Im Staatshaushalt will er über fünf Jahre 60 Milliarden und 120'000 Bedienstete einsparen – das wäre ein Mittelweg zwischen einem sozialdemokratischen «Weiter-so», wie unter Hollande, und der neoliberalen Rosskur, die der Republikaner François Fillon propagiert. Radikale Mitte, extrem moderat.

Macron begeistert seine Zuhörer im Kongresssaal von Angers, Beifall wallt auf. Macron macht Mut, beschwört einen «Geist der Eroberung», der die Franzosen doch nimmer beseelt habe, «gerade wenn die Gefahren gross sind». Das klingt ein wenig wie «Oui, on peut», was die französische Version für «Yes, we can» wäre. Doch Macron ist Kopfmensch, er verabscheut simple Formeln. So doziert er fünf Minuten lang, wie sehr Frankreichs Wirtschaftskultur der Mut zum Risiko fehle. Das Fazit gerät zum Schachtelsatz: «Ein Land, das das Scheitern nicht erträgt und das den Erfolg nicht liebt, das hat ein grosses Problem.»

Raus aufs Land

Allein mit den Stimmen urbaner Erfolgsbürger wird niemand Präsident. Macron weiss das. Er muss auch ausserhalb der Metropolen punkten, in den Vorstädten, auf dem Land. Also steuert der Kandidat andere Orte an. Weiler wie La Chapelle-Rainsouin. 400 Menschen leben in dem westfranzösischen Dorf, zuletzt wählten 40 Prozent der Milchbauern, Landar­beiter und kleinen Angestellten hier Front National.

Die Kirchenglocke schlägt 12 Uhr, als Macrons Karawane vors Rathaus rollt. Im kargen Gemeindesaal warten zwei Dutzend Landwirte. Missmutig blicken sie auf den Besucher. Der lächelt, stellt Fragen zum Fleischpreis, zur Rente, zu EU-Normen. Und schweigt. Macron ist ein begnadeter Zuhörer. Er saugt Informationen auf, denkt blitzschnell weiter. Man sieht ihm an, wie es ihn drängt zu reden, zu erklären. Doch er hält inne, sucht Augenkontakt mit jedermann.

Der Bauer könnte auch sie wählen: FN-Chefin Marine Le Pen. Foto: Philippe Wojazer (Reuters)

Macrons Rede bleibt am Ende arg abstrakt, aber das ist nicht wichtig. «Der Mann weiss Bescheid», lobt Jérôme Courty, «er belehrt nicht, er hört hin.» Der Viehzüchter hat noch im November bei der Vorwahl der Rechten für den Republikaner Fillon votiert. «Der kriegt nie wieder meine Stimme», schimpft Cour­ty, «ich arbeite 70 Stunden die Woche für 500 Euro netto im Monat, und der Kerl greift in alle Kassen.» Also Macron? «Vielleicht, ich weiss noch nicht», druckst der Bauer. Was heisst: Er könnte auch Le Pen wählen.

Mehr Chancen auf Zulauf hat Macron auf anderem Terrain. «Die Banlieues warten nur auf ihn», beteuert Alexandre Aidara. Der 49-jährige Beamte koordiniert En Marche im Departement Seine-Saint-Denis, in jenen Vorstädten nördlich von Paris also, die Grossbürger nur als Elendsquartiere wahrnehmen. «Die Leute kennen Macrons Programm für die Banlieues nicht», sagt er und lacht, «noch nicht.» 54'000 Flugblätter verteilten die EM-Aktivisten. Macron will in allen Elendsvierteln die Klassen der ersten beiden Schuljahre von 24 auf 12 Kinder halbieren. Und den algerischer Einwanderern erzählt Aidara davon, wie Macron Arbeitslosen aus dem Ghetto mehr Jobs verschaffen will: Arbeitgeber, die Bewerber aus Problemvierteln einstellen, bekämen jährlich 5000 Euro Rabatt bei den Sozialabgaben. Aidara selbst will bei der Parlamentswahl im Juni für En Marche kandidieren.

Das Schicksal des Emmanuel Macron entscheidet sich schneller. Am 23. April, beim ersten Durchgang der Präsidentschaftswahl. Momentan muss Macron bangen, Opfer seines eigenen Erfolgs zu werden: Reihenweise melden sich prominente Sozialisten, die mitlaufen wollen bei En Marche. Seinem früheren Mentor, dem Noch-Präsidenten Hollande, soll er ausgerichtet haben, doch tunlichst zu schweigen. Jedes Zeichen von Sympathie aus dem Elysée würde Macrons Anspruch untergraben, er sei «der wahre Machtwechsel».

Macron, der Berührbare, lernt Distanz. Er muss sich abgrenzen. Und achtgeben, sein Lächeln zu bewahren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2017, 20:23 Uhr

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